Sport : Wer foult, verliert

Beim Sieben-Minuten-Spiel von Madrid sehen die Zuschauer ein Tor und zwei Auswechslungen

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Eine „tonteria“ sei das, lässt eine Frau beim Aufstieg zu den Rängen des BernabeuStadions ihren Begleiter wissen: eine Torheit. „Wegen sieben Minuten zum Fußball zu gehen!“ In dieser Zeit seien mitunter drei Tore erzielt worden, versucht sie der Herr an ihrer Seite versöhnlich zu stimmen. „Na und? Wenn ich ins Stadion gehe, will ich Fußball sehen. Wenn es nur auf die Tore ankommt, kann man gleich ein Elfmeterschießen veranstalten“, erwidert sie. Das kann man in dem Fall nicht, denn es gilt, die knapp 420 Sekunden des Meisterschaftsspiels zwischen Real Madrid und Real Sociedad San Sebastian nachzuholen, weil das Spiel wegen einer Bombendrohung am 12. Dezember beim Stande von 1:1 unterbrochen worden war.

Und weil der dichtgedrängte Spielplan keine andere Lösung zulässt, wurde dafür der Tag ausersehen, an dem traditionell ganz Spanien auf den Beinen ist, um einem ganz anderen Spektakel beizuwohnen: den „Cabalgatas“. So nennt man die wie rheinische Karnevalswagen dekorierten Gefährte, auf denen die Reyes magos – die heiligen drei Könige – durch die Straßen kutschiert werden. Es finden sich allerdings doch noch genug Leute für den Fußball. 22 000 sind es immerhin, die bei schneidend kalten Temperaturen im Bernabeu-Stadion Platz nehmen. Der Verein hat sich im Vorfeld nichts überlegt, um den Fans etwas zu bieten. Kein Showprogramm, kein Quiz, kaum Würstchenverkäufer, schließlich musste man schon den kompletten Ordnungsdienst für das Minispiel bezahlen. Im Stadion sitzen nur Anhänger der Gastgeber. Real Sociedad bemühte sich vergeblich, ihre Fanklubs zur weiten Reise von San Sebastian in die Hauptstadt zu bewegen.

Sie hätten dort vor allem die Aufwärmübungen der beiden Mannschaft zu sehen bekommen, die dauerten diesmal wenigstens doppelt so lange wie sonst. Aber auch die elektrisieren niemanden. Also finden die Experten einiges Gehör, die auf den Rängen ihrer Nachbarschaft die taktischen Varianten erklären, die in einem solchen Ausnahmefall angebracht erscheinen. „Vor allem den Ball in den eigenen Reihen halten“, empfiehlt einer. Ein paar Reihen weiter plädiert ein Zuschauer dafür, Fouls im Mittelfeld zu provozieren, um so durch Freistöße in den Strafraum des Gegners zu gelangen. Andere bewegt die Frage, ob der eine Woche zuvor engagierte neue Trainer Madrids, Vanderlei Luxemburgo, bereits für das verantwortlich gemacht werden könne, was man gleich zu sehen bekommen werde. Dazu gibt es so viel zu sagen, dass viele den ungewöhnlichen Beginn gar nicht mitbekommen: Sociedads Torwart Riesgo befördert den Ball in die gegnerische Spielhälfte, um die Begegnung exakt mit der Aktion wieder aufzunehmen, bei der sie im alten Jahr unterbrochen worden war.

Die Stadionuhr bewegt sich zielstrebig auf die 90-Minuten-Marke zu, und auf dem Rasen ähnelt das Spiel dem anarchischen Gekicke auf Bolzplätzen. Beide Teams stehen fast immer vor dem jeweils anderen Tor. Schnell geht es hin und her. Nur keine Zeit im Mittelfeld verlieren. Dann, es läuft die vierte beziehungsweise 88. Spielminute, will der Schiedsrichter darauf aufmerksam machen, dass er ebenfalls zugegen ist. Er pfeift und weist auf den Elfmeterpunkt vor dem Sociedad-Tor. Madrids brasilianischer Stürmerstar Ronaldo liegt gefoult am Boden. Ein klarer Fall – und doch gibt es Zweifel. „In einem normalen Spiel wäre das kaum ein Elfmeter gewesen“, flüstert einer. Ein anderer atmet auf: „Zum Glück ist Figo nicht im Spiel.“ Der Portugiese in den Reihen Reals war am 12. Dezember vor der Spielunterbrechung ausgewechselt worden und durfte daher dieses Mal nicht dabei sein. Er ist gewöhnlich der Elfmeterschütze vom Dienst bei den Madrilenen – vergab zuletzt aber meist, wenn es eng war.

Also läuft Zinedine Zidane an und trifft: 2:1. Luxemburgo, der neue Real-Trainer, reagiert hektisch und wechselt noch aus. Ronaldo gegen Pavón und Raul gegen Solari. Das Publikum findet keine Zeit, um zu staunen. Denn schon pfeift der Schiedsrichter ab. Es jubelt niemand, draußen vor dem Stadion werden die heiligen drei Könige gefeiert.

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