Sport : „Will ich diesen Job noch?“

Das hat sich Jürgen Röber wirklich gefragt. Die Antwort verrät er hier. Ein Gespräch über Arbeitslosigkeit

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Herr Röber, sind Sie arbeitslos gemeldet?

Nein.

Sie bekommen also kein Arbeitslosengeld?

Quatsch, nein. Es gibt Menschen in unserem Land, die Arbeitslosengeld dringender benötigen als ich. Nach 30 Jahren im Profifußball muss ich dem Staat nicht auch noch auf der Tasche liegen. Wer sich da nicht finanziell abgesichert hat, dem ist auch nicht mehr zu helfen.

Herr Röber, Sie haben 303 Spiele gemacht für Bayern München, Werder Bremen, Leverkusen. Sie haben Rot-Weiss Essen als junger Trainer in die Zweite Liga und ins Pokalendspiel geführt, waren beim VfB Stuttgart, haben Hertha aus der Zweiten Liga in die Champions League gebracht …

… und wie gut sich Hertha entwickelt hat! Mein erstes Spiel fand vor 3000 Zuschauern gegen Jena statt, und auf einmal sollten wir schon mit der Meisterschale durchs Brandenburger Tor fahren und …

… nach Ihrer Entlassung beim VfL Wolfsburg will Sie plötzlich niemand mehr haben außer Belgrad. Sind Sie in Deutschland gescheitert, Herr Röber?

Ach, nein. Belgrad ist ein guter Klub. Den Job können Sie nicht mit irgendeinem Nationaltrainerposten in Afrika vergleichen. Ich hatte auch ein Angebot aus Griechenland und der Türkei. Ich hätte auch Trainer in Dubai werden können, aber dann hätte jeder gesagt: Okay, der geht jetzt noch mal Kohle verdienen, der will nicht mehr in die Bundesliga. Aber so ist es nicht.

Wollen Sie noch mal in die Bundesliga? Im Herbst werden traditionell Stellen frei.

Natürlich möchte ich in die Bundesliga, was ist das für eine Frage? Und dass Stellen zu dieser Jahreszeit frei werden, ist ganz normal in diesem Geschäft. Aber diese Fragen mag ich nicht, echt nicht! Ich will hier keine Bewerbung abgeben. Ich hasse es, wenn andere das machen.

Fragen wir anders: Sehen Sie sich am Samstag ein Spiel im Stadion an?

Ja, Hertha gegen den VfL Bochum.

Das werden manche dann so interpretieren, dass Sie scharf sind auf den Job von Marcel Koller, Bochums Trainer.

Das will ich aber nicht, damit habe ich nichts zu tun. Ich bin seit einer Woche zurück aus Belgrad in Berlin. Ich will lediglich ein Fußballspiel in einer Stadt sehen, in der ich lebe. Ich habe mich noch nie demonstrativ auf eine Tribüne gesetzt, wenn es dem Kollegen dort unten nicht gut geht. Das macht man nicht. Abgesehen davon, könnte man doch jedes dritte oder vierte Fußballspiel nicht besuchen, weil irgendein Kollege unter Druck steht, oder?

Es gibt Trainerkollegen, die den Ruf haben, genau das zu machen.

Jeder macht das, was er für richtig hält. Natürlich muss man sich regelmäßig informieren, damit man auf dem Stand der Dinge bleibt. Ich will mich aber nicht im Fernsehen ständig vor eine Taktiktafel stellen und erklären, was eine Mannschaft falsch gemacht hat. Ich habe den Fußball nicht erfunden.

Haben Sie einen Traumverein?

Sie erwarten nicht im Ernst, dass ich darauf antworte. Ich habe darüber nachgedacht, wieder etwas aufzubauen, so wie in Essen oder bei Hertha.

Es sollte ein Verein mit Ambitionen sein.

Natürlich sollte es ein Verein sein, der Tradition hat und auch wirtschaftliche Möglichkeiten. Es ist ja auch bekannt, dass mich Klubs wie Köln und 1860 München verpflichten wollten, auch Eintracht Frankfurt, als die noch in der Zweiten Liga waren. Bei Frankfurt bin ich im Nachhinein schlauer. Da hast du einen Manager im Hintergrund, Heribert Bruchhagen, der hat Ahnung von Fußball, da kann man was aufbauen, das zeigt Friedhelm Funkel. Andererseits habe ich mich auch schon mal gefragt: Willst du den Job überhaupt noch machen?

Und möchten Sie?

