Werder schwächelt : Bremens hilflose Klammergriffe

Aus im Pokal, beinahe chancenlos in der Champions League und in der Bundesliga weit zurück: Werder schwächelt in allen Wettbewerben. Trainer Schaaf wirkt ratlos und weit weg vom Team.

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Nichts geht derzeit bei den Grün-Weißen.
Nichts geht derzeit bei den Grün-Weißen.Foto: dpa

In diesem Aufzug hätte Wesley auch zu jeder Beerdigung gehen können. Schwarze Leinenschuhe, schwarze Tuchhose, schwarzer Wollpullover mit schwarzem Fellkragen, schwarzer Schal. Der erst seit wenigen Wochen bei Werder Bremen tätige Brasilianer wollte damit allerdings nicht auf die trübe Situation seines Arbeitgebers verweisen. Der 23-Jährige sagte nur, ihm gefalle das eben. Und außerdem: „Wenn bald der Winter kommt, ziehe ich wohl noch einen Pullover mehr an.“ Sich warm einzupacken ist für alle Profis von der Weser keine schlechte Idee, wo doch ein stürmischer Herbst heraufgezogen ist.

Abgehängt in der Liga, ausgeschieden im DFB-Pokal und irgendwie auch in der Champions League: Nach dem 0:2 gegen Twente Enschede am Dienstagabend konnte sich auch Trainer Thomas Schaaf nur noch mit „viel Phantasie“ ein Überwintern im internationalen Geschäft vorstellen. Selbst die Europa League ist fast außer Reichweite, bei der sechsten Champions-League-Teilnahme in sieben Jahren droht Werder erstmals der totale Reinfall. Torsten Frings empfahl vorsorglich, die finalen Partien bei Tottenham Hotspur am 24. November und gegen Inter Mailand am 7. Dezember frei aufspielend „zu genießen“.

Frings wird dabei zusehen müssen. Fast hilflos wirkte der Klammergriff des Kapitäns gegen Enschedes überragenden Bryan Ruiz, für den er vom Platz gestellt wurde. Die Rote Karte wertete Per Mertesacker als „Knackpunkt“ für die späten Gegentore durch Nacer Chadli und Luuk de Jong.

„Mir blieb nicht viel übrig“, sagte Frings, „ich habe mich geopfert.“ Seine Aufstellung auf völlig ungewohnter Position als zentraler Verteidiger sei ein guter Schachzug vom Trainer gewesen. Das aber war es gerade nicht: Wegen seiner eklatanten Schnelligkeitsdefizite war der bald 34-Jährige wiederholt überlaufen worden. Es blieb Schaafs Geheimnis, warum er nicht wenigstens in der Innenverteidigung das eingespielte Gespann beisammen ließ. Und warum er sich nicht daran erinnerte, dass Frings einst in Bremen als rechter Verteidiger begann und diesen Part sehr verlässlich über Jahre auch in der Nationalmannschaft bekleidete. Ohnehin wirkt der 49 Jahre alte Trainer zurzeit wie ein Suchender, so wahllos werden in dieser Saison System und Personal gewechselt. Seit der Meisterschaft 2004 wirkte kein grün-weißes Ensemble so farblos, seit Schaafs Amtsantritt 1999 war noch nie so wenig Handschrift zu erkennen.

Als die Spieler nach dem Schlusspfiff in halber Entschlossenheit einen Kreis bilden sollten, führte Vorstandschef Klaus Allofs das Wort. Botschaft? „Keiner soll sein eigenes Ding machen“, sagte Mittelfeldspieler Aaron Hunt später. Schaaf lief just in diesem Moment allein und in sich gekehrt die Seitenlinie auf und ab.

Allofs’ verzweifelter Versuch, den schwer erziehbaren Kader symbolhaft zusammenzuschweißen, drückte Machtlosigkeit aus. Fast trotzig klammerten sich die Beteiligten an die positiven Aspekte, Allofs wollte „viel Gutes“ gesehen haben, Frings beteuerte, es klinge zwar blöd, „aber wir müssen genauso weitermachen“. Und Schaaf befand: „Wir haben uns in die richtige Richtung bewegt, es ist nur das falsche Ergebnis herausgekommen. Wir müssen jetzt zusammenrücken.“

Schaaf betonte nach dem Spiel immer wieder, mit der Mannschaft in der Kabine lange geredet zu haben. Das legt die Vermutung nahe, dass der wertkonservative Fußballlehrer dies gewöhnlich eher selten tut. In einer Zeit, da eloquentere Kollegen wie Thomas Tuchel und Jürgen Klopp über Ansprache und Vertrauen zu ihren Spielern viel erreichen, wirkt es bei Werder so, als würden Bremens Baumeister erst in der Krise erkennen, was Teamgeist und Identifikation, Gemeinschaft oder Gemeinsinn bewirken können. Allofs sagt: „Das Potenzial ist vorhanden. Es muss nur voll abgerufen werden.“

Die nächsten zwei Bundesligaspiele, erst beim VfB Stuttgart, dann gegen Eintracht Frankfurt, gelten nun als Charaktertest. In Per Mertesackers Analyse der Situation klang schon viel Fatalismus mit. „Grundsätzlich gibt es Schlimmeres im Leben, als ein Fußballspiel zu verlieren“, sagte der Nationalspieler. „Wir versuchen uns jetzt, auf den Bundesliga-Alltag zu konzentrieren. Das ist der Rest, der uns noch geblieben ist.“

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