Sport : Wie uns die Zeiten ändern

Herthas Pokalgegner Reutlingen ist nach drei Jahren in der Zweiten Liga ein Opfer dubioser Finanzmachenschaften geworden

Marco Theiss

Die Zeiten bei den Fußballern des SSV Reutlingen haben sich geändert. „Die Oberliga und unser Tabellenstand haben nicht gerade eine magnetische Wirkung auf die Spieler“, sagt der neue Trainer Uwe Erkenbrecher. Als einer der Aufstiegsfavoriten ist der SSV in die Oberliga gestartet. Die vorläufige Bilanz: fünf Spiele, zwei Punkte, vorletzter Platz. Noch im Frühjahr spielten die Schwaben in der Zweiten Liga. Doch nach dem Abstieg wurde ihnen vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) die Lizenz für die Regionalliga verweigert, weil das Präsidium die geforderten Finanzmittel nicht fristgerecht nachwies. Die Folge: eine auf die Schnelle zusammengestellte Mannschaft, für die Erkenbrecher schon wieder Neuzugänge sucht. Bisher ohne Erfolg.

Dabei zählen die Reutlinger mit einem Etat von einer Million Euro sogar zu den reichen Klubs in der Oberliga Baden-Württemberg. „Das war ein Kraftakt“, sagt Geschäftsführer und Mittelfeldspieler Robert Hofacker. „Das ist nur eine Saison lang möglich.“ Gelingt den Reutlingern nicht der sofortige Wiederaufstieg, droht angesichts mehrerer Millionen Euro Schulden erneut die Insolvenz.

Vielleicht kommt das Spiel im DFB-Pokal am Samstag (15 Uhr) gegen Hertha BSC gerade recht. „Ein Sieg wäre nicht nur finanziell eine Riesengeschichte“, sagt Vizepräsident Ernst Kern. Doch die Partie gegen die Hertha könnte den Reutlingern für lange Zeit die letzte große Einnahme bescheren. Auch die nagelneue Haupttribüne mit ihren 5228 Sitzplätzen ist dann mal wieder einigermaßen besetzt. 15 Millionen Euro haben Stadt und Land in den imposanten Bau gesteckt. In Erwartung weiterer Jahre Reutlinger Profifußball.

Es waren schöne Zeiten, als die Tribüne entworfen wurde. Die Mannschaft spielte unter Armin Veh eine phänomenale Regionalliga-Saison und stieg im Sommer 2000 in die Zweite Liga auf. Im ersten Jahr erreichte sie Platz sieben, stellte die beste Heimelf und in Olivier Djappa den Torschützenkönig. Auch damals spielte der SSV in der ersten Pokalrunde gegen Hertha – und schied mit 2:3 nach Verlängerung aus.

Die Basis des Erfolgs war das Geld des Dieter Winko, zu dieser Zeit Geschäftsführer einer Firma für Galvanotechnik. Er hatte den ewig finanzschwachen Verein, schon 1998 beinahe pleite, zunächst als Abteilungsleiter und ab März 2000 als Präsident wieder nach vorne gebracht. Zumindest schien es so. Doch im Herbst 2001 gab es erste Anzeichen, dass der Klub erneut finanzielle Probleme hat. Es war der Vorbote einer Krise, die im April 2002 in der Katastrophe endete: Lizenzentzug durch die Deutsche Fußball-Liga (DFL), rückwirkend für die Saison 2001/02.

Veh hatte den Verein da schon verlassen, wenig später trat Winko zurück. Seit dem 1. August sitzt er in Untersuchungshaft. Die Anklage lautet auf Untreue. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Winko zwischen 1998 und 2000 insgesamt 7,7 Millionen Mark größtenteils zu Lasten seines früheren Arbeitgebers veruntreut hat. Davon sollen sieben Millionen an den SSV geflossen sein. Winkos Vorgänger im Präsidentenamt, der frühere baden-württembergische Verkehrsminister Hermann Schaufler, ist bereits wegen Untreue verurteilt worden. Zwar erhielten die Reutlinger die Lizenz von der DFL zurück, mussten aber mit einem Abzug von sechs Punkten in die vergangene Saison starten. Am Ende stiegen sie ab und landeten in der Oberliga.

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