Winfried Hermann : "München ist die grünste Bewerbung"

Winfried Hermann, sportpolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag, ärgert sich über das Nein seiner Partei zu den Olympischen Spielen in München und erklärt, warum der Parteitagsbeschluss der bayerischen Bewerbung schadet.

Winfried Hermann ist sportpolitischer Sprecher der Grünen.
Winfried Hermann ist sportpolitischer Sprecher der Grünen.Foto: dpa

Herr Hermann, Sie loben die Münchner Olympiabewerbung als besonders umweltverträglich, aber am Wochenende haben sich die Grünen auf dem Parteitag dagegen ausgesprochen. Sind Sie da an Ihrer eigenen Partei verzweifelt?

 Verzweifelt bin ich nicht. Aber ich war mir dieses Risikos bewusst, wenn man einen solchen Antrag zusammen mit vielen anderen zu vorgerückter Stunde behandelt. Viele haben aus pauschalen Grünen gegen die Bewerbung gestimmt. Sie denken Olympia ist sowieso Mist, Wintersport schadet den Alpen, das IOC ist korrupt und besteht nur aus alten Männern.

 War es dann geschickt, die Basis überhaupt darüber abstimmen zu lassen?

 Wir haben hier einen innerbayerischen Konflikt serviert bekommen. Die Münchner Stadtratsfraktion hat sich für die Bewerbung ausgesprochen, der Landesverband dagegen. Wenn wir nun die Diskussion aus formalen Gründen abgesetzt hätten, dann hätten wir erst recht die Gegner provoziert. Ich habe mich auch falsch eingeschätzt und gedacht, dass ich mit meiner Rede den Parteitag überzeugen könnte.

 Warum ist die Stimmung dann gekippt?

 Zwei junge Delegierte aus Bayern, die ich vorher nicht kannte, haben mit ihren Beiträgen das Herz der alten Väter und Mütter der Grünen gerührt. Indem sie gesagt haben: Wir sind doch eine Partei der Ideale, da können wir doch nicht bei einer solchen Großveranstaltung mitmachen. Wir hätten einfach mal eine Kurzfassung des Bewerbungskonzepts auslegen müssen.

 Was hätte das bewirken können?

 München ist die grünste Bewerbung. Ich betrachte die Bewerbung auch als Erfolg von grünen Ideen. Alle ökologischen Vorschläge sind umgesetzt worden, mit Ausnahme eines Biosphärenreservats, weil sich die Gemeinden dagegen ausgesprochen haben. Aber das Biosphärenreservat gibt es auch ohne Olympische Spiele nicht. Und die Skipisten, die jetzt schon geschlagen sind, die werden doch nicht aufgelöst und die Schneekanonen nicht abgebaut.

 Auch der Vergleich mit Stuttgart 21 fiel.

 Da hätte ich sagen können: Leute, in Stuttgart kämpfen wir seit 20 Jahren gegen einen unterirdischen Bahnhof, wir haben Massen mobilisiert, ihr in München habt nicht einmal eine Demo gegen Olympia auf die Beine gestellt. Wir haben uns bei dem Parteitag auch von unserem eigenen Erfolg verabschiedet. Am Konzept haben wir doch mitgearbeitet. Das wäre so, wie wenn wir in Stuttgart mit unserem Kopfbahnhofkonzept durchkämen, aber die grüne Basis am Ende sagt: Eisenbahn ist scheiße.

 Welche Konsequenzen wird der Parteitagsbeschluss haben?

 Für die Münchner Bewerbung ist es schlecht. Denn der Beschluss sendet das Signal: Die Grünen steigen aus, also kann die Bewerbung nicht ökologisch sein. Pyeongchang wird nicht beweisen müssen, dass das Münchner Konzept unökologisch ist. Aber sie werden überall die rhetorische Frage stellen: Wenn die Grünen es ablehnen, wie kann es dann ökologisch sein?

 Wie werden Sie sich jetzt der Münchner Bewerbung gegenüber verhalten?

 Die Parteivorsitzende Claudia Roth hat sich ja aus dem Kuratorium der Bewerbung verabschiedet. Das musste sie. Ich werde die Bewerbung weiter kritisch begleiten. Aber ich kann jetzt auch nicht anfangen, die Basis zu beschimpfen. Wenn ein Delegierter aus Mecklenburg-Vorpommern noch nie Ski gefahren ist und fragt, ob denn diese Bewerbung sinnvoll ist, kann ich ihn auch irgendwie verstehen. Mich ärgert ja auch, dass das Internationale Olympische Komitee Knebelverträge macht und immer und überall Steuerbefreiungen bekommt.

 Sehen Sie eine Chance, den Beschluss des Parteitags zu korrigieren?

 Nein, man würde eine Partei auch lächerlich machen, wenn man den Beschluss dieses höchsten Gremiums durch ein anderes Gremium konterkariert. Wir brauchen auf einem Parteitag endlich einmal einen Grundsatzantrag zum Sport, gerade zur Frage, wie wir zu Großveranstaltungen stehen. Ich bin beispielsweise nicht gegen Großveranstaltungen, wenn wir dabei Nachhaltigkeitskonzept haben.

 Ist denn für die Grünen Sport immer noch Federball ohne Zählen?

 Nee, wir sind eine ziemlich sportliche Partei geworden. Viele treiben selbst Sport, Laufen, Radfahren, oder sogar machen Triathlon. Wahrscheinlich fährt auch der halbe bayerische Landesverband selbst Ski auf den ökologisch so unmöglichen Pisten, die mit Schneekanonen beschneit werden.

 Das Gespräch führte Friedhard Teuffel.

 

Winfried Hermann, 58, ist sportpolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion von Bündnis90/Die Grünen und Vorsitzender des Bundestags-Verkehrsausschusses.

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