Sport : Werder und das System Schaaf

Steffen Hudemann

Bremen - Vor Beginn dieser Saison erschien in der spanischen Sportzeitung „AS“ ein Artikel mit einer bemerkenswerten Aufzählung. Die Journalisten stellten die vier Trainer vor, die ihrer Meinung nach den europäischen Fußball in den kommenden zehn Jahren prägen werden: Rafael Benitez, José Mourinho, Frank Rijkaard und – Thomas Schaaf.

Der Trainer aus Stuhr-Brinkum, der seit 33 Jahren bei Werder Bremen ist, in einer Reihe mit den Kollegen aus Liverpool, Chelsea und Barcelona? Nach dem Start der Bremer in die Champions League mit null Punkten aus zwei Spielen wirkt diese Einschätzung etwas schräg. Und dennoch: Ein Blick auf die Bundesliga-Tabelle verrät, dass das System Schaaf Modellfunktion hat. Während die Zusammenarbeit zwischen Startrainer Giovanni Trapattoni und dem VfB Stuttgart wohl schon als Missverständnis einzuordnen ist, stehen auf den ersten vier Plätzen drei Klubs mit Trainern aus den eigenen Reihen: neben Werder der Hamburger SV nach Bremer Vorbild mit Thomas Doll und Hertha BSC mit Falko Götz.

Vor sechs Jahren wurde Schaaf in Bremen Cheftrainer, nachdem er im Klub fast alle Funktionen außer der des Busfahrers innegehabt hatte. Er war Jugendspieler, Profi, Nachwuchstrainer, Amateurtrainer. „Sein großer Vorteil ist die persönliche Identifikation mit dem Verein“, sagt Werders Vorsitzender Jürgen Born. Ein Trainer, der seinen 20. Klub betreue, sei wie ein Anwalt, der sich für einen neuen Mandanten einsetze. „Thomas Schaaf ist dagegen immer mit dem Herzen dabei.“ Umso mehr dürfte es den 44-Jährigen schmerzen, dass nun erstmals Unmut laut wird. Nach dem 1:2 in Athen am Dienstag kam Kritik an den Einkäufen auf. Die Abwehr um Naldo, Leon Andreasen und Patrick Owomoyela erwies sich als international wenig konkurrenzfähig. Die Stürmer wiederum gingen abermals zu nachlässig mit ihren Chancen um. Sollte heute im Spiel gegen Hertha, in dem Werder auf Andreasen und den verletzten Stürmer Miroslav Klose verzichten muss, eine weitere Niederlage hinzukommen – die Stimmung würde sich verschlechtern. Denn mit den Erfolgen sind die Ansprüche gestiegen.

Born vertraut aber weiter auf die Erfahrung des Trainers. Schaaf habe in Bremen 1999 ganz unten angefangen, im Abstiegskampf. „Er kennt bereits alle Situationen.“ Die Strukturen im Verein seien ohnehin stabil genug, um auch Rückschläge auszuhalten, glaubt Born. „Wir haben hier kein wackeliges Gerüst.“ Wenn man dem Vorsitzenden glaubt, könnte das Gerüst sogar aushalten, woran es vor zehn Jahren beim Abschied von Trainer Otto Rehhagel beinahe zerbrach: dass der wichtigste Pfeiler sich irgendwann eine größere Aufgabe im Fußball sucht. „Von mir aus kann Thomas Schaaf noch 30 Jahre bleiben“, sagt Born. „Wenn nicht, sind wir auch darauf vorbereitet.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben