Sport : Wie beim Kaiser von China

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Von Helmut Schümann

Seoul. Tausend Staatsrepräsentanten aus aller Herren Länder waren geladen ins Stadion von Seoul: Premiers, Potentaten, Prinzen, einer aus Japan war da, und ein anderer hochmögender Zeitgenosse war gekleidet wie ein chinesischer Mandarin. Und als dann Kim Dae-jung, Südkoreas Staatspräsident, Einmarsch hielt mit großem Gefolge - auf dem Rasen hatten da schon etwa 600 prächtig in Tracht gewandete Untertanen Haltung angenommen – da hatte man endlich einmal sehen können, wie es gewesen sein muss, wenn etwa einst der Kaiser von China seinen Auftritt hatte. Es ist halt Fußball, und da lässt sich keiner lumpen.

Allein Joseph Blatter, der Präsident des Fußball-Weltverbandes Fifa, wird dieses Entree in die Eröffnungsfeier der WM etwas weniger beeindruckend empfunden haben; der wurde nämlich arg ausgepfiffen nach seiner Wiederwahl von Teilen des hochmögenden Publikums.

Ein Politikum war sie aber allemal, diese Eröffnungszeremonie. Weil nämlich auch Japans Premierminister Junichiro Koizumi im Stadion sprach. Jahrhundertelang haben sich die beiden Länder befeindet, dann, nach 1996, als die Fifa Japan und Südkorea den Zuschlag für diese WM erteilte, jahrelang gezankt, wer denn nun die Ehre genießen dürfe, die Eröffnung und das Finale zu veranstalten. Und nun haben sie sich geeint: „Hopes for peace through football“, hieß das Motto. Möglicherweise hat der Kommentator des „Korean Herald“ trotzdem etwas hoch gegriffen, als er eine Chance witterte, dass Osama bin Laden, der angeblich ausgewiesene Fußballfan, nun Ruhe gebe in den nächsten vier Wochen.

Und beim festen Glauben an die Hoffnung musste man auch kurz vergessen, dass draußen ein Großteil der bei diesen Spielen zum Einsatz kommenden und mitunter bis an die Zähne bewaffneten 420 000 Polizisten die Frieden stiftende Kraft des Fußballs schützten. Drinnen im Stadion aber war die Hoffnung sehr schön anzusehen, für die, die derart obligatorische Massenformationen mögen, und für die, die nicht, auch.

Vier Themenkomplexe wurden dargeboten, Aufzug eins diente dem herzlichen Willkommen, eine mit allerlei Trommeln, langen Stangen, bunten Fahnen und Tänzen ausgesprochene lautstarke Begrüßung. In Teil zwei kamen sich das Völkergemisch, personifiziert von diversen Tanzgruppen in fantastischen Kostümen, auf, wie es im Programm hieß, „kommunikativem Wege“ näher, also wiederum lautstark, vereinte sich anschließend im Teil drei in Harmonie und verkündete zum Abschluss die Botschaft: Da fielen Bälle vom Dach des Stadions, und Kinder sangen von einer friedvollen Welt, und dann sangen alle 2700 Teilnehmer der bunten Show „Say Yes for the children“, was gewiss jeder der 65 000 Menschen im voll besetzten Stadion gerne und vollinhaltlich unterschreiben würde.

„Der Weg ist das Ziel“, hat Konfuzius, der große Lehrmeister des „Landes der Morgenfrische“ gesagt, womöglich wäre ihm angesichts all des Schwulstes hinter den schönen Darbietungen auch „Nichts wie weg ist das Ziel“ eingefallen.

Aber auf den Text auf der Anzeigetafel hatte ohnehin kaum einer der Zuschauer im Stadion geschaut, und das Programm mussten nur die Journalisten lesen. Und das tat der allgemeinen Stimmung keinen Abbruch. Dass sich die Hymne Koreas ein wenig anhört wie „Gott mit dir, du Land der Bayern“ - im fernen Osten weiß man das nicht. So spröde sich die Weltmeisterschaft in der vergangenen Woche in Seoul angelassen hatte, so prächtig, so stimmungsvoll war nun ihr wirklicher Anfang.

Es ging dann folgerichtig ohne irgendeine weitere Rede, ohne Schnickschnack und Böller nahtlos weiter. Anpfiff zum ersten Spiel: Frankreich gegen Senegal. Und dieser schnörkellose Übergang zum Wesentlichen einer Weltmeisterschaft, auch der war absolut stimmig.

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