Wimbledon Championships : Offene Schweizer Meisterschaften

In Wimbledon ist die Schweiz so stark wie nie. Das liegt auch daran, dass der Verband seinen Talenten auf ihrem Weg zur Spitze viele Freiheiten lässt.

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Stan Wawrinka in Wimbledon.
Stan Wawrinka in Wimbledon.Foto: AFP

Am Sonntag stand der Spielbetrieb in Wimbledon wieder still. Und der „Middle Sunday“ wird dann traditionell dafür genutzt, um durchzuatmen, locker zu trainieren, die Blessuren zu pflegen und sich für die heiße Phase des Turniers zu wappnen. Für die deutschen Spieler wurde es allerdings der Abreisetag. Von den 17 gestarteten Profis hatten es zwar immerhin fünf in die dritte Runde geschafft, doch dort folgte das kollektive Aus.

Und während die zweite Turnierwoche nun erstmals seit dem Jahr 2006 wieder ohne deutsche Akteure stattfindet, entwickeln sich die All England Championships dafür zu den offenen Schweizer Meisterschaften. Denn mit Roger Federer, Stan Wawrinka, Timea Bacsinszky und Belinda Bencic stehen in Wimbledon erstmals vier Eidgenossen im Achtelfinale eines Grand-Slam-Turniers.

Roger Federer
Roger FedererFoto: AFP

Besonders am Tag nach dem radikalen Kahlschlag im deutschen Lager geht der Blick nicht neidlos hinüber zum Nachbarn. Was machen die Schweizer bloß besser als die Deutschen? Schnell werden Rufe nach dem Deutschen Tennisverband laut, der doch für die Förderung zuständig sei und in den letzten Jahren kaum Erfolgsmeldungen zu bieten hatte. Zudem gerät die fehlende Zentralisierung sowie die unverhältnismäßige Macht der Landesverbände stetig in die Kritik. Swiss-Tennis, der Schweizer Verband, arbeitet da nach einem weit offeneren Prinzip. „Der Spitzensport entspricht einer Werbekampagne im Fernsehen“, erklärte Alessandro Greco, Leiter Spitzensport, der „Berner Zeitung“, „der Verband investiert in dieses Schaufenster, damit die Klubs mehr Zulauf haben.“

Greco fügte hinzu, dass es ganz unerheblich sei, wie ein Talent den Sprung nach vorne schafft. Entscheidend sei, dass die gesamte nationale Tennisszene davon profitiert. So erfuhren auch die vier Achtelfinalisten ganz unterschiedliche Förderung. Federer ist als Einziger ein Verbandsprodukt. Der 33-Jährige durchlief den Regionalkader und das nationale Leistungszentrum, das inzwischen in Biel angesiedelt ist. Wawrinka schaffte es über eine Tennis-Akademie in Spanien zum Junioren-Champion bei den French Open.

Timea Bacsinszky:
Timea Bacsinszky:Foto: DPA

Bacsinszky und Bencic gelten für Greco als „Hybrid-Spielerinnen“. Soll heißen, sie werden von ihren Vätern gefördert, bekommen aber zusätzlich finanzielle Zuwendung vom Verband. Swiss-Tennis unterstützt seine Talente, den Weg dürfen sie jedoch individuell wählen. Es gibt kein starres Korsett, das den Erfolg erzwingen soll. Hierzulande gibt es zwar mehrere Leistungszentren, dennoch sind die jungen Spieler meist auf sich gestellt, da der DTB kategorisch klamm ist. Auch der 18-jährige Alexander Zverev, auf den sich die deutschen Hoffnungen bündeln, ist nur durch die Eigeninitiative seiner Familie nach vorne gekommen.

Djokovic im Finale
Novak Djokovic zieht mit einem klaren Sieg über Überraschungs-Halbfinalist Richard Gasquet in sein viertes Wimbledon-Finale ein.Weitere Bilder anzeigen
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09.07.2015 10:43Novak Djokovic zieht mit einem klaren Sieg über Überraschungs-Halbfinalist Richard Gasquet in sein viertes Wimbledon-Finale ein.

Die Schweizer jedoch können sich am heutigen „Super Monday“ mit allen Achtelfinalpartien über die optimale Werbefläche freuen. „Tennis ist in aller Munde“, meinte Greco, „das ist perfektes Marketing für uns. Und auch wenn es keinen Boom auslöst, gelingt bei den Mädchen jetzt die Trendwende.“ Seit der Erfolgszeit von Martina Hingis hatte das Schweizer Frauentennis ein Tief durchlebt, nun aber kommen mit Bacsinszky und Bencic gleich zwei Spielerinnen auf, die in den nächsten Jahren große Titel gewinnen können. Sie treffen auf Monica Niculescu und Victoria Asarenka, es sind keine unlösbaren Aufgaben.

Belinda Bencic:
Belinda Bencic:Foto: DPA

Das gilt auch für Federer und Wawrinka, die gegen Roberto Bautista Agut und David Goffin die Hoffnung auf ein Schweizer Finale offenhalten können. „Wenn man sich auf einer guten Welle befindet, versucht man, möglichst lange darauf zu reiten“, sagte Bacsinszky. Und diesen furiosen Ritt werden ihre Landsleute geballt vor den Fernsehern verfolgen. In Deutschland versteckt sich die Tennis-Werbung beim Bezahlsender – optimale Werbung für den Sport sieht sicherlich anders aus.

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