WM Kolumne : Live-Erlebnis statt Krisselbilder

Anouschka Bernhard über ihre Freude, etwas Großes im Frauenfußball miterleben zu dürfen

Foto: IMAGO

Endlich hat sie angefangen, die WM. Ich fiebere dem Turnier schon seit einem Jahr entgegen, seit ich mir Karten für das Eröffnungsspiel gekauft habe. Meine Mitspielerinnen vom SV Seitenwechsel e.V. und ich haben uns 50 Tickets besorgt und waren gestern mit dem kompletten Team im Olympiastadion dabei. Mir kam das Warten schon lange vor, da möchte ich mir gar nicht vorstellen, wie das für die Nationalspielerinnen war, die sich seit Jahren darauf vorbereitet haben. Die WM hat zwar in der Öffentlichkeit keine langen Schatten vorausgeworfen, doch seit einigen Tagen merken auch Nicht-Fußballfans: Hier passiert etwas Großes. Wenn man etwa in Berlin am Kaiserdamm entlangfährt, dann sieht man schon überall die Flaggen. Und ich wohne am Olympiastadion, da konnte ich schon sehen, wie dort die Fahnen gehisst wurden. Dazu kommt die riesige mediale Präsenz. Bei der EM 1989, dem ersten internationalen Frauen-Fußballturnier in Deutschland, hätte doch nicht mal die kühnste Optimistin gedacht, dass es einmal eine WM-Eröffnung mit solchen Dimensionen hierzulande geben könnte. Dabei freue ich mich als Trainerin in erster Linie darauf, so viele Spielerinnen anderer Nationen auf einmal zu sehen, und das in HD und nicht wie sonst in Krisselbildern auf Spartensendern. Und als Fan freue ich mich auf das Gemeinschaftserlebnis, die Spiele beim Public Viewing mit anderen Fans zu genießen.

Doch ich hoffe gar nicht mal darauf, dass der Frauenfußball einen großen Boom durch die WM erhält, denn das könnte einen Jojo-Effekt geben wie bei einer Diät. Es bringt nichts, wenn sich spontan dreißig Prozent mehr Mädchen in den Vereinen anmelden und nach einem halben Jahr keine Lust mehr auf Fußball haben. Ich hoffe einfach, dass die gesunde, positive Entwicklung der letzten Jahren bestärkt wird. Und wenn ich lese, dass der Formel-1-Fahrer Nico Rosberg den Frauenfußball mit den Paralympics verglichen hat, dann kommt eine gewisse Schadenfreude bei mir auf – darüber, dass nun auch Männer mit Macho-Gehabe anerkennen müssen, dass der Frauenfußball jetzt drei Wochen die erste Geige spielt.

An dieser Stelle wechseln sich DFB-Jugendtrainerin Anouschka Bernhard, Turbine Potsdams Coach Bernd Schröder, der Schriftsteller Moritz Rinke und der langjährige Bundestrainer Gero Bisanz ab.

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