Wieder zuhause : Immer ganz nah dran

Jubelschreie, Kuhglockengebimmel, Kanada-Flaggen werden heftig geschwenkt: Acht deutsche Schüler berichteten von den Paralympics in Kanada – ein begeisterter Blick zurück.

von
330623_0_bd34d06b.jpg
Auf Tour. Deutsche und kanadische Schülerreporter der Paralympics-Zeitung bei der Arbeit. -Foto: Thilo Rückeis

Jubelschreie, Kuhglockengebimmel, Kanada-Flaggen werden heftig geschwenkt. Das kanadische Sportidol Josh Dueck hat in seinem Monoski-Sitzschlitten auf der Piste von Whistler Creekside gerade die Silbermedaille im Abfahrtslauf geholt. Ein Fernsehteam aus Deutschland hält das Mikrofon im Pressebereich des Zieleinlaufs indes einer jungen Frau aus Brandenburg entgegen. Was für ein Gefühl ist es, bei den Paralympics 2010 als Schülerreporterin für die Paralympics-Zeitung dabei gewesen zu sein? „Ich kann das gar nicht in Worte fassen – fantastisch, ergreifend, faszinierend“, strahlt die 18-jährige Franziska Ehlert vom Alexander-Puschkin-Gymnasium aus Hennigsdorf, „auf jeden Fall bislang die schönste Erfahrung meines Lebens.“

Wie Franziska sind die Schülerreporter jetzt Profis im Interview-Geben: ARD, ZDF, MDR und unter anderem auch der RBB berichteten über das Tagesspiegel- Projekt anlässlich der Paralympics am Pazifik. So viele Erfahrungen haben die acht deutschen und die neun kanadischen Schüler während der Winterspiele der Weltklasseathleten mit Handicap in Vancouver und Whistler gesammelt – auf den Pisten und auch im improvisierten Redaktionsraum der Kitsilano Secondary School. Spannend waren die Interviews mit Bundespräsident Horst Köhler und Bundeskanzlerin Angela Merkel. Bewegend auch die Tränen, die die kanadischen Schülerinnen beim Abschied von ihren „Germans“ vergossen.

Nun liegt das Abenteuer hinter ihnen. Fünf Ausgaben der „Paralympic Post“ in Englisch, Deutsch und Französisch erstellten die Schüler gemeinsam mit dem Tagesspiegel. Teils erschien das Blatt auch in der „Zeit“ und im „Handelsblatt“. Möglich machte das alles der Förderer des Zeitungsprojektes, die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung.

Kaum ein Athlet, ein Prominenter, den die Schüler nicht trafen. Schülerreporterin und Skifahrerin Leonie Arzberger war stolz, mit Willy Bogner in Whistler Kakao zu trinken und ihn über die München-Bewerbung 2018 zu befragen. Und Reporter-Kollege Heiko Möckl aus Uhldingen-Mühlhofen fuhr mit Ex-Bundesjustizminsterin Brigitte Zypries, der Kuratoriumsvorsitzenden des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS) im Promi-Shuttle-Auto in die Berge: Zypries will auch auf ihrer Homepage über das Tagesspiegel-Projekt berichten.

Heikos Mitstreiter Tassilo Hummel hatte sich für das Projekt extra ein Aufnahmegerät zum 18. Geburtstag gewünscht. Nicht immer konnten die Schüler ihre Mitschnitte in Ruhe abhören: Es kam schon vor, dass Artikel schnell in einer halben Stunde mit klammen Fingern an der Bushaltestelle und auf dem Netbook auf den Knien während der kurvigen Fahrt an der Pazifikküste von Whistler von Vancouver getippt werden mussten. Viele der Schüler schrieben außerdem noch Blogs für den Tagesspiegel und ihre Schulen sowie Artikel für ihre Heimatzeitungen über das Projekt und die Paralympischen Spiele. „Zwei Wochen harte Arbeit, unzählige kurze Nächte und das ,Von-einem-kalten-Wasser-ins- nächste-geworfen-werden‘ sind zu Ende“, bilanziert etwa die 18-jährige Annemieke Overweg aus Uelzen in ihrem Heimatblatt. „Neben hunderten Fotos, vielen Zeitungen, tollen Kontakten und diversen Sponsorengeschenken habe ich vor allem auch großartige Erfahrungen, neue Freundschaften, eine ordentliche Portion Selbstbewusstsein, Inspiration und Motivation für die Zukunft mit nach Hause genommen.“ Die „Paralympic Post“, so der Titel der kanadischen Ausgabe, war auch für die Schülerreporter aus Vancouver „an experience of a lifetime“.

