Sport : Wenn Sieger zu Verlierern werden

Während Bayern die Pokalniederlage leichtnimmt, herrscht in Aachen trotz der Sensation Missstimmung

Stefan Hermanns[Aachen]

Das Geschäftsjahr 2006 endete für die Profis von Alemannia Aachen gestern mit der medizinischen Abschlussuntersuchung, doch übertriebene Sorge um ihre körperliche Unversehrtheit war es nicht, die die Fußballer am Abend zuvor den letzten Willen ihrer Anhänger ignorieren ließ. „Hin! Set! Zen!“, riefen die Fans nach dem 4:2-Sieg des Aufsteigers gegen Bayern München. Gesundheitliche Erwägungen sprachen dagegen, sich auf den nassen Rasen zu setzen, doch dass die Spieler einfach stehen blieben, hatte vor allem disziplinarische Gründe. „Es war in den letzten Wochen ein bisschen komisch, weil sich die Stimmung gegen eigene Spieler gerichtet hatte“, sagte Jan Schlaudraff. „Deswegen wollten wir für uns ein großes Spiel machen.“ Dass auch die Zuschauer ihren Spaß daran hatten, ließ sich nicht vermeiden.

Siege gegen den FC Bayern kommen immer gelegen, aber den Aachenern passte der Erfolg gleich doppelt. Der Triumph bot ihnen die Gelegenheit, grundsätzlich zu werden, ohne dabei als schlechte Verlierer dazustehen. Alemannias Trainer Michael Frontzeck berichtete, dass einige Spieler zuletzt vom eigenen Anhang beleidigt worden waren, „auf das Übelste“, und auch er selbst war das Opfer wenig sachlicher Kritik geworden. „Ich weiß nicht, was die wollen“, sagte Frontzeck. Sportdirektor Jörg Schmadtke ist von der latenten Aggressivität auf den Rängen derart irritiert, dass er anregte, einen Wassergraben zwischen Haupttribüne und Trainerbank zu ziehen.

Es war eine paradoxe Situation: Während der überraschende Sieger des Pokalspiels eine Grundsatzdebatte über den Niedergang der Fankultur führte, weigerte sich der überraschende Verlierer, in irgendeiner Weise grundsätzlich zu werden. „Das kommt mal vor“, sagte Uli Hoeneß zum Ausscheiden aus dem Pokal. „Ich finde das gar nicht so schlimm. Basta.“ Bayerns Manager ist im Umgang mit der Mannschaft ohnehin für antizyklisches Verhalten bekannt, doch auch alle anderen Münchner blickten mit weihnachtlicher Barmherzigkeit auf ihren Auftritt zurück. „Die bessere Mannschaft über 90 Minuten hat verloren“, sagte Mark van Bommel, der mit dem Anschlusstreffer zum 2:3 noch einmal die Hoffnung auf eine Wende genährt hatte.

Die Münchner hatten tatsächlich mehr getan, als ihnen in der Regel für einen Erfolg gegen die nationale Konkurrenz abverlangt wird: Sie spielten 60 Minuten lang entschlossen, engagiert und mit einer unzeitgemäßen Lust am Fußball: 15 Minuten zu Beginn, die Hoeneß zur besten Auswärtsleistung des Jahres adelte, und 45 am Schluss. In der Zwischenzeit allerdings schossen die Aachener drei Tore zur 3:0-Pausenführung. Trotzdem geriet ihr Gesamterfolg noch in Gefahr, nachdem der eingewechselte Lukas Podolski in der 47. Minute das 1:3 erzielt hatte. Philipp Lahm berichtete, dass Trainer Felix Magath in der Pause gesagt habe, „wir sollten beweisen, dass wir eine Mannschaft sind. Das haben wir bewiesen“.

Eine erbärmliche Chancenverwertung und eine gewisse Sorglosigkeit in der Defensive ermöglichten am Ende den Aachener Sieg. Trotzdem äußerte sich kaum ein Spieler der Bayern selbstkritisch. Nur Verteidiger Daniel van Buyten klagte über taktische Disziplinlosigkeit: „Wir sind so rumgelaufen, wie wir wollten.“ Man konnte sich leicht ausmalen, dass er Abwehrspieler Lucio meinte, der neben den vier nominellen Stürmern Podolski, Makaay, Santa Cruz und Pizarro am Ende auch nur noch vorne rumturnte.

Zum Glück hatte Uli Hoeneß van Buytens Kritik nicht vernommen. Der Manager war nicht bereit, sich das Spiel mies reden zu lassen. „Wir können mit der Leistung der Mannschaft total zufrieden sein“, sagte Hoeneß. Auch deshalb weigerte er sich, in der Niederlage mehr zu sehen als – eine Niederlage. Zum Beispiel einen treffenden Schlusspunkt für ein wenig erquickliches Halbjahr, das den Bayern Niederlagen gegen Bielefeld, Wolfsburg, Hannover und gegen Aachen eintrug. „Wir müssen jetzt nicht unser ganzes Spiel verändern“, sagte Philipp Lahm. Doch auch nach der Vorstellung auf dem Tivoli bleibt die grundsätzliche Frage unbeantwortet: Wofür stehen die Bayern eigentlich in dieser Saison? Die Hauptrollen für die diesjährige Aufführung sind längst vergeben: Werder Bremen besetzt das Fach Schönheit, Schalke 04 die Effizienz und der VfB Stuttgart jugendliche Unbeschwertheit. Die Münchner suchen immer noch nach einer Nische. Wenn sie Glück haben, heißt diese Nische Champions League. „Man kann nicht ewig auf drei Hochzeiten tanzen“, sagte Hoeneß. „Jetzt gehen wir auf die anderen Ziele los.“

Vielleicht finden die Bayern ein wenig Trost bei Alemannia Aachen, dem besten Beweis dafür, dass man auch schnell wieder aus der Rolle fallen kann. Der Verein, bisher ein Art Lordsiegelbewahrer des wahren Fußballs, durchlebt eine Identitätskrise. Mit dem Aufstieg hat sich auf dem Tivoli das einfältige Eventpublikum breit gemacht, das nun mit seinen irrealen Ansprüchen die Stimmung vergiftet. „Das ganze Jahr 2006 war sensationell“, sagte Verteidiger Alexander Klitzpera. „Wir haben den Aufstieg geschafft. Wir haben tolle Spiele gemacht. Wir haben viele Punkte geholt. Und wir haben den DFB-Pokalsieger der letzten beiden Jahre geschlagen. Was will man mehr?“ Gute Frage eigentlich.

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