WM 2014: Testspiel gegen Polen : Löws Debütanten und ihre WM-Chancen

Joachim Löw testet beim Länderspiel gegen Polen am Dienstagabend neue Nationalspieler: Sechs Debütanten stehen in seinem vorläufigen WM-Kader. Wer sie sind, und was für Chancen sie haben.

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Der Hoffenheimer Kevin Volland kann sich freuen. Wenn alles normal läuft, wird er als erster (und einziger) Ersatzmann für Miroslav Klose nach Brasilien fahren.
Der Hoffenheimer Kevin Volland kann sich freuen. Wenn alles normal läuft, wird er als erster (und einziger) Ersatzmann für...Foto: dpa

KEVIN VOLLAND

Kevin Volland ist 21 Jahre alt. Also sehr jung. Dennoch ist der Allgäuer einer der komplettesten Spieler der Bundesliga. Robust, zweikampfstark, technisch auf einem hohen Niveau, extrem wendig, dribbelstark und ein Stürmer mit enormen Abschlussqualitäten. „Ich kann auch mal einen aus den Schuhen hauen“, sagt er. Das mag daran liegen, dass er früher Eishockey spielte. Sein Vater Andreas war Eishockeyprofi und spielte für die deutsche Nationalmannschaft. Volland gehört zu den flexibel einsetzbaren Spielern in der Offensive. Bei seinem Klub TSG Hoffenheim spielt er mal ganz vorne als Stoßstürmer und zuletzt häufiger auf der rechten Mittelfeldseite. Auf beiden Positionen gelangen ihm spektakuläre Treffer. Das Mittelfeld sei nicht seine „Lieblingsposition“ sagt er. In der vergangenen Saison aber bewies Volland, dass er sich auf neue Positionen einstellen kann. Elf Tore schoss der Kapitän der U-21 und strahlt auch als Mittelfeldspieler eine hohe Torgefahr aus. Volland ist ein klar strukturierter Teamplayer, von dem als Ersatzmann für Miroslav Klose keine Unruhe zu erwarten ist. Seinen Vertrag in Hoffenheim verlängerte er vor kurzem bis 2017. tru

WM-Chance: Sehr gut. Ist neben Klose der einzige Spieler im Kader, der noch der aussterbenden Spezies Stürmer zugeordnet wird.

Für eine Ablösesumme von rund fünf Millionen Euro wechselte der erst 19-jährige Leon Goretzka vom VFL Bochum zum FC Schalke 04.
Für eine Ablösesumme von rund fünf Millionen Euro wechselte der erst 19-jährige Leon Goretzka vom VFL Bochum zum FC Schalke 04.Foto: dpa

LEON GORETZKA

Es ist die Haltung, die sofort ins Auge fällt: Der kerzengerade Oberkörper, die Eleganz der Ballführung wirkt so routiniert und unantastbar, als sei Leon Goretzka bereits Ewigkeiten fester Bestandteil der Bundesliga. Dabei hat der gebürtige Bochumer gerade einmal eine Saison in der höchsten Spielklasse hinter sich gebracht. Anfänglich hatte der 19-Jährige Probleme, sich an die Größenunterschiede zwischen dem heimischen Zweitligisten VfL und dem FC Schalke 04 zu gewöhnen. Ein paar Verletzungen und Krankheiten machten die Sache für Goretzka zudem nicht leichter.

Doch zur Rückrunde zeigte der flexible Mittelfeldspieler, weshalb Manager Horst Heldt rund fünf Millionen Euro für „eines der größten Talente des deutschen Fußballs“ überwiesen hatte. Goretzka bekam mehr Spielzeit. Und seine bemerkenswerte Technik, seine Übersicht, seine Zielstrebigkeit waren einfach nicht zu übersehen. Die Nominierung für die Nationalmannschaft sei „der krönende Abschluss dieser Saison“, sagt Goretzka. Eigentlich müsste er heute eine Abiturklausur im Fach Deutsch schreiben. Die wird er wegen des Länderspiels gegen Polen aber nachholen müssen. An diese Doppelbelastung ist Leon Goretzka allerdings gewöhnt. jst

WM-Chance: Gering. Konkurriert mit Matthias Ginter, der jedoch den Vorzug hat, auch in der Abwehr verwendbar zu sein.

Schalkes Trainer Jens Keller findet den 18-jährigen Max Meyer "saucool". Trotzdem sind seine WM-Chancen gering, in Deutschland mangelt es nicht an spielstarken Mittelfeldspielern.
Schalkes Trainer Jens Keller findet den 18-jährigen Max Meyer "saucool". Trotzdem sind seine WM-Chancen gering, in Deutschland...Foto: dpa

MAX MEYER

Wahrscheinlich ist es Max Meyer egal, ob er auf einem Bolzplatz in seiner Heimatstadt Oberhausen, in irgendeinem Bundesligastadion oder sonst irgendwo auf diesem Planeten kicken kann. Hauptsache, er hat den Ball am Fuß. Der 18-Jährige hat die Fähigkeit, sämtliche Aufregungen und Verwerfungen des Profigeschäfts auszublenden, wenn er auf dem Fußballplatz steht. „Er spielt immer seinen Stiefel runter“, sagt Schalkes Manager Heldt. Trainer Jens Keller findet Meyer sogar „saucool“. Der nur 1,69 Meter kleine Mittelfeldspieler ist ungewöhnlich dribbelstark und so wendig und ballsicher, dass er seine Gegenspieler regelmäßig zur Verzweiflung treibt. Meyer ist ein Kind der Schalker Knappenschmiede, die ihm das sportliche Rüstzeug und das nötige Selbstbewusstsein mit auf den Karriereweg gegeben hat. Damit Meyer in Gelsenkirchen besser zur Geltung kommt, hatte sich Heldt nach der Vorsaison dazu entschieden, Konkurrent Raffael trotz guter Leistungen nach Mönchengladbach ziehen zu lassen. Dieses Vertrauen hat Meyer voll und ganz zurückgezahlt. Seit einigen Wochen darf er nun selbst mit dem Auto zum Training kommen und muss nicht mehr chauffiert werden. jst

WM-Chance: Gering – trotz starker Saison. An spielstarken Mittelfeldspielern besteht in Deutschland kein Mangel.