Ja, klar doch. Ich weiß zwar, was alles dranhängt, wer da alles mitreden will – Manager, Funktionäre, Sponsoren, Berater. Andererseits hat mir mein Jahr in Belgrad gezeigt, wie sehr mir die Arbeit mit jungen Leuten gefehlt hat. Sie glauben nicht, wie spannend die Zeit war.

Wie ist der Alltag in Serbien?

Es gibt viele nette und freundliche Menschen dort, aber die Schere zwischen Armen und Reichen ist sehr groß. Der Mittelstand fehlt. Der Fußball ist für viele eine Chance, da unten rauszukommen. Viele sind froh, wenn ihr Kind bei uns auf das Internat von Partizan Belgrad gehen durfte. Da ist Serbien wie Brasilien früher. Und sie haben Talente, richtig viele gute Fußballer, die nur leider manchmal etwas naiv sind. Da gibt es Berater, die kaufen den Jungs ein Paar Schuhe und erzählen ihnen: „Ich habe dir einen Puma-Vertrag besorgt.“ Und schon unterschreibt der.

Wie haben Sie gelebt in Belgrad?

Ich habe mit meinem Kotrainer Bernd Storck im Internat von Partizan gewohnt. Dort habe ich die Spieler jeden Tag gesehen. Du musst die Jungs nur zu Profis machen und ihnen Disziplin beibringen. Und im Umfeld hapert es manchmal. Damit meine ich jetzt weder die holprigen Plätze noch die kaputten Straßen.

Sondern?

Es ist absurd, wenn man hört, dass wir verlieren sollen, damit ein befreundeter Klub nicht absteigt. Das hat die Mannschaft abgelehnt, aber unser Busfahrer hat sich dann zufälligerweise verfahren, wir waren schon fast in Rumänien, obwohl er die Strecke seit 30 Jahren kennt. Zehn Minuten vor Anpfiff sind wir im Stadion angekommen. Verloren haben wir trotzdem nicht.

Ist Ihr Job daran gescheitert?

Nein, das waren sportliche Gründe. Wir wussten nicht, mit welchen Spielern wir überhaupt für die neue Saison planen konnten. Vielleicht habe ich zu viel Druck auf das Management ausgeübt, das war vielleicht der Grund, warum wir uns gemeinsam getrennt haben.

Wie haben Sie kommuniziert?

Zu 80 Prozent Englisch, einer meiner Trainerkollegen konnte Deutsch, der hat früher mal in der Schweiz gespielt. Serbisch konnte ich einfach nicht gut genug.

So was sagt ausgerechnet ein Jürgen Röber, der immer Kommunikation fordert.

Für kurze Anweisungen auf dem Platz hat es ja gereicht, für tiefgründige Gespräche natürlich nicht. Mir war von vornherein klar, dass ich nicht länger als ein, zwei Jahre in Belgrad bleibe. Es war eine gute Erfahrung, die Systeme, den Ligaalltag in einem anderen Land kennenzulernen. Das fand ich auch früher schon lehrreich. Und Trainer müssen lernen.

Können Sie sich vorstellen, mit fast 53 Jahren ein Praktikum bei einem großen Verein zu machen wie viele jüngere Trainer?

Das habe ich doch früher auch schon gemacht. Ich war beim FC Barcelona, als Johan Cruyff dort Trainer war. Der hat mich in die Kabine gelassen, wir haben über Taktik und Trainingslehre und Umgangsformen mit unseren Spielern gesprochen. Als Trainer musst du offen sein für neue Dinge: Auch wir haben bei Hertha Aerobic eingeführt, damit die Spieler eine ganz andere Beweglichkeit bekommen, wir haben mit einem Mentaltrainer gearbeitet. Genau wie Jürgen Klinsmann. Der hat auch den Mut gehabt, Neues auszuprobieren. Und er hat damit Erfolg gehabt.

Für eine schriftliche Bewerbung hätten Sie hervorragende Referenzen: abgeschlossene Trainerausbildung, Praxiserfahrung, große Erfolge, Fremdsprachenkenntnisse, Auslandsaufenthalte.

Quatsch. Sie glauben doch selbst nicht, dass ich eine Bewerbung schreibe. Oder dass das irgendein Trainer macht. Wer schickt bitte einen Bewerbungsmappe: Sehr geehrter Herr X, hiermit bewerbe ich mich für die Stelle als Cheftrainer?! Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Entscheidend sind Kontakte, Sympathien und ganz einfach Qualität.

Sie haben noch immer Ihre alte Handy- nummer. Damit Sie für Manager immer schnell erreichbar sind?

Nein, die Nummer ist einfach leicht zu merken, das ist der banale Grund. Wer mich erreichen will, erreicht mich auch. Der DFB hat meine Nummer.

Das Gespräch führten André Görke und Stefan Hermanns.

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