Sport : Wenn Vereine Schule machen

Die Ganztagsschule galt als Bedrohung des Sportklubs – in Berlin arbeiten beide gut zusammen.

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Da kommt was ins Rollen. Die Piraten-AG dieser Grundschule in Prenzlauer Berg wird von einer Vereinstrainerin geleitet. Foto: Engler/LSB
Da kommt was ins Rollen. Die Piraten-AG dieser Grundschule in Prenzlauer Berg wird von einer Vereinstrainerin geleitet. Foto:...Foto: Fotoagentur-Engler

Berlin - Toben, raufen und auf dem Rollbrett durch den Raum flitzen: Was im normalen Unterricht nicht besonders gut ankommt, ist in der Piraten-AG genau das Richtige. Die Jungs aus der Grundschule am Senefelder Platz in Prenzlauer Berg lassen sich das nicht zweimal sagen. Aus Turnkästen, Bänken und Matten haben sie zwei Piratenschiffe gebaut, zwischen denen sie hin und her sausen, die sie mal entern und mal verteidigen müssen.

Für die Kinder ist das ein großer Spaß, für ihre Übungsleiterin steckt eine Menge Pädagogik dahinter. Nach einem psychomotorischen Konzept sei die AG aufgebaut, beim Rangeln lernten die Kinder Fairness, Körper- und Selbstbewusstsein und auch, Regeln auszumachen und sich an sie zu halten, erklärt Yvonne Bienas. Die Piraten-AG ist besonders bei den Jungen beliebt. Angeboten wird sie aber nicht von der Schule selbst, sondern vom Sportverein des Pfefferwerks, der dafür eine Trainerin in die Grundschule schickt.

Möglich gemacht wird diese Kooperation über das von der Senatsbildungsverwaltung und aus Lottomitteln finanzierte Programm „Schule und Sportverein“. Seit 20 Jahren gibt es das Programm, und es wird in Berlin immer beliebter – besonders, seit sich der größte Teil der Berliner Schulen zu Ganztagseinrichtungen gewandelt hat. An den Grund- und Sekundarschulen ist die Betreuung bis in die Nachmittagsstunden inzwischen nämlich die Regel und auch an den Gymnasien sind die Schüler oft bis 16 Uhr.

Für die Sportvereine ist die Entwicklung eine große Herausforderung. Denn eine Folge der Ganztagsschulen ist, dass den Kindern und Jugendlichen dadurch oft die Zeit und die Energie fehlt, sich nach Schulschluss noch in eine Turnhalle aufzumachen. Doch wenn die Kinder nicht zu den Vereinen kommen, dann kommen die Vereine eben zu den Kindern – so der Gedanke hinter dem Programm „Schule und Sportverein“.

Nachwuchsarbeit ist für jeden Klub von existenzieller Bedeutung. Der Weg über die Schulen ist dabei für viele Vereinsverantwortliche allerdings noch ungewohnt – obwohl er eine große Chance bietet. „Die Aufgabe besteht darin, die Sportvereine in den Schulunterricht zu integrieren“, sagt Klaus Böger, Präsident des Landessportbunds Berlin (LSB). Gerade im Hinblick auf die auf acht Schuljahre verkürzte Gymnasialzeit besteht sonst die Gefahr, den Anschluss an die Jugend zu verlieren. Schließlich gibt es neben Vereinssport noch andere attraktive Freizeitangebote, die oft auch weniger Aufwand erfordern. Für Böger ist klar, dass beide Seiten überhaupt erst einmal „miteinander in Kontakt kommen“ müssen.

Das funktioniert in Berlin bereits gut. Kooperationen zwischen Schulen und Vereinen gibt es mittlerweile an 266 Grundschulen und mehr als 60 Sekundarschulen, nach Angaben des Landessportbundes waren es im Jahr 2012 über 780 einzelne Maßnahmen – in der Regel Sport- und Freizeitarbeitsgemeinschaften. Seit diesem Jahr gibt es auch noch ein weiteres Programm in Berlin: „Profivereine machen Schule“. Dabei engagieren sich Alba, Hertha, Union, Eisbären, Füchse und Volleys vor allem an Schulen mit Sportprofil, schicken Trainer in den Sportunterricht und in AGs. Doch während es bei diesem Angebot auch darum geht, Nachwuchstalente für die Vereine zu finden, spielt das beim Programm „Schule und Sportverein“ weniger eine Rolle. Hier steht die Jugendsozialarbeit im Vordergrund, es geht um die Förderung sozial oder gesundheitlich benachteiligter Schüler.

So wie zum Beispiel an der Pestalozzi-Schule in Zehlendorf, die gleichzeitig Grundschule und sonderpädagogisches Förderzentrum ist. In der Zirkus-Artistik-AG spielen Kinder mit und ohne Behinderungen und Lernschwierigkeiten gemeinsam: Die Kinder wirbeln mit bunten Tüchern, rollen zu zweit im Purzelbaum über die Matte und zeigen, wie gut sie schon auf einem Ball balancieren können. Einige machen das ganz mühelos allein, bei anderen hilft Trainerin Barbara Noack. Am meisten freut sich ein Mädchen mit Down-Syndrom, als sie wieder vom Ball herunterspringt. Erfolgserlebnisse für alle, Zusammenhalt in der Gruppe – die Schulleitung ist voll des Lobes und Eltern und Kinder freuen sich schon auf die nächste Aufführung.

Wie wichtig Sportangebote gerade für Jugendliche an Oberschulen sind, erzählt Julie Winkel, Sozialarbeiterin an einer Bohnsdorfer Sekundarschule und Vorstandsmitglied bei der Sportjugend Berlin: „Wir haben Probleme mit Schulschwänzern, Gewalt und auch Wohlstandsverwahrlosung. Über den Sport können wir die Jugendlichen oft einfacher erreichen als über andere Projekte“, so Winkel. Abenteuer- und Sportpädagogik werde an ihrer Schule eingesetzt, von 23 Zusatzangeboten im Ganztagsbetrieb sind mehr als die Hälfte Sportprojekte.

Die Kooperation von Schule und Vereinen sei ein Erfolgsmodell, findet auch Tobias Dollase, Vorsitzender der Sportjugend Berlin. Doch eine Schattenseite gebe es auch: „Seit 1993 hat sich der Honorarsatz nicht verändert.“ 25 DM bekamen die Übungsleiter damals für eine Doppelstunde, jetzt seien es 13 Euro. Dollase, der auch Vizepräsident des Landessportbunds ist, findet: 20 Euro sollten es schon sein.

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