Wirtschaftskrise und Sport : Vorolympische Not auf der Insel

Weil Fördermittel fehlen, stehen in Großbritannien drei Jahre vor Olympia viele Sportler vor dem Aus. Wegen der Wirtschaftkrise werden die Etats gekürzt - und das hundertfach.

Verena Friederike Hasel[London]
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Halle sucht Sportler. Britische Wasserballer zum Beispiel haben kaum noch Hoffnung, in der geplanten Schwimmhalle starten zu...Foto: dpa

Als der Wasserballer Sean King erfuhr, dass sein Traum von Olympia sich im Nichts auflösen würde, war er gerade beim Training. Im Radio verkündete eine Stimme, dass die Olympia-Etats für acht Sportarten dramatisch gekürzt werden würden, darunter auch für Wasserball. Sean King biss die Zähne zusammen und trainierte erst mal weiter.

Seitdem sind mehr als drei Monate vergangen, noch immer absolviert Sean King die elf Trainingssessions pro Woche mit großer Hartnäckigkeit, doch die Reihen seiner Teamkollegen im Manchester-Trainingszentrum lichten sich. Statt umgerechnet 680 Euro monatlich bekommen die Wasserballer jetzt 280 Euro, der eine musste deshalb einen Job im Supermarkt annehmen, zum Training schafft er es nur noch selten. „Wir sind alle sehr ernüchtert“, sagt Sean King.

Was die Wasserballer erleben, passiert derzeit hundertfach in Großbritanniens Sportwelt. Als London den Zuschlag für die Olympischen Spiele 2012 bekam, durften sich diejenigen, die einen Nischensport betreiben, anfangs besonders freuen. Das Gastgeberland genießt automatisch Startrecht, insofern erschien der Zeitpunkt günstig, um Mannschaften in den unterrepräsentierten Sportarten zu etablieren (siehe Kasten). Der Staat pumpte viel Geld in dieses Vorhaben, die Wasserballer bekamen ein Trainingszentrum in Manchester, die Handballer gar eins im dänischen Aarhus, und die Spieler gaben Jobs und Wohnungen auf, um dem olympischen Traum zu folgen. Doch nun verkündete UK Sport, zuständig für die Vergabe von Geldern, dass aufgrund der Finanzkrise die privaten Investitionen ausgeblieben seien und man sich auf die Förderung von Sportarten konzentrieren wolle, die medaillenträchtig seien. Alle anderen müssten mit Kürzungen rechnen.

Die Handballer hat es besonders hart getroffen. Statt 3,3 Millionen Euro wie über die vergangenen vier Jahre hinweg, bekommen sie bis 2013 nur noch 1,6 Millionen Euro. Dabei war der Handball ursprünglich das ehrgeizigste Olympia-Projekt. Mühevoll wurden gute Spieler gesucht, sogar über das Internet, und bis nach Aarhus verschickt, weil in England die Trainingsmöglichkeiten fehlten. Derzeit sind die Handballer in Aarhus aber weniger mit Training als mit Entlassungen beschäftigt. Drei Berater des Teams – Psychologe, Ernährungsberater und Videoanalyst – mussten schon gehen, die Teammanager arbeiten nur noch halbtags, mehr ist finanziell nicht drin. Dass sechs der Handballer zwischenzeitlich beim Bundesligisten TuSEM Essen trainieren konnten, bezeichnete Paul Goodwin, Manager der British-Handball-Association, zunächst als Glücksfall. Doch für die in Aarhus verbliebenen Handballer fehlen zunehmend die Trainingspartner. Auch die psychischen Folgen seien gravierend, sagt Frazer Snowdon von der British Handball Association: „Es ist schwer, diese Entscheidung von UK Sport nicht persönlich zu nehmen.“ Zwei der Spieler sind inzwischen sogar ganz ausgeschieden.

Um das zu vermeiden, haben die Volleyballer, deren Etat ebenfalls gekürzt wurde, beschlossen, so weiterzumachen wie bisher. Sie würden die 1,7 Millionen Euro, die ihnen bis 2013 zuständen, innerhalb von zwei Jahren ausgeben, sagt Kenny Barton von der British Volleyball Federation. „Und dann müssen wir eben eine andere Geldquelle auftun.“ Zu diesem Zweck haben die Wasserballer inzwischen sogar einen Verein gegründet. Seine Mitglieder verkaufen Armbänder mit der Aufschrift „Rettet den englischen Wasserball“ und versuchen Spenden zu akquirieren. Einer der Initiatoren ist Sean Kings Vater.

Was ihn so ärgere, erzählt David King, sei, dass die meisten übersähen, dass es nicht nur um sportlichen Ehrgeiz, sondern um Menschen gehe. „Mein Sohn war auf einem guten Weg, der nun ins Nichts führt.“ Wie viele seiner Teamkollegen war Sean King eigens für das Training nach Manchester gezogen, hat dort eine Wohnung bezogen, die er so schnell nicht kündigen kann. Doch ab September wird voraussichtlich kein Geld mehr da sein, um die Poolmiete im Trainingscenter zu bezahlen. Team-Manager Nick Hume hat vor einigen Wochen gekündigt, offiziell aus familiären Gründen, aber Insider sagen, er sei frustriert gewesen. Das ist auch King: „Es wird so viel Geld ausgegeben für Berater, die entscheiden, welche Farbe die Bänke in den Stadien haben. Warum dann nicht für einen aufstrebenden Sport?“

So gesund Konkurrenz im Sport auch sein mag – es scheint, dass die Entscheidung von UK Sport vor allem Rivalität und Missgunst zwischen den einzelnen Sportarten schürt. So verzeichnen 17 Disziplinen seit der Entscheidung von UK Sport sogar einen höheren Etat als zuvor, die Radfahrer etwa werden knapp 36 Millionen Euro bekommen. Das sei, sagt King, zusammen mit den privaten Sponsoring-Verträgen für diesen etablierten Sportverband, bestimmt mehr, als er eigentlich ausgeben könnte.

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