Sport : Wenn Sieger streiten

Richard Leipold

Als die anderen Dortmunder Profis sich Hand in Hand vor der Südtribüne versammelten und das 3:0 über Energie Cottbus feierten, saß Marcio Amoroso beleidigt im Schmollwinkel und zürnte seinem Vorgesetzten. Der brasilianische Stürmer ärgerte sich über die Kurzarbeit, die ihm der Trainer verordnet hatte. Amoroso, der sich dem Spaßfußball verschrieben hat, musste schon nach 68 Minuten einem biederen Fußwerker wie Miroslav Stevic weichen. Konnte das überhaupt sein?

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Nicht möglich, dachte der Dortmunder Torjäger mit dem ausgeprägten Spieltrieb. Fest entschlossen, auf dem Feld zu bleiben, ignorierte er sämtliche Zeichen und Rufe von der Trainerbank. Als Schiedsrichter Lutz Wagner den Ball wieder freigegeben hatte, kickte Amoroso unverdrossen weiter, als sei nichts gewesen. Der Brasilianer praktizierte das Gegenteil von Arbeitsverweigerung - bis zur nächsten Unterbrechung. Sammer meinte es ernst; er ließ über Amorosos weiteren Aufenthalt auf dem Rasen nicht mit sich verhandeln.

Die Fans der Borussia pfiffen den Trainer aus, was eine seltene Ausnahme im Westfalenstadion darstellte. Zugleich klatschten sie ihrem beleidigten Lieblingsspieler frenetisch Beifall. Der Stürmer stapfte mit Gesten voller Groll am Trainer vorbei in die Katakomben wie ein trotziges Kind, das vom Vater nach Hause gerufen wird, obwohl die anderen noch draußen bleiben dürfen. Amorosos Augen funkelten vor Wut. "Wir hatten in dieser Situation ein großes Problem, Marcio wollte nicht raus", sagte Sammer. "Er war sauer, ich war sauer." Nach dem Duschen floh der Brasilianer aus dem Scheinwerferlicht in die dunkle Dortmunder Nacht - ohne ein Wort, aber mit noch immer bösem Blick. Es war nicht sein Tag gewesen.

Zehn Minuten vor der umstrittenen Auswechslung hatte Schiedsrichter Wagner ihm einen aus Abseitsposition erzielten Treffer aberkannt. Traurig über diese - richtige - Entscheidung habe Amoroso "gegen zehn Mann" mit der Chance auf "weitere Tore" gerechnet, sagte Abwehrspieler Dédé. Da der Schiedsrichter Timo Rosts wiederholtes Foulspiel an Kehl mit der Gelb-Roten Karte bestraft hatte, spielte Energie Cottbus von der 18. Minute an in Unterzahl und ließ den Mut sinken. Amoroso hatte gehofft, davon profitieren zu können. Doch gegen den dezimierten Abstiegskandidaten Tore zu schießen blieb seinen Mitstreitern Ewerthon, Rosicky und Reina vorbehalten.

Der Dortmunder Trainer, dem in diesem Drama die Rolle der Spaßbremse zufiel, kritisierte den Ungehorsam des allzu tatendurstigen Stürmers. "Ich bin nicht für einzelne verantwortlich, sondern für den ganzen Laden. Wir lassen uns nicht veralbern." Sammer bemängelte vor allem das unkollegiale Verhalten Amorosos gegenüber Stevic. "Der Trainer ist sowieso immer der Blöde, aber wenn Marcio nicht runterkommt und den eigenen Kumpel stehen läßt, ist das nicht in Ordnung."

Diesen Fehler hat am Ende sogar Amoroso eingesehen. So sehr er sich über Sammer auch geärgert hat: Der Gescholtene entschuldigte sich in der Kabine bei der gesamten Mannschaft. Auch das Verhältnis zu seinem Vorgesetzten sei nicht nachhaltig gestört, behaupten die Verantwortlichen. Der Trainer wies Spekulationen über ein schweres Zerwürfnis zurück, noch ehe sie jemand geäußert hatte. "Die Frage wird ja kommen, aber so wie Marcio reagiert hat, ist es mir lieber, als wenn er es ihm egal wäre", sagte Sammer. "Es ist mir recht so." Er wolle versuchen, "Amoroso zu erklären, daß es nichts Persönliches war".

Für die angekündigte Aussprache unter Männern riet Manager Michael Meier dem Fußball-Lehrer, "die Mentalität" von brasilianischen Profis im allgemeinen und Angreifern im besonderen zu berücksichtigen. "Die spielen gerne Fußball, und als Stürmer wollen sie ihre Tore schießen." Meier erwartet, dass der Streit in Kürze wieder völlig ausgeräumt sei. "Wir haben eine Woche Zeit dafür."

So lange will Matthias Sammer offenbar nun doch nicht warten, ihm ist viel eher an einer sehr schnellen Lösung dieses hausgemachten Problems gelegen. "Es dauert keine zwei Minuten, dann ist die Sache vom Tisch, und wir können uns wieder in die Augen schauen."

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