WRITERS  Corner : London süß-sauer

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Foto: Thilo Rückeis
Foto: Thilo Rückeis

Ist ja nicht so, dass ich als Olympiareporter keinen Druck spüren würde. Die Konkurrenz schläft nicht, rund um die Uhr laufen die Spiele in Fernsehen und Internet, da muss ich etwas liefern. Etwas Exklusives. Sonst wird die Luft für mich immer dünner. Luft? Klar, das ist es! Ich schnüffle einfach herum. Zeige, dass ich eine gute Nase habe. Für die Recherche: Wie riecht Olympia? Ich fange am Eingang an, bei der Sicherheitskontrolle. Doch was ist das? Ein strenger Geruch kommt aus den grünen Fleecejacken des privaten Sicherheitsdienstes. „Saugt auf, bevor Geruch entsteht“, gilt nicht für diese Jacken. Also schnell rein in die Halle. Da ist es besser, im Eingangsbereich kann ich etwas Gebackenes ausmachen. Ich folge dem Geruch und lande bei Cornish Pasties, einer Teigtaschenspezialität, die es wahlweise mit Lamm und Minze, Rindfleisch oder Käse und Zwiebeln gibt. Aber jetzt zum Sport. Da fällt mir ein, dass wir ja bei Olympia sind. Da gelten besondere Herausforderungen, auch für schnüffelnde Reporter. Die Lüftung in der Halle funktioniert wirklich auf Goldmedaillenniveau. Sie trägt jede Nuance weg. Endlich meine ich, einen Molekülcocktail entschlüsselt zu haben: erhitzter Staub durch die Lampen, ein Hauch sportlicher Schweiß und das künstlich-süße Kaugummi der brasilianischen Kollegin neben mir auf der Pressetribüne. Ich steige in den Bus und fahre zum nächsten Wettkampf. In Gedanken gehe ich alle Gerüche noch mal durch. Bis meine Nasenflügel sich unfreiwillig in Bewegung setzen. Von rechts weht es säuerlich herüber. Ein Fotografenkollege hat seine Schuhe ausgezogen und die Füße auf den Sitz gestellt. Ