WM-Torwart Hans Tilkowski : "Es gab keine Effekthascherei"

Hans Tilkowski, WM-Torhüter von 1966, war dem Wembley-Tor am nächsten. Wir sprachen mit ihm über die Veränderungen im Torwartspiel und die Inszenierung heutiger Keeper. Und abschließend natürlich, ob der Ball nun drin war oder nicht.

Hat sich das Torwartspiel im Laufe der Jahre verändert?



Ein Argument dafür ist ja immer, dass die Flanken heute schärfer kommen. Andererseits hat der Charly Dörfel schon 1960 Flanken geschlagen, die so scharf auf Uwe Seeler kamen, dass der nur noch seinen Kopf hinhalten musste. Und das konnte der sowohl aus dem Stand, als auch aus dem Lauf heraus. Analysiert man das Torwartspiel nüchtern und nicht so aufgeregt wie in der Sportpresse üblich, würde ich sagen: Es hat sich nichts geändert.

Also alles beim Alten?

Damals wie heute muss sich der Torhüter auf die Eigenheiten der Stürmer einstellen. Bei Stan Libuda wußte ich, dass er nicht aus spitzem Winkel schießen, sondern zurück passen würde. Helmut Rahn dagegen hat oft den Abschluss aus spitzem Winkel gesucht. Das heißt, wir hatten eine Art Spielerkartei im Kopf. Damals wie heute ist der gute Torhüter derjenige, der seine Fähigkeiten in den Dienst der Mannschaft stellt und nicht für sich glänzt. Und diese Fähigkeiten hat er ganz sachlich einzusetzen. Die Reflexe gehörten auch damals zur notwendigen Grundausstattung eines jeden Torhüters. Und heute noch hält es der gute Torhüter mit Herberger: "Wenn Sie eine Parade zeigen müssen, haben Sie vorher etwas verpasst."

Machen denn nicht die modernen Bälle das Torwartspiel schwieriger? Man hört immer Klagen, dass sie kaum zu berechnen sind.

Wenn ich das schon höre - bereits im Vorfeld der WM in Chile wurde davon gesprochen, dass die Turnierbälle flattern. Aber keiner fragt heute mehr danach, dass wir damals praktisch ohne Handschuhe gespielt haben.

Was heißt "praktisch ohne"?

Ich hatte von meiner Mutter gestrickte Wollhandschuhe. Mehr gab es ja nicht.

Rutschte der Ball mit solchen Handschuhen nicht sofort durch die Hände?

Gerade da zeigte sich dann das Können des Torhüters. Ich habe kürzlich noch einmal mit dem Gyula Grosics (Ungarns Nationaltorwart von 1947 bis 1962, d. Red.) gesprochen – der hat nie Handschuhe getragen. Selbst im Winter nicht.

Bei der WM 1962 in Chile zog ihnen Sepp Herberger überraschend den unerfahrenen Wolfgang Fahrian vor. Stimmt es, dass Sie nach Hause geflogen wären, wenn Sie einen Flug bekommen hätten?

Ja sicher.

Warum?

Wissen Sie, ich war vier Jahre vorher bei der WM in Schweden auch schon im Kader. Da sagte Herberger: "Hans, Sie sind 22 Jahre alt, Sie haben erst drei Länderspiele, ich brauche einen Torhüter mit mehr Erfahrung." Das hat zwar wehgetan, aber seine Argumente waren richtig. Für die WM 1962 habe ich alle Qualifikationsspiele mitgemacht, und kurz vor Turnierbeginn teilt er mir mit, dass Wolfgang Fahrian seine Nummer Eins sei. Der hatte aber erst ein Länderspiel. Herbergers Entscheidung war eine riesige Enttäuschung für mich. Ich habe dann auch zu ihm gesagt: "Sie lehren etwas anderes, als Sie praktizieren und praktizieren etwas anderes, als Sie lehren." Und damit habe ich Recht behalten, denn er ist nach meinem Rücktritt zu mir gekommen und hat mich darum gebeten, wieder zu spielen. So habe ich dann die WM 1966 in England doch noch als erster Torwart gespielt.

Wie beurteilen Sie vor diesem Hintergrund Oliver Kahns Entscheidung, bei der WM 2006 als Ersatztorwart dabei gewesen zu sein?

Ich behaupte mal, dass haben ihm seine Medienberater nahegelegt. Aber wie haben Sie das eigentlich empfunden, als Kahn vor dem Elfmeterschießen zu Jens Lehmann gegangen ist, um ihm viel Glück zu wünschen?

Um ehrlich zu sein, ich habe eine Gänsehaut bekommen.

Aha. Und warum?

Weil es mich berührt hat, wie sich der Teamgeist dieser Mannschaft in einem starken Bild manifestierte.

Sehen Sie, und ich sage Ihnen genau das Gegenteil. Sie müssen das mal genau betrachten: Oliver Kahn schaut den Jens Lehmann in diesem Moment gar nicht an. Er schaut in die Kamera.

Sie meinen, die Begegnung der beiden Torhüter war inszeniert?

Ja. In erster Linie ging es Oliver Kahn darum, aus seiner Rolle als Ersatzmann das Beste für sich herauszuholen. Er hat sich den Platz auf der Bank doch sogar in der Werbung versilbern lassen.

Ist Lehmann Ihr WM-Torwart gewesen?

Ich habe mich von Anfang an aus dieser Diskussion herausgehalten, und es steht mir auch nicht zu, das zu beurteilen. Das einzige, was ich zu Jens Lehmann sagen kann, ist, dass er dem Spiel, das ich verkörperte, sehr nahe kommt. Er macht sein Spiel nicht von der Torlinie aus, das gefällt mir sehr gut. Er steht meist am Elfmeterpunkt oder sogar am Sechzehner. Wenn jetzt vom Gegner ein Steilpass kommt, hat er gegenüber anderen Torhütern mehrere Meter Vorsprung. Er hat in England viel gelernt, sein Torwartspiel ist dort ein anderes geworden.

Wie wichtig ist die Lobby für einen potentiellen Nationaltorhüter?

Die ist relativ wichtig, das ist heute nicht anders als früher. Mir hat diese Lobby teilweise gefehlt – ich hatte einen halben Journalisten, der mich beobachtete und stützte, während andere fünf oder sechs Pressevertreter hatten. Heute sehen Sie das an Uli Hoeneß, der Rensing über die Medien wieder ins Gespräch bringt, weil ihm Neuer und Adler in der öffentlichen Wahrnehmung den Rang abgelaufen haben.

Sind es am Ende die Medien, die einen guten Torhüter konstruieren?

Sie können das Zünglein an der Waage sein. Sehen Sie, es gibt doch genug Journalisten, die ihr Herz an einen Verein verloren haben. Die beschreiben dann jede noch so unnötige Parade ihres Torhüters als Weltklasse – Paraden, die im Vorfeld hätten verhindert werden können. Da fragt man sich teilweise, ob die ihr Gehalt auch vom jeweiligen Verein beziehen. Und wenn Sie als Torwart nicht nur gegen Ihre Konkurrenten, sondern auch noch gegen eine auf dieses Weise mobilisierte Öffentlichkeit ankämpfen müssen, haben Sie es verdammt schwer. Bevor ich einen Artikel lese, schaue ich zuerst nach, wer ihn geschrieben hat. Dann weiß ich oft schon vorher, dass ich ihn nicht lesen muss.  

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