Sport : Wenn Boote zu Monstern werden

Tatjana Pokorny

Die selbst erklärten Erneuerer des America’s Cup sind zu weit gegangen. Ein Mensch ist gestorben, obwohl offenbar alle Sicherheitsmaßnahmen eingehalten worden waren. Am Donnerstag ertrank Olympiasieger Andrew Simpson im Trainingseinsatz, begraben unter dem zerborstenen Riesenkatamaran seines schwedischen Teams Artemis Racing. Ohne Chance, die rettende Wasseroberfläche zu erreichen. Weder das Messer, dass die Segler immer bei sich tragen, noch das Sauerstoffnotgerät konnten den 36 Jahre jungen Ehemann und Vater zweiter kleiner Söhne retten, um den die Segelwelt seitdem fassungslos trauert.

Die Klärung des exakten Unfallhergangs ist angelaufen. Erste Expertenvermutungen gehen davon aus, dass zunächst die Struktur des neuen Bootes gebrochen und es dann erst gekentert ist. Es hätte aber auch anders herum passieren können. Fakt bleibt: Im Zentrum des Unglücks standen die monströsen Rennmaschinen auf zwei Kufen, mit denen ihre Erfinder den neuen America’s Cup heraus aus dem Fred-Feuerstein-Zeitalter und herein in die Facebook-Generation katapultieren wollen. Sie sollen die Formel 1 des Segelsports sein, Medien und Fanmassen begeistern, obwohl Kritiker von Beginn an vor den Gefahren gewarnt hatten. Allen Bedenken zum Trotz haben die verantwortlichen Cup-Verteidiger die bis 2007 genutzten Einrumpfyachten radikal ausgemustert.

Es wurde nicht gekleckert, sondern geklotzt. Bootsmonster auf zwei Kufen vom Typ AC 72 wurden zur neuen Cup-Klasse gekürt. Diese Hightech-Maschinen sind 22 Meter lang, 14 Meter breit und mit einem 40 Meter hohen Flügelmast ausgestattet. Erst seit August 2012 üben die Segler, diese Boliden zu bändigen. Die Meeresriesen können doppelt so schnell über die Wellen gleiten wie der Wind, der sie antreibt. Ein falsches Manöver, eine hohe Welle bei Geschwindigkeiten von bis zu 73 Stundenkilometern und es droht der Segelgau.

Der ist nun eingetreten. Dass Ärzte und Taucher an Bord von Begleitbooten die Katamarane wie üblich flankierten, um im Notfall einzugreifen, hat den Tod von Andrew Simpson ebenso wenig verhindern können wie eine Armada von weiteren Helfern der anderen Teams. Alle diese Maßnahmen waren nach der ersten Kenterung der Cup-Verteidiger selbst im vergangenen Jahr eingeführt worden. Wie durch ein Wunder gab es damals keine schweren Verletzungen.

Es ist kaum vorstellbar, dass der America’s Cup im Spätsommer nicht in geplanter Weise ausgetragen wird. Es ist zu viel Geld im Spiel, es sind zu viele Verträge geschlossen, zu viele Interessenparteien involviert. Vielleicht kommt doch noch jemand auf die Idee, die überzüchteten AC-72-Yachten gegen die immerhin seit einigen Jahren erprobten AC-45-Katamarane auszutauschen? Die sind auch anspruchsvoll. Weniger könnte mit Blick auf den 34. America’s Cup mehr sein: mehr Sicherheit, mehr Vertrauen.

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