Willmanns Kolumne : Die Faust Cottons

Über die Schulhöfe Weimars verläuft seit Jahrzehnten eine unsichtbare Linie. Irgendwann muss sich jeder Junge entscheiden: Rot-Weiß Erfurt oder Carl Zeiss Jena? Und Icke hatte sich entschieden. Eine Heldengeschichte.

Frank Willmann
Falsche Antwort? Passt wie die Faust aufs Auge.
Falsche Antwort? Passt wie die Faust aufs Auge.Foto: dpa

Als Icke die Faust Cottons auf sein linkes Auge zufliegen sah, verflog seine Furcht und wich erlösender Zuversicht. Was konnte noch passieren, außer einem kurzen Schmerz? Vielleicht etwas aufgeplatztes Gewebe um das Auge. Und eine schöne Verfärbung, die ihn, Cotton und alle anderen noch eine Weile an das Geschehen erinnern würde. Alles, was getan werden musste, war getan. Icke hatte auf eine einfache Frage falsch geantwortet. Mit voller Absicht.

Über die Schulhöfe Weimars verläuft seit Jahrzehnten eine unsichtbare Linie. Sie trennt die Blaugelbweißen von den Rotweißen. Irgendwann muss sich jeder Junge für eine der Farben entscheiden. Wenn er in den Augen der Parteien dafür würdig erscheint. Im Normalfall ist diese Frage eine Lappalie. Sie wird ohne großes Aufheben von den Jungs gestellt, denen sich der Neuling zugeordnet fühlt. Die andere Partei nimmt diese Entscheidung klaglos hin, da sie sich eines großen Reservoirs an hungrigen Nachzüglern sicher sein kann.

Alles, was geografisch näher an Jena liegt, ist meist Jenagebiet. Seid fruchtbar und mehret euch! Natürlich spielt die Familie eine wichtige Rolle. So gibt es immer wieder große Exklaven in eigentlich von Jena, bzw. Erfurt beanspruchten Vierteln, weil sich ein sturer Familienvorstand irgendwann gegen den Geist des Viertels entschieden hat. Diese Männer genießen besondere Achtung, da sie gleichsam in der Höhle des Löwen ihr Nest bauten. Weimar 1980. Zerfallende Häuser, Kohleofenschwaden schwängern die Luft und lassen Kleinkinder alt aussehen. Wer er geschafft hat, lebt im Plattenbau oder in einer der wenigen Villen am Stadtrand.

Der Feind hat seine Augen überall

Zu Raufereien kommt es in Weimar nur noch selten. Die Stadt ist klein, man tritt sich ständig auf die Füße. Wer mag das auf die Dauer? Vor langer Zeit soll es ein Treffen gegeben haben. Die wichtigen Leute, die Alten, haben ein Patt erklärt. Seitdem passiert kaum etwas. Ab und zu meint ein junger Heißsporn, mit den Flügeln schlagen zu müssen. Besonders gefährlich sind im Grunde nur die Konvertiten. Eine sehr selten vorkommende, bedenkliche Form des Abfalls. Durch Umstände, die nur der Teufel kennt, verlieren manche Menschen den Glauben an ihre Farben. Das geschieht gern nach einer Zeit der Zuchtlosigkeit. Wenn man diesen Menschen in schwerer Zeit nicht mit Zuneigung begegnet, arbeitet man dem Feind in die Hand. Der Feind hat seine Augen überall und sieht sehr genau, wenn die Farben eines Schäfchens zu verblassen beginnen.

Bei Cotton hatten wir zu lange weggeschaut. Cotton ist vermutlich an unseren hierarchischen Strukturen gescheitert. Cotton heißt eigentlich Silvio. Er hat gern den Cotton gemacht*, deshalb bekam er eines Tages den Spitznamen. Er hat Jahre darum gebettelt, in unsere erste Reihe zu gelangen. Doch keiner von uns wollte für ihn weichen. Es ging um alles, um das einzig wichtige im Leben, um Fußball. Und wir sind seine irdischen Boten, seine Schutzengel. Wir beseelen als leibhaftige Sendboten das Land. Wir opfern uns, springen in die Löwengrube, reichen die Gaben der Liebe, kämpfen gegen die Feinde unserer Farben. Um es kurz zu machen: Cotton wechselte die Seiten. Er wurde ein Rotweißer. Und musste fortan allen Rotweißen und Blaugelbweißen zeigen, wie ernst es ihm war.

Kommst du mit ins Paradies?

Icke war mit seinen Eltern im Sommer nach Weimar gezogen. Sein Vater war der neue Sicherheitsinspektor im Landmaschinenwerk. Schon am ersten Tag in der neuen Heimat traf er Schtonie beim Bäcker. Icke hatte seine weiße Levisjacke mit dem Chelsea London Aufnäher an. Schtonie hatte eine blaugelbweiße Schärpe um den Hals und fragte Icke: kommst du mit ins Paradies?* Bevor Icke antworten konnte, war Schtonie verschwunden. Schtonies Saisonziele: das Pokalfinale gegen das verhasste RWE in Berlin gewinnen. Die blonde Bäckerstochter Silke anbaggern, möglichst: flachlegen. Lutz Lindemann* persönlich sagen, was für ein großartiger Spieler und wunderbarer Mensch er ist. Im krassen Gegensatz zum arroganten Peter Ducke*, der laut Buschfunk in seine adidas-Schuhe pinkelte und eine feiste Westkarre fuhr.

Zwei Tage später wurde Icke der 10b der Louis Fürnberg Oberschule als neuer Schüler vorgestellt. Icke und Schtonie gingen ab sofort in die gleiche Klasse. Weitere zwei Tage später kam es zum Showdown zwischen Icke und Cotton auf dem Schulhof. Icke war Frischfleisch. Und Frischfleisch ist für alle da. Cotton stellte Icke die alles entscheidende Frage: Rotweiß oder Blaugelbweiß. Icke schaute nach oben, als würde er höheren Beistand suchen. Dann tat er, als würde er den Mund auftun. Und trat Cotton in den Schritt. Einen Tag später stellte ihn Cotton abermals, dieses Mal am Bushäuschen, vor der Schule ein Treffpunkt der Zehntklässler. Es gab keine Fragen mehr. Es gab nur noch Helden.

 

*Den Cotton machen = große Klappe haben, bezieht sich auf den Groschenheld G-man Jerry Cotton, ein FBI-Agent, der die Welt der Kleinbürger vor dem Bösen beschützt. Die Groschenheftreihe ist eine deutsche Erfindung.

*Im Jenaer Stadtteil Paradies liegt das Stadion des FC Carl Zeiss Jena.

*Lutz Lindemann und Peter Ducke, erfolgreiche Spieler des FC Carl Zeiss Jena

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