Sport : Wie einst Pelé

Nicht David Beckham ist Englands Star bei der EM, sondern der erst 18 Jahre alte Wayne Rooney

Sven Goldmann[Lissabon]

Himmel, was soll die arme Frau denn noch anstellen? Victoria Beckham hielt Hof auf der Ehrentribüne des Estadio da Luz, auf dem Arm ihr Sohn Brooklyn, den sie – Überraschung! – in ein englisches Trikot mit der Nummer 7 ihres Ehemannes David gesteckt hatte. Die Fotografen waren begeistert – vor dem Vorrundenspiel gegen Kroatien. Nach dem Spiel war Mrs. Beckham eine Anonyma in der Masse der Zuschauer, Staffage für den großen Auftritt eines kleinen, stämmigen Burschen: Wayne Rooney.

Der 18-jährige Stürmer vom FC Everton hat bei diesem Turnier geschafft, was englischen Fußballspielern unmöglich schien: Er hat den Zauber des Beckham-Clans gebrochen. In seinem dritten Spiel in Portugal schoss Rooney seine EM-Tore Nummer drei und vier und England fast im Alleingang zum 4:2-Sieg.

Dass es am Donnerstag im Viertelfinale zu Lissabon gegen Gastgeber Portugal geht, nahmen die gut 40 000 englischen Fans mit Erheiterung zur Kenntnis. Welcher Portugiese soll schon diesen Wayne Rooney stoppen? Das Massenblatt „The Sun“, aus Tradition jeder Untertreibung unverdächtig, nennt Englands Mannschaft nur noch „Roon Army“.

„Wayne hat bei diesem Turnier keine ruhige Minute, aber das interessiert ihn gar nicht. Ich weiß nicht mehr, was ich über ihn noch erzählen soll“, sagte Sven-Göran Eriksson. Dann fand Englands schwedischer Teamchef doch noch eine Charakterisierung, die ihm angemessen erschien: „Absolutely fantastic!“ Ob ihm ein anderer Spieler einfalle, der in so jungen Jahren zu so großen Taten fähig war? „Ja, vielleicht Pelé bei seiner ersten Weltmeisterschaft 1958 in Schweden.“ Mannschaftskapitän David Beckham stand ein paar Meter weiter und mochte nicht widersprechen: „Der Vergleich mit Pelé ist ein riesiges Kompliment, und Wayne hat es verdient. Er spielt ein unglaubliches Turnier!“

Der Brasilianer Pelé war 17 Jahre alt, als er über die Fußball-Welt hereinbrach wie ein Naturereignis, ein verspieltes Bürschchen, das vor lauter Spaß am Spiel seinen Erfolg gar nicht zu begreifen schien. Genau das aber ist bei Wayne Rooney nicht der Fall. Das Bemerkenswerte an diesem 18-Jährigen ist, dass er so überhaupt nichts hat von einem 18-Jährigen. Seine Körpersprache ist die eines Mannes, den Pokal nach seiner Wahl zum „Man of the match“ holte er mit einer Selbstverständlichkeit ab, als wäre seine Wohnung daheim in Liverpool voll von solch glänzenden Ungetümen. Rooney vermittelt den Eindruck, als habe er alles schon erlebt. Er weiß, wann er sich mal ein Päuschen gönnen kann, und zieht dann doch im richtigen Augenblick das Tempo an.

So wie beim Tor zum 3:1, seinem zweiten im Spiel gegen Kroatien. An der Mittellinie kam Rooney an den Ball, wollte Paul Scholes anspielen, erkannte aber blitzschnell, dass dieser im Abseits stand. Also ließ er sich zurückfallen, scheinbar ratlos, aber eben doch nur scheinbar. Blitzschnell kam der Querpass auf Michael Owen, der den Ball gleich weiterspielte in den freien Raum, in den Rooney längst gestartet war. Der erfolgreiche Abschluss war Routine. „Wayne ist eben nicht nur ein Torjäger, er kann auch richtig gut Fußball spielen“, findet Teamchef Eriksson. „Er ist kein Talent, er ist ein fertiger Spieler.“

Wayne Rooney ist ein Faktor für die Ambitionen der Engländer bei dieser EM. Der zweite ist ihr Selbstbewusstsein, gespeist aus dem Glauben an die Kraft der Offensive. Den frühen Rückstand gegen Kroatien durch Niko Kovacs Tor nach fünf Minuten steckten sie so souverän weg wie die unglückliche Niederlage gegen Frankreich. Sie stürmten einfach weiter, pausenlos. Acht Tore haben die Engländer in ihren drei Vorrundenspielen geschossen, keine andere Mannschaft schaffte mehr. Ihr Mittelfeld ist mit Beckham, Scholes und Gerrard so gut besetzt wie kein zweites bei diesem Turnier, im Angriff findet neben Rooney auch Owen langsam zu seiner Form. Gegen Kroatien war der Liverpooler an zwei Toren beteiligt.

Und an den zwei Gegentoren gegen die harmlosen Kroaten mochte sich nicht einmal Trainer Eriksson stören, obwohl der seit seiner Zeit in Italien als Defensivspezialist gilt. „Wenn wir so spielen wie in der ersten Halbzeit, wird es für Portugal verdammt schwer, uns zu schlagen“, sagte er.

Im Viertelfinale kommt es zum ersten Duell mit den Portugiesen seit der EM-Partie 2000, die England nach 2:0-Führung noch 2:3 verlor. Damals war Eriksson noch Trainer in Rom, Wayne Rooney 14 Jahre alt und Victoria Beckham eines von mehreren Spice Girls.

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