Sport : Wir basteln eine Tradition

Wie Beach-Volleyball sich in Berlin etablieren will

Peter S. Kaspar

Berlin. Nehmen wir einmal Wimbledon. Wer sich da eine Eintrittskarte für den Centre Court kaufen will, muss neben viel Geduld zum Schlangestehen auch sein Erspartes angreifen. Nun handelt es sich bei diesen Tennismeisterschaften von England um ein Grand-Slam-Turnier, da sind stolze Eintrittspreise Tradition.

Nehmen wir Berlin und eine andere Sportart. Wer sich beim Beach-Volleyball-Turnier eine Eintrittskarte kaufen will, wird vergeblich nach einem Kartenhäuschen suchen. Der Eintritt zu der Veranstaltung auf dem Schlossplatz ist frei, auch heute beim Finale der Damen (14.30 Uhr). In Berlin handelt es sich auch um ein Grand-Slam-Turnier. Chef-Organisator Frank Mackeroth verweist selbstbewusst darauf, dass der kostenlose Zutritt ein Stück Tradition ist.

Das ist ein Ding, da beruft sich eine Sportart ohne große Tradition auf eine Tradition, ganz wie die Tour de France, der America’s Cup oder eben Wimbledon. Immerhin, dem Zuschauer kann’s egal sein, er erlebt im Zentrum Berlins Weltklassesport zum Nulltarif. Doch nicht nur hier. Auch beim Weltcup in Hamburg oder den Deutschen Meisterschaften, die stets am Timmendorfer Strand ausgespielt werden (noch eine Tradition!), zahlen die Zuschauer nichts. „Wenn wir am Timmendorfer Strand Eintritt verlangen würden, wären die Meisterschaften trotzdem ausverkauft“, sagt Mackeroth. Und dann rechnet er vor, dass der finanzielle Aufwand viel zu groß wäre, wenn Sicherheitsdienst, Kartenabreißer oder Kassenhäuschen finanziert werden müssten. Mit Blick auf die schon halb voll besetzten Ränge am Freitagmorgen meint er: „Wenn wir Eintritt nehmen würden, wäre jetzt alles leer, und am Samstag kämen die Leute nur zum Damenfinale.“ So aber ist das Turnier gut besucht, und die Sponsoren freuen sich. Das Konzept geht auf, sonst könnten die Veranstalter nicht 300 000 US-Dollar als Preisgeld ausloben. 13 000 Dollar davon bekommen die Deutschen Stephanie Pohl und Okka Rau, die sich gestern den fünften Platz sicherten.

Seit 1995 kamen im Schnitt jedes Jahr fast 30 000 Zuschauer an den Schlossplatz. In diesem Jahr sollen es noch mehr werden, denn die Sitzplatzkapazität am Centre Court wurde von 3000 auf 5500 erhöht. Und da erstmals gleichzeitig eine Damen- und eine Herrenkonkurrenz ausgetragen werden, dauert das Turnier länger. Zu den Finalspielen werden die Stahlrohrtribünen am Schlossplatz voll sein. Bei hohen Eintrittspreisen wäre das vielleicht nicht so gewesen, da sich die deutschen Teilnehmer in den vergangenen Jahren ziemlich rar machten, wenn es um die Entscheidung ging.

Trotzdem ist die Sache mit der Tradition wohl nicht nur einfach so ein Spruch. Der freie Eintritt ist Teil einer Strategie, die sich vielleicht so umschreiben lässt: „Wir basteln uns jetzt eine Tradition.“ Trends kommen und gehen. Das Beachvolleyball will aber bleiben. Und so lässt sich wohl auch die Einführung der Grand-Slam-Turniere erklären. Neben Berlin sind Klagenfurt, Marseille und Los Angeles auf diese Weise geadelt worden. Möglicherweise werden noch zwei Turniere hinzu kommen. Natürlich ist dann das Preisgeld höher. Aber letztlich geht es darum, Sinnstiftendes zu schaffen, um die Sportart zu etablieren. Aber wie das so ist, mit den Traditionen. Letztlich sind sie auch dazu da, um gebrochen zu werden. Zum ersten Mal gibt es in Berlin auch 300 überdachte Plätze. Für die muss bezahlt werden. „Ein Experiment“, sagt Mackeroth. Die übrigen Sitzplätze bleiben kostenlos. Schon der Tradition wegen.

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