Sport : Weltstar in Wolfsburg

Stefan Effenberg ist in der niedersächsischen Provinz angekommen – in der Arbeiterstadt spricht man schon vom VfL in der Champions League

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Von André Görke

Wolfsburg. Montagmorgen, 9 Uhr 41. Vor der Vereinskneipe des VfL Wolfsburg hält ein silberner Passat. Fotografen drängeln sich ums Auto, Kamerateams, Reporter. Die Fans klatschen und johlen, als der Fußballprofi Stefan Effenberg aus dem Wagen steigt. Beige Hose, weißes Hemd, Sonnenbrille, Effenberg sieht gut aus. Viel Zeit hat er nicht. „Morgen“, murmelt er nur und verschwindet in der Mannschaftskabine. Effenberg ist angekommen, wo er vermutlich nie hingewollt hat: in der Provinz.

Ein Weltstar in Wolfsburg. So einen Mann kennen sie dort nur aus dem Fernsehen. Eigentlich hätte Effenberg am Montagmorgen schon bolzen sollen, Kommandos geben, eine kleine Show am Morgen liefern halt. Doch Trainer Wolfgang Wolf will die Jungs in den Wald schicken. Kurz nach zehn Uhr klatschen die Fans wieder. Effenberg kommt in Trainingsklamotten aus der Kabine und steigt in den VW-Bus. Ein Weltstar auf der Rückbank. „Wahnsinn, Alter!“, sagt ein Junge. Zehn Meter fährt der Wagen, dann geht nichts mehr: Die Fans haben den Kleinbus umzingelt. Die Straße ist dicht. Trainer Wolf schickt seine Spieler in den Stadtpark. Effenberg lächelt. Das ist seine Show.

Eine spektakuläre Show, das ist es, was sie in Wolfsburg vermisst haben. Wann kommt schon ein Kamerateam auf die Idee, einen Profi zu filmen, wie er in einen Neun-Mann-Bus steigt? Und wann rennen Fotografen mit den Spielern durch den Stadtpark? Plötzlich ist alles spannend. Einer wie Effenberg, das ist halt eine andere Liga. Effenberg steht für die Bayern. Für die Champions League. Für Skandale. Nachdem der Mittelfeldspieler im „Playboy"-Magazin seinen Kommentar zu Arbeitslosen abgegeben hatte, strich ihn Bayerns Trainer Ottmar Hitzfeld aus dem Kader. Und das vor dem Spiel beim VfL Wolfsburg. Bayerns Präsident Beckenbauer sagte damals: „Effe würde sich keinen Gefallen tun, ausgerechnet in der Arbeiterstadt Wolfsburg aufzulaufen. Da sind seine Sprüche gar nicht gut angekommen.“

Nun hat Stefan Effenberg am Freitag in Wolfsburg seinen Arbeitsvertrag unterschrieben. Ein Jahr ohne Option. Am Mittag bittet der Klub ins VIP-Zelt. Der Presseraum ist zu klein. Sogar Journalisten aus dem Ausland sind angereist. Draußen klatschen die Fans noch immer. Publicity ist genau das, was sich Manager Peter Pander erhofft hat. Er sitzt mit Trainer Wolf auf dem Podium, daneben Effenberg. „Ich habe in den letzten 60 Stunden nur über diese spektakuläre Verpflichtung gesprochen“, sagt Pander. Jetzt solle aber Effenberg zu Wort kommen. Die Fotografen knipsen, der Manager lächelt. Der Klub soll sich von seinem biederen Image lösen. In Wolfsburg sprechen sie sogar von der Champions League.

Der Neue scheint der Richtige dafür, zumindest als Antreiber der Wolfsburger Euphorie. Aber: Hatte er nicht angekündigt, nie mehr in der Bundesliga zu spielen? „Tschuldigung, da habe ich mich geirrt.“ Aber ausgerechnet nun in dieser Kleinstadt? Das ist doch Provinz! „Das ist back to the roots.“ Zurück zu den Wurzeln. Effenberg ist schlagfertig, er wirkt locker und entspannt. Die Fans sind überrascht. Viele kennen Effenberg nur als rüpeligen Stinkstiefel. Dann sagt er: „Glauben Sie mir, in Wolfsburg ist einiges möglich.“

Die Spieler in der Kabine wissen nicht so recht, wie sie mit dem Mann umgehen sollen. Als die Kamerateams vor der Kabine warten, lachen sie, einige winken, andere laufen scheu vorbei. Effenberg wird den Klub durcheinanderbringen, behaupten viele. Mannschaftskapitän Miroslaw Karhan sagt: „Ich habe meine Meinung, ich kann sie aber nicht sagen.“ Natürlich sind die Qualitäten eines Effenberg unbestritten, mit den Bayern hat er ja so ziemlich jeden Pokal gewonnen, den ein Profi nur gewinnen kann. Nur „ob es einen Schub gibt, muss man abwarten“, sagt der Spieler Patrick Weiser. „Es hängt ja nicht von einem Einzelnen ab."

Vier Monate ist es her, dass Effenberg sein letztes Spiel gemacht hat. „Ich bin in einem guten Zustand. Ich kenne meinen Körper“, sagt Effenberg. „Die Eingewöhnungszeit wird nicht lange dauern.“ Denn: „Die Jungs sind okay, und ich bin es auch.“ Effenberg könne ja auch über die Bundesligaspiele fit werden, sagt Trainer Wolf. Der Star hat einen Bonus.

Effenberg hält das Trikot mit der Nummer 10 in der Hand. Das war bislang für Krzysztof Nowak reserviert, der wegen einer Nervenkrankheit seine Karriere hatte beenden müssen. Effenberg sagt: „So etwas ist auch für mich eine Ehre.“ Am Sonnabend wird er das Trikot in Bielefeld tragen. Als Effenberg im Hotel verschwindet, grüßen die Menschen. Jetzt haben sie sich viel zu erzählen.

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