Sport : Wer trägt die Fahne?

Immer mehr Funktionäre wollen eine Fusion der Sportverbände – das NOK gerät unter Druck

Robert Ide

Berlin - Wenn man nach der Stimme des deutschen Sports sucht, muss man mit drei Personen reden: Manfred von Richthofen, Präsident des Deutschen Sportbundes (DSB), Klaus Steinbach, Präsident des Nationalen Olympischen Komitees (NOK), und Thomas Bach, einflussreiches Mitglied im Internationalen Olympischen Komitee. Wenn man sie fragt, wer zukünftig für den deutschen Sport spricht, fallen die Antworten eindeutig uneinheitlich aus. „Bis Ende 2006 sollte es nur einen Dachverband geben, in der kommenden Woche werden wir eine Arbeitsgruppe dazu einsetzen“, sagt von Richthofen forsch. „Wir sollten erst darüber reden, welche Inhalte ein neuer Verband haben soll, danach über Strukturen und am Ende über Personen“, sagt Steinbach zurückhaltend. Und Bach lässt sich so zitieren: „Ich strebe den Posten des neuen Verbandschefs nicht an.“

Seit dem enttäuschenden Abschneiden vieler deutscher Sportler bei Olympia in Athen, vor allem im Schwimmen und der Leichtathletik, ist eine Strukturdebatte entbrannt. Von Richthofen und Bach drängen darauf, einen neuen Dachverband zu gründen. Bislang kümmern sich zwei Organisationen um die Athleten: der DSB, zuständig für Breitensport und vor großen Wettkämpfen für Leistungssport, sowie das NOK, zuständig für die Entsendung des Olympiateams. Hinzu kommt die Deutsche Sporthilfe, die Talente fördert, sowie ein föderales System aus Olympastützpunkten und Landessportbünden. „Es ziehen zu viele Leute an den Sportlern“, sagt NOK-Chef Steinbach. Er selbst war Leiter des deutschen Teams in Athen. Doch die Vorbereitung der Athleten lag in der Hand von Ulrich Feldhoff, Leistungssportchef des DSB. „Nach den Spielen wurde das NOK für das Ergebnis der Mannschaft verantwortlich gemacht, dabei hatte es damit kaum etwas zu tun“, resümiert Bach.

In der Debatte gerät dennoch vor allem das NOK unter Druck, denn es ist kleiner als der DSB und kann kaum mehr einbringen als olympische Zuständigkeiten. Darüber hinaus hat Steinbach durch die verpatzte Leipziger Olympiabewerbung und den gescheiterten Umzug seines Verbandes von Frankfurt am Main nach Berlin an Renommee verloren. Steinbach hält jedoch an der Unabhängigkeit des NOK fest. „Bei einer Fusion müssen wir uns an der Olympischen Charta orientieren“, sagt er. Die besagt, dass jedes Land, das an Olympia teilnehmen will, ein unabhängiges NOK haben muss. Nichtolympische Sportverbände etwa dürfen nicht die olympischen Ringe vermarkten. Die aber bringen das meiste Geld. Vier deutsche Topsponsoren bezahlen nach Angaben aus Funktionärskreisen je knapp eine Million Euro jährlich, um Partner der Olympiamannschaft zu sein. Das Geld geht an das NOK und die Sporthilfe. Der DSB hat solche Einnahmen nicht.

DSB-Chef von Richthofen, der 2006 aufhört, geht es um mehr als um Leistungssport. „Wir brauchen ein Dach über alles, das verlangen schon die finanziellen Zwänge.“ Wirtschaft und Politik wünschen sich seit langem einen einzigen Ansprechpartner. „Für viele Funktionäre heißt das: weniger Tagungen, weniger Reisen“, sagt von Richthofen. Als Vorbild nennt er die Schweiz. Hier wurde das System komplett reformiert. Marco Blatter, Chef des Schweizer Sports, rät den Deutschen: „Derjenige, der sich bei der Wahl zum Verbandschef durchsetzt, muss alle Macht haben.“ (siehe unten)

Wer könnte die neue Stimme des deutschen Sports sein? Von Richthofen hört auf, Steinbach gilt vielen noch als unerfahren. Einige Funktionäre favorisieren Christa Thiel für zukünftige Führungsaufgaben, doch die Schwimm-Präsidentin muss zunächst das Abschneiden ihrer Athleten in Athen aufarbeiten, ebenso Leichathletik-Chef Clemens Prokop. Bleibt vielleicht Thomas Bach, der seit kurzem nicht mehr Vizepräsident des IOC ist und gute politische Kontakte hat. Er sagt: „Ich strebe den Posten nicht an.“ Eine eindeutig uneindeutige Aussage.

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