Sport : Wir wollen Poldi holen!

Nach der Niederlage in Stuttgart machen sich beim FC Bayern erste Auflösungserscheinungen breit

Klaus Raab[München]

Es ist nicht leicht, Ottmar Hitzfeld zu einer nicht zu Ende gedachten Antwort zu bewegen, aber am Sonntag schaffte es ein Journalist mit einer simplen Frage. Sie lautete: „Warum spielte in Stuttgart Roque Santa Cruz?“ Hitzfeld, der Trainer des FC Bayern München, ließ sich in diesem Moment zu einer indirekten sportlichen Bankrotterklärung hinreißen. Er fragte zurück: „Wer soll denn sonst spielen?“ Dies zeigte zweierlei. Erstens: Ottmar Hitzfeld ist zweieinhalb Monate nach seiner Rückkehr auf die Bank des Rekordmeisters nun, da er offensichtlich nicht das Ziel erreichen wird, das er und der Verein sich gesetzt hatten, nicht mehr unkritisierbar. Und zweitens stand Hitzfelds Frage für sich: Wer soll denn sonst spielen? Denn die Bayern haben ein schon die ganze Saison über im Raum stehendes Kaderproblem, das nun endgültig zweifelsfrei offengelegt ist.

Am Tag zuvor hatte Hitzfelds Mannschaft beim VfB Stuttgart verloren, was für den Rekordmeister wohl das Ende der Träume vom versöhnlichen Saisonabschluss bedeutet. Der dritte Tabellenplatz, der zur Qualifikation für die Champions-League berechtigt, ist fast außer Reichweite. „Wir haben zwei, ach was, sechs, sieben, acht katastrophale Fehler gemacht im Abwehrbereich“, sagte Hitzfeld. „Auch das Durchsetzungsvermögen im Sturm bereitet mir nach wie vor Sorgen. Und dass wir die Kreativität im Mittelfeld nicht herzaubern können, liegt ja auf der Hand.“ Wenigstens hat der FC Bayern nur noch vier Spieltage, bis er diese Saison beenden kann.

Allerdings droht nun auch noch Mark van Bommel nach einem versuchten Ellbogencheck gegen Stuttgarts Pardo, den Schiedsrichter Markus Merk nicht gesehen hatte, eine nachträgliche Sperre. Und so ist die Frage: Was müsste tatsächlich geschehen, um wirklich doch noch Dritter zu werden? Andreas Ottl, der in Stuttgart verletzt gefehlt hatte, antwortete auf diese Frage: „ein kleines Wunder“. Doch es sieht aus, als wäre der FC Bayern München am Wochenende endgültig in der ernüchternden Realität angekommen. Es reicht in diesem Jahr wohl kaum für Wunder.

An dieser Stelle beginnen die Zukunftsplanungen des FC Bayern München. Und so formulierte Hitzfeld eine Sorge, die schon die kommende Saison betrifft. „Es besteht jetzt eine große Gefahr, dass die Mannschaft auseinanderfällt“, sagte Hitzfeld. Die Sorge ist nachvollziehbar. Es geht voraussichtlich nicht mehr um viel, Stuttgart, Schalke und Bremen sind enteilt. Allerdings steht ein großer personeller Umbruch bevor, einige Spieler – Hasan Salihamidzic und Mehmet Scholl – werden den Verein verlassen. Andere – Roque Santa Cruz, Claudio Pizarro, Owen Hargreaves und Ali Karimi etwa – beschäftigen sich ebenfalls längst mit Abwanderungsgedanken. „Aber“, sagte Hitzfeld, „ich habe den Spielern klar gesagt, dass ich das jetzt nicht dulde“.

Wenig später befand sich Lukas Podolski schon im Bus, der zur Abfahrt nach Köln bereitstand. Fans des 1. FC Köln, die nach dem Auswärtsspiel ihres Klubs beim TSV 1860 am Freitag in München geblieben waren, hatten Transparente und Megafone mitgebracht und sangen auf dem Gelände der Bayern: „Wir wollen Poldi holen!“ Zwei Stunden lang ließ sich Podolski bitten, dann bestieg er den Bus. Er ballte die Hände, und sein Fotolächeln wich einem breiten zahnreichen Lachen. Es war das einzige öffentliche Lachen des Tages.

Podolski ist am Ende wieder ausgestiegen, aber es war eine Szene, die Hitzfelds Worte noch einmal unterstrich, die für die nächsten vier Wochen auf dem FC Bayern München lasten werden: „Die Mannschaft droht auseinanderzufallen.“

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