Sport : Wir sind Podium

Wolfram Eilenberger

Alle haben sie es geschafft: Australien, Südkorea, Finnland, sogar die Niederlande! Nur Kanada nicht. Weder 1976 in Montreal noch 1988 in Calgary. So genießt das zweitgrößte Land der Erde bis heute das zweifelhafte Privileg, als einziger Ausrichter der olympischen Geschichte ohne heimische Goldmedaille geblieben zu sein. Die Scham sitzt tief. Und vom 12. bis 28. Februar soll sie in Vancouver getilgt werden.

Seit Monaten flimmern deshalb Werbespots über Kanadas Bildschirme, in denen Schulkinder unter dem Motto „I believe“ oder „We were made for this“ ihrer Überzeugung vom Durchbruch an die sportliche Weltspitze Ausdruck verleihen. Ein Blick in ihre strahlenden Antlitze – alle Ethnien des Erdballs sind vertreten – lässt begreifen, worum es bei diesem Projekt in Wahrheit geht. Denn bei der Frage, wer oder was eigentlich „kanadisch“ ist, spielt der ewige Kulturkonflikt zwischen frankophonen und englischsprachigen Landesgebieten längst eine untergeordnete Rolle. Nein, Kanadas Patrioten der Zukunft stammen aus Indien, China, von den Philippinen, aus Jamaika – manchmal sogar aus Deutschland. In den Ballungsräumen um Toronto und Vancouver sind gerade einmal 50 Prozent der Einwohner in Kanada geboren. Ernste Identitätszweifel sind da unvermeidbar. Durch nichts lassen sie sich wirkungsvoller stillen als das Medium des olympischen Spitzensports, weshalb die Nation in den vergangenen Jahren ein 120 Millionen Dollar schweres Sonderförderungsprogramm namens „Own the Podium“ auflegte. Sein erklärtes Leistungsziel für die Spiele von Vancouver: der Sieg in der (inoffiziellen) Nationenwertung. Auf die Frage, was Kanada ist, soll es in Zukunft also eine ganz simple Antwort geben: die erfolgreichste Wintersportnation der Erde. Das verstehen sogar Kinder. Gerade die.

Wolfram Eilenberger ist Philosoph und Schriftsteller. Er lebt und lehrt in Toronto, Kanada.

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