Sport : Wie tausend Mücken

Kein Arzt konnte Monique Angermüller helfen, jetzt kann die Eisschnellläuferin wieder starten.

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Monique Angermüller war bei Freunden, sie hatte viel gelacht und zwei Hefeweizen-Bier getrunken. Als sie nach Hause ging, war sie bester Laune.

Ein paar Stunden später wäre sie fast erstickt.

Sie wachte mitten in der Nacht auf und bekam fast keine Luft mehr. Panikartig griff sie zu ihrem Asthmaspray. Jetzt also auch noch Atemnot. Als wäre der Ausschlag an ihrem Körper nicht schon brutal genug. Seit Monaten hatte sie dieses Nesselfieber, die Ärzte hatten ihr Spritzen im Gegenwert eines Kleinwagens in den Körper gejagt, vergeblich. Die Eisschnellläuferin Monique Angermüller war eine Patientin, die nicht gesund wurde. An Training war schon seit Monaten nicht zu denken.

Dass die Hefe im Bier die Erstickungsgefühle ausgelöst hatte, dass sie auch für das Nesselfieber mitverantwortlich war, das wusste Monique Angermüller damals noch nicht. Sie wusste nur, dass die Sportförderung schon das Ende des Geldzuflusses angekündigt hatte, und die Bundeswehr bald die Sportsoldatin Angermüller ausmustern würde. Und, natürlich, dass sie kurz davor war, ihre Karriere beenden zu müssen. Die 1000- und 1500-Meter-Spezialistin, im vergangenen Jahr Deutsche Meisterin im Sprint-Mehrkampf, würde es dann nicht mehr geben. Das war im April.

Jetzt steht sie im Sportforum Hohenschönhausen, sie läuft bei der deutschen Eisschnelllauf-Meisterschaft, ihr fehlt noch die Kraft beim Abdruck, aber die 28-Jährige plant schon für die Olympischen Spiele 2014. Ihr Körper ist in eine hautenge Trainingshose gezwängt, sie lächelt etwas bemüht und sagt: „Ich muss mich selber stoppen. Ich ertappe mich dabei, dass ich gar nicht mehr an früher denke und zu viel erwarte. Aber eigentlich kann ich froh sein, dass ich überhaupt wieder laufen kann.“ Gestern gewann sie in 1:58,87 über 1500 Meter ihren dritten Meistertitel in Folge, Claudia Pechstein wurde in 2:00,03 Zweite.

Hinter Angermüller liegt eine fünfmonatige Leidenszeit. Die endete nur, weil sie quasi im letzten Moment den richtigen Mediziner gefunden hatte. Begonnen hatten ihre gesundheitlichen Probleme im Dezember 2011. Beim Weltcup in Astana hatte sie plötzlich Bauchschmerzen, ein Darm-Infekt; sie lief zwar, aber die Zeit war indiskutabel. Möglicherweise war dieser Infekt der Auslöser für weitere Probleme. Sie bekam einen Ausschlag am ganzen Körper, es juckte „wie tausend Mückenstiche“. Bei der Sprint-WM wurde ihr im 500-Meter-Rennen schwindelig, sie stürzte. Das war am 31. Januar, danach folgten Diagnosen, die offenbar nicht zutreffend waren. Monique Angermüller jedenfalls konnte nicht mehr trainieren.

Bis sie, nach einem Tipp, am 20. Mai zu einem Heilpraktiker ging, der zugleich als Immunologe ausgebildet ist. Der sagte ihr unumwunden: „Ich weiß, was du hast.“ Eine weitere Untersuchung bestätigte ihn: Histamin-Intoleranz. Im Endeffekt führt diese dazu, dass ihr Körper auf bestimmte Substanzen mit heftigen Reaktionen reagiert. Auf Hefe zum Beispiel. „In 14 Tagen kannst du wieder trainieren“, sagte der Arzt.

Sie stellte radikal ihre Ernährung um, schon fünf Tage später trainierte sie wieder. Langsam, sie musste erst ihren Körper aufbauen. Ihre volle Leistungsfähigkeit wird sie möglicherweise erst in der zweiten Saisonhälfte erreichen. Ihr reicht das, sie kann wieder laufen, das ist das Wichtigste. Und zu den Ärzten, die ihr fünf Monate lang nicht helfen konnten, hat sie ein entspanntes Verhältnis. „Die haben mich, das muss ich schon sagen, behandelt wie eine Prinzessin.“ Frank Bachner

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