Sport : Wie schnell ist Maurice Greene in Berlin?

Ernst Podeswa

Der dreifache Weltmeister von Sevilla ist einer der Stars bei der Leichtathletik-GalaErnst Podeswa

Jeff Hartwig gab ein Beispiel von Frustbewältigung und redete wie ein Wasserfall: Der beste Stabhochspringer aus den USA war als Zweiter der Jahresbestenliste mit 6,02 m bei den Weltmeisterschaften in der Vorwoche in Sevilla kläglich gescheitert. Schon in der Qualifikation. 5,60 m gemeistert, 5,65 m ausgelassen, bei 5,70 m überraschend zum Springen aufgerufen - und nach einem Malheur im ersten Sprung und insgesamt drei Fehlversuchen nicht zum Medaillenkampf der zwölf Besten zugelassen.

Hartwig möchte am Dienstag (Vorprogramm ab 18 Uhr/Hauptprogramm 20 Uhr) beim 58. Istaf im Olympiastadion diese Scharte auswetzen: "Das Stadion ist ausgezeichnet. Die Anlage für das Stabhochspringen liegt nahe an den Zuschauern - wunderbar für jeden Springer. Vielleicht kann ich meinen Sieg von 1998 wiederholen." Dass der 31jährige Weltklassemann beim Finale der Golden League gegen Weltmeister Maxim Tarassow (Russland) und die drei deutschen medaillenfernen WM-Tiefflieger Michael Stolle, Danny Ecker und Tim Lobinger gute Aussichten hat, bewies er am Mittwoch bei einem Schauspringen vor dem Brandenburger Tor mit gemeisterten 5,81 m.

Selbstbewusst und voller Tatendrang präsentierte sich auf der gestrigen Istaf-Pressekonferenz im Radisson SAS-Hotel auch Hartwigs Landsmann John Drummond. "Wenn man mich hier die 100 m mitlaufen lassen würde, hätte ich ganz gute Chancen." Die Begründung des frischgebackenen Weltmeisters mit dem 4x100-m-Quartett der USA ist nicht ganz von der Hand zu weisen: "Ich weiß nicht, ob Weltmeister Maurice Greene nach zehn WM-Rennen noch genügend schnelle Beine hat. Er wird es gegen den starken Kanadier Bruny Surin in Berlin sehr schwer haben." Auf der anderen Seite fühlt sich der 30jährige Drummond von der WM bei Brutofenhitze nicht ausgelaugt: "Ich hatte ja als Staffelläufer acht Tage lang ein Touristendasein, bin mit dem Bus durch die Stadt gegondelt und habe artig Autogramme gegeben. Die Leute hielten mich für Maurice Greene." Beim Istaf stellt sich Drummond über 200 m und mit der US-Dreamstaffel über 4x100 m vor. Den Meetingrekord über 100 m im Olympiastadion hält übrigens seit dem Vorjahr der insgesamt vierfache Weltmeister von 1997/99 Greene mit 9,94 Sekunden. Wegen des Länderkampfes mit Großbritannien am Sonnabend startet der Großteil der US-Elite beim heutigen Golden-League-Sportfest in Brüssel nicht.

In der belgischen Hauptstadt liegt ein Augenmerk auf der Frage, ob die verbliebenen Anwärter auf den Jackpot von einer Million Dollar für Erfolge bei allen sieben Stationen der Golden League im Rennen verbleiben. Derzeit befinden sich noch 800-m-Weltmeister Wilson Kipketer (Dänemark) und 5000-m-Weltmeisterin Gabriela Szabo (Rumänien) im Topf. Sprint-Weltmeisterin Marion Jones, bei der WM verletzt, wird in diesem Jahr nicht mehr starten. Der Weltrekordler über 3000 m Hindernis, Bernard Barmasai (Kenia), wurde nach bisher fünf Siegen von der IAAF aus der Wertung genommen. Anlaß ist eine angebliche Siegabsprache Barmasais mit dessen Teamkollegen Koskei in Zürich. Juristisch könnte die IAAF dafür noch tüchtig ins Schlingern geraten.

Weil Hochsprung in diesem Jahr keine Jackpot-Disziplin ist, muss sich Martin Buß (OSC Berlin) deswegen keinen Kopf zerbrechen. Er freue sich, als WM-Dritter in seiner Heimatstadt antreten zu können und hofft, an seine Höhenflüge in dieser Saison anzuknüpfen. Ähnliches gilt für Damian Kallabis (3000 m Hindernis) und die beiden deutschen Weltmeisterinnen Franka Dietzsch (Diskus) und Astrid Kumbernuss (Kugel). Insgesamt kündigte Istaf-Direktor Rudi Thiel bei der Berliner Leichtathletik-Gala das Auftreten von 19 aktuellen WM-Champions und 56 weiteren Medaillengewinnern an.
© 1999

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