Sport : Weltrekord aus dem Labor

Die Chemiefirma Balco soll Sprint-Weltmeister Tim Montgomery systematisch mit illegalen Mitteln aufgebaut haben

Matthias B. Krause[New York]

Im einem der Hinterzimmer der Bay Area Laboratory Co-Operative (Balco) vor den Toren San Franciscos steht ein Konferenztisch, an der Wand hängt ein Plakat mit einem Sinnspruch von Albert Einstein: „Große Denker stoßen stets auf gewaltigen Widerstand von Kleingeistern.“ Das soll der Ort gewesen sein, an dem im November 2000 fünf Männer einen geheimen Plan ausheckten: „Projekt Weltrekord.“ Ziel war es, den bis dahin mittelmäßigen Sprinter Tim Montgomery zum schnellsten Mann der Welt zu machen – und einen Haufen Geld zu verdienen. Der Plan ging zunächst auf. Doch gleichzeitig wuchsen die Wurzeln für den größten Dopingskandal in der Geschichte der amerikanischen Leichtathletik.

Die Tageszeitung „San Jose Mercury News“ beschrieb in dieser Woche ausführlich, was sich offenbar im Hinterzimmer von Balco abspielte. Als Quelle führt sie die kalifornische Staatsanwaltschaft an, die im Herbst 2003 bei einer Razzia kistenweise Unterlagen beschlagnahmte. Das Chemielabor steht im Verdacht, das illegale Steroid THG produziert zu haben. Dazu mussten fast 100 Sportler vor einer Grand Jury in San Francisco aussagen. Seitdem läuft eine Anklage gegen Balco-Gründer Victor Conte, einen seiner engsten Mitarbeiter und zwei Trainer.

Bei dem besagten Treffen waren neben Conte demnach Sprinter Tim Montgomery, die Leichtathletik-Trainer Trevor Graham und Charlie Francis sowie der Krafttrainer Milos Sarcev anwesend. Dank ausgeklügeltem Training und gezieltem Einsatz leistungssteigernder Mittel sollte Montgomery zum Weltmeister gemacht werden, um dann für die legalen Nahrungsmittelzusätze von Balco zu werben. Kennen gelernt hatten sich Montgomery und Conte bei den Olympischen Spielen in Sydney. Damals war der Balco-Chef seinem Klienten, dem US-Kugelstoßer T. J. Hunter zu Hilfe geeilt, als bekannt wurde, dass vier positive Dopingtests gegen ihn vorlagen. Das wirkte auf Montgomery offenbar eher als Empfehlung denn als Abschreckung.

Die fünf Männer vereinbarten Stillschweigen und gingen an die Arbeit. Laut den Ermittlungen bekam Montgomery regelmäßig ein Mittel mit dem Decknamen „The Clear“: das künstlich hergestellte anabole Steroid THG. Montgomery legte erheblich an Muskelmasse zu – und wurde schneller und schneller. Am 14. September 2002 sprintete er die 100 Meter in 9,78 Sekunden. Weltrekord. Positiv getestet wurde er nie. Erst seit kurzem können die Anti-Doping-Labore THG nachweisen, weil die Fahnder einen Tipp und eine Probe von einem hochrangigen amerikanischen Leichtathletik-Coach bekommen hatten. Die Identität des Hinweisgebers ist bis heute geheim.

Die „Mercury News“ spekuliert, es sei Graham gewesen, also einer der fünf Balco-Verschwörer. Das Balco-Projekt war inzwischen wegen Geldstreitigkeiten auseinander gegangen, Graham verklagte Montgomery unlängst wegen ausstehender Honorare von mehr als 12 000 Dollar. Graham bestreitet den Verdacht und die Teilnahme an der Verschwörung. Ebenso wie Francis, als Trainer des kanadischen Doping-Sünders Ben Johnson zu unrühmlicher Prominenz gelangt, und die anderen.

Die amerikanische Anti-Doping-Agentur USADA und die Staatsanwaltschaft wollen jedoch der Sache auf den Grund gehen. Anfang der Woche bewegten sie Sprint-Weltmeisterin Kelli White unter dem Druck der Beweise zur Kooperation. Im Gegenzug wurde sie nur für zwei anstatt für vier Jahre gesperrt. Vier weitere US-Athleten wurden bereits wegen THG-Missbrauchs gesperrt.

Bis zu 21 weitere Spitzenathleten stehen unter Tatverdacht, neben Montgomery auch dessen Lebensgefährtin Marion Jones. Die Olympiasiegerin hatte Mitte der Woche versucht, in einem Gespräch mit der USADA alle Zweifel über ihre Verbindungen zu Balco auszuräumen. Doch stattdessen mussten ihre Anwälte erstmals einräumen, dass die Fahnder tatsächlich Beweise haben. Allerdings seien die nicht stichhaltig, beeilten sich die Juristen zu versichern.

Jones selbst wird nicht müde zu betonen, sie sei nie positiv getestet worden. Sollte die USADA sie trotzdem für Olympia sperren, werde sie klagen. In der Tat begeben sich die Doping-Fahnder in eine juristische Grauzone, wenn sie Athleten ohne chemischen Beweis am Start hindern. Der Chef der Welt-Anti-Doping-Agentur, Richard Pond, sagt: „Es ist Unsinn, wenn die Leute glauben, nur ein positiver Urintest zähle.“ Gleichzeitig preist er die amerikanischen Kollegen: „Zum ersten Mal seit langer langer Zeit übernehmen die USA in der Doping-Frage eine Führungsrolle.“ Damit hatten die fünf Verschwörer zweifellos nicht gerechnet.

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