Für London 2012 gibt es wieder einen neuen Wettbewerb

Nicht nur Elisa Kremerskothen vom Reinickendorfer Bertha-von-Suttner- Gymnasium holt jetzt in Berlin gern den Lehrstoff der verpassten Schulzeit nach. Gerade erst hat sie mit ihrer Gastschwester Zaga aus Vancouver gemailt. „Sie hat mir für die Zeit ihr Zimmer komplett überlassen, und ich hatte einen Superblick auf Granville Island und die Uferpromenade.“ Ihre Gasteltern standen selbst morgens um sieben auf und haben ihr Frühstück gemacht. Wie alle im Team trug auch Elisa den schwarzroten „Paralympics-Zeitung“-Pulli und die schwarzgraue Teamjacke.

330663_0_b4d05f2d.jpg
Die erste Ausgabe ist fertig. Und die Schülerreporter sind zufrieden.Foto: Thilo Rückeis


Wie sie stolz auf dem Busbahnhof vor der Ausflugsfahrt nach Vancouver Island die druckfrische Ausgabe durchblätterten! Wie sie das unter anderem auch an die Handelskammern, das Goethe-Institut, den Bundestag und das Europaparlament versendete Paralympics-Magazin in der Fußgängerzone in Whistler persönlich verteilten! Die Berliner Gymnasiastin Elisa Kremerskothen wird wie alle anderen Schülerreporter zudem vor allem eines niemals vergessen. „Die Offenheit und Natürlichkeit aller Athleten. Sie begeistern jeden, und ich habe noch nie so imponierende und inspirierende Menschen getroffen.“ Vor allem die blinde Biathletin Verena Bentele habe sie gefesselt. Zu deren blinden Skikollegen Frank Höfle hatte Elisa schon vor den Spielen per Mail Kontakt.

„Als ich ihn dann das erste Mal im Deutschen Haus in Vancouver getroffen habe, war das Erste, was er zu mir sagte: ,Ach du bist die Elisa, deine Fragen im Vorfeld haben mir von allen wirklich am besten gefallen‘“. Er bot der Berlinerin und Anne Balzer aus Forst in Brandenburg dann sogar an, sie mal ins Paralympische Dorf mitzunehmen. Da kommt man nur sehr schwer rein. „Als kleines Dankeschön haben wir Höfle zum Abschied einen kleinen Marienkäfer-Glücksbringer geschenkt. Besonders stolz war ich, als ich diesen Glücksbringer wenige Tage später nach einem Biathlon-Wettkampf bei Höfle an der Akkreditierung hängen sah“, erzählt Elisa.

Ob sie aus Deutschland kommen oder aus Kanada – alle Schüler bedauern, dass sie bei den nächsten Sommerparalympics in London 2012 nicht dabei sein können. Dafür wird es nämlich wieder einen neuen Schülerwettbewerb geben, und erstmals für Jugendliche aus ganz Europa, wie Lord Sebastian Coe vom Londoner Komitee der Spiele in seinem Editorial in der letzten Ausgabe der „Paralympic Post“ bereits ankündigte.

Auch dann werden die Kameras der großen etablierten Medien wieder auf die Schülerschreiber gerichtet sein. Und die alten Hasen werden wieder feststellen, dass die jungen Schreiber manchmal besser im Stoff stehen als sie selbst.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben