Willmanns Kolumne : Wie ich den Jena-Virus bekam

In Weimar gab es keinen Oberligaklub, nur die Wahl zwischen Erfurt und Jena. Unser Kolumnist erinnert sich daran, welche Rolle dabei seine Angst vor Erfurter Rowdys und abgeknickten Autoantennen spielte.

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Kindheitsidol. Peter Ducke spielt mit seinem Sohn auf der Straße Fußball.
Kindheitsidol. Peter Ducke spielt mit seinem Sohn auf der Straße Fußball.Foto: Imago

1974 war das Leben in der DDR für mich noch keine Ansammlung von Schwierigkeiten, die darauf  warteten, aufzutauchen. Die Sorglosigkeit hatte viele Namen. Zähneputzen nicht vergessen, Frühstück von Mutti bereitet, romantisches Kohlenholen, heißer Draht ins Jenseits, Professor Flimmrich. Die großen Ferien waren unfassbar lang und vor Mädchen musste man sich in Acht nehmen. Doch im Frühsommer musste ich eine schwere Entscheidung treffen. Kleines, dickes Müller oder Sparwasser? Die meisten Jungs in meiner Klasse waren für kleines, dickes Müller.

Kleines, dickes Müller gibt`s nur im Fernsehen, Sparwasser kannst du dir anschauen, sagte mein Vater.

Wo denn, fragte ich.

Na, in Jena, im Paradies. Wenn Magdeburg kommt.

Das Paradies ist eine Erfindung der Kirche für dumme Menschen, sagte immer meine Pionierleiterin.

In der Schule stimmt das, zu Hause nicht, sagte mein Vater.

Schwierig, sich das alles zu merken. Das war bestimmt der Drill des Lebens, dachte ich und bat meinem Vater, mich zum nächsten Spiel seines Lieblingsvereins mitzunehmen. Mein Vater war für Jena. In unserer Heimatstadt Weimar eine nicht ganz so leichte Entscheidung. Da Weimar über keinen Oberligaklub verfügte, standen den Männern Erfurt oder Jena zur Auswahl. Eine Entscheidung mit weitreichenden Folgen. Ein nimmer versiegender Quell von Freude wie Ärger aller Art, wie ich später feststellen musste. Vater fuhr mit einer Gruppe Freunde regelmäßig zu den Heimspielen nach Jena. Wenn sie ganz mutig waren und die Tabellenkonstellation günstig schien, rollten sie mit ihren Trabis einmal im Jahr auswärts. Nach Erfurt. In den Rachen der Bestie, wie es mein Vater nicht ohne Respekt formulierte.

1974 waren die Oberligastadien Stehplatz-Eldorados. Man konnte sich frei im Rund bewegen. Am Eingang standen zwei Verkehrspolizisten. Auf den alten Holztribünen saßen nur Bonzen und Rentner. Frauen traf man nie. Mutter hatte keine so rechte Vorstellung, was Vater beim Fußball trieb. Da er aber in jenen Jahren meist gut gelaunt davon zurückkam, stellte sie keine unnötigen Fragen. Nun durfte ich also mit. Ausgerechnet zum Auswärtsspiel nach Erfurt. Wir trafen uns beim Konditor Mengs. Ich bekam Nougat direkt aus dem Eimer, die Männer verringerten die Bierreserven der DDR. Vaters Freundeskreis bestand aus Gündi, dem Konditor, Siggi, dem Fotografen, ein paar handfesten und mir unheimlichen  Handwerkersmeistern und Didi, dem Herrn Ingenieur. Fußball in der DDR war ein preiswertes Vergnügen. Viele kleine Leute, Arbeiter und Lehrlinge. Didi als Vertreter der sogenannten Intelligenz fiel etwas aus der Rolle und war andauernd kleinen Scherzen ausgesetzt.