Falls Höwedes nicht fit wird, hat Shkodran Mustafi (22) eine Chance in den Kader zu kommen.
Falls Höwedes nicht fit wird, hat Shkodran Mustafi (22) eine Chance in den Kader zu kommen.Foto: dpa

SHKODRAN MUSTAFI

Italiener und Deutsche haben eines gemeinsam: Der Name Shkodran Mustafi sagte ihnen bisher nicht viel. Nur wenige Fußballinteressierte nahmen bisher zur Kenntnis, dass der 22-Jährige gerade seine erste Saison als Stammspieler bei Sampdoria Genua recht souverän absolviert. Erst seit der ersten Nominierung durch Joachim Löw im Februar ist der Innenverteidiger ein Begriff in Europa, obwohl er viel herumgekommen ist: Als Sohn albanischer Eltern in Bad Hersfeld geboren, mit 14 zum Hamburger SV gewechselt und mit 17 zum FC Everton, wo er jedoch nie ein Erstligaspiel absolvierte.

Sein Durchbruch kam erst in Genua, wo er zunächst in die Serie A und dann im zweiten Erstligajahr zum Leistungsträger aufstieg beim Tabellenzwölften. Laut eigener Aussage fühlt Mustafi sich eher albanisch als deutsch, war aber heimisch in allen hiesigen Juniorennationalteams.

WM-Chance: Gering. Besitzt aber eine Chance, falls Höwedes nicht fit wird.

"Gute Perspektiven" bescheinigt Bundestrainer Joachim Löw dem 23-jährigen André Hahn.
"Gute Perspektiven" bescheinigt Bundestrainer Joachim Löw dem 23-jährigen André Hahn.Foto: dpa

ANDRÉ HAHN

Das Märchen vom Aschenputtel ist eine ziemlich müde Nummer im Vergleich zum Aufstieg des André Hahn vom gescheiterten Jugendfußballer zum Nationalspieler. „Seine Entwicklung in relativ kurzer Zeit war schon rasant“, sagt Bundestrainer Joachim Löw über den Offensivspieler vom FC Augsburg. Das kann man wohl sagen. Vor vier Jahren wollte Hahn, der in der U 23 des Hamburger SV als nicht bundesligatauglich ausgemustert worden war, eigentlich schon mit dem Fußball aufhören. Der gelernte Autolackierer lebte von 200 Euro im Monat und ernährte sich vorwiegend von Fertigpizza. Über Oberneuland, Koblenz, Offenbach und Augsburg führt ihn der Weg jetzt zu Borussia Mönchengladbach in den Europapokal – und zuvor möglicherweise auch noch zur WM nach Brasilien. „Gute Perspektiven“ bescheinigt Bundestrainer Löw dem 23-Jährigen ganz allgemein. „Zu seinen Qualitäten zählt die enorme Schnelligkeit.“ Hahn bringt es auf bis zu 36 Stundenkilometer, er ist torgefährlich und das auch noch mit beiden Füßen: Sieben seiner Saisontore erzielte er mit rechts, vier mit links – und das zwölfte am vergangenen Samstag mit dem Kopf.

WM-Chance: Gering. Bringt mit seiner Dynamik und Zielstrebigkeit eine spezielle Qualität ein, doch die ist im Kader (Reus, Schürrle, Müller) ohnehin ausreichend vorhanden.

Erik Durm (21) konkurriert mit Marcell Jansen um die Rolle des Back-ups von Abwehrspieler Marcel Schmelzer.
Erik Durm (21) konkurriert mit Marcell Jansen um die Rolle des Back-ups von Abwehrspieler Marcel Schmelzer.Foto: dpa

ERIK DURM

„Erik who?“, wird sich Gareth Bale wohl gefragt haben, als er von seinem Gegenspieler im Champions-League-Viertelfinale erfuhr. Man sollte das dem Stürmer von Real Madrid nicht unbedingt zum Vorwurf machen; selbst bei Borussia Dortmund kannte vor dieser Saison keiner den Namen. Im Jahrbuch wird er bei den Profis nicht gelistet, bei der U23 taucht er im Kader auf. Als Stürmer.

Was der 21-jährige Saarländer im letzten halben Jahr erlebte, ist verblüffend: Als sich Nationalspieler Marcel Schmelzer verletzte, hatte Trainer Jürgen Klopp den Geistesblitz, einen jungen Mann links in die Viererkette zu beordern, den niemand auf der Rechnung hatte. Es funktionierte so blendend, dass die Stammkraft nicht vermisst wurde. „Er ist für die Champions League geboren“, sagte Klopp im November nach Durms beeindruckendem Auftritt gegen Neapel. Schnell, technisch gut, taktisch klug und mutig – Durm vereinigt in sich viele der Qualitäten, die das Dortmunder Anspruchsprofil ausmachen. fex

WM-Chance: Gut. Konkurriert mit dem verletzungsanfälligen Marcell Jansen um die Rolle des Back-ups von Marcel Schmelzer.

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