Is heut nich Gierche? Is heut nich dr Goethe im Deader?*

Didi war ein gewitzter, handfester Recke. Er machte das Spiel mit, alle wollten ja nur ein bissel Spaß. Und außerdem stand über allem DER KLUB. Kein DDR-Klub war mächtiger und gewaltiger! Mächtig gewaltig, sagte immer der Dicke von der Olsenbande. Die kamen aus dem Westen und mussten es ja wissen. Trainer war damals bereits Hans Meyer, Co-Trainer Bernd Stange. Jena stellte bei der Weltmeisterschaft 1974 in der BRD sechs Nationalspieler. Blochwitz, Kurbjuweit, Weise, Irmscher, Ducke, Vogel. Erfurt stellte einen. Schnuphase. Er besann sich später eines Besseren und wechselte nach Jena, wo er zum Publikumsliebling Schnuppi reifte.

Wir fuhren im Konvoi nach Erfurt. Das war schon aufregend, drei Autos hintereinander. Mir war gar nicht langweilig. Ich zählte alle vorbeifahrenden Autos und malte mir mein erstes Spiel in den schönsten Farben aus. Außerdem hatte ich in meiner Jacke meine Fußballbildersammlung aus dem Westen dabei. Mein behüteter Schatz an Sprengelschokoladesammelbildern.

Kurbjuweit zu Irmscher, der zu Ducke, Schuss, Neiiin, Abpraller zu Vogel, Tooor, Tooor!

Angekommen in Erfurt, stellten wir unser Auto auf einem großen Parkplatz in Stadionnähe ab. Die Männer holten Bierflaschen hervor und hielten ein Schwätzchen. Ich hatte noch nie so viele Autos auf einem Haufen gesehen, das war bestimmt der größte Parkplatz der ganzen Welt. Bei einigen der Autos war die Antenne abgeknickt. Ich wusste, es war schwer, in der DDR an Ersatzteile zu kommen.

Das waren Erfurter Rowdys, die haben bei allen Jenaer Autos die Antennen abgebrochen. Kein Wort zu Jena, schärfte mir Vater ein. Wir sind nur zum Fußballgucken hier, nicht wegen Jena, verstanden! Unserm Auto wird nichts passieren, wir haben ein Weimarer Kennzeichen, die wissen nicht, ob wir Erfurt oder Jena sind.

ErfurtRowdysAntennenab. Ich  beschloss, mit keinem Fremden zu sprechen und fühlte ängstlich nach meiner Fußballbildersammlung. Didi neigte sich zu mir und flüsterte grimmig:

Wenn DIE nach Jena kommen, haben ihre Antennen keine Zukunft!

Rein ins Stadion. Ausverkauft. Klar wie Thüringer Kloßbrühe, wenn Böse gegen Gut antritt. Wir standen in einer ruhigen Kurve, leider befand sich zwischen Traversen und Spielfeld noch eine Tartanbahn. Ich sah nichts vom Spiel. Weiter runter gehen wollte ich nicht wegen ErfurtRowdysAntennenab. Nur wenn mich Vater oder einer seiner Freunde hochhob, konnte ich in der Ferne kleine Männchen nach dem Ball haschen sehen. Die Erfurtfans schrieen einmal, dazwischen wurde zweimal mordsmäßig gepfiffen, geflucht, die Fäuste geschüttelt.

Schieber, Schieber, Betrüger raus, Carl Heinze an die Blautanne!

Vater und seine Freunde verhielten sich still. Nur ab und zu huschte ein seliges Lächeln über ihr Antlitz. In der Halbzeitpause aßen wir bescheiden Bockwurst und tranken rote Brause. Ich fühlte durch den Jackensaum nach meinen Fußballbildern und spielte das Spiel im Sand nach. Kann sein, ich bin sogar kurz zu Vaters Füßen eingeschlafen.

Jena hat gewonnen, beim nächsten Heimspiel in Jena wird alles ganz anders, aber du hast heute deine Feuertaufe bestanden, flüsterte mir Vater zu, als ich im Auto wieder zu mir kam. Er hatte mich den ganzen Weg zum Auto getragen. Ich schaute nach der Antenne. Puh, noch dran. Im Auto öffneten die Männer Bierflaschen. Das gute Ehringsdorfer Hell. Ich bekam auch ein Bier, die Männer sangen glückserfüllt Jenenser Fußballlieder, prosteten mir zu und versenkten den Virus in meine zarte Kinderseele.

 *Gierche = Kirche, Deader = Theater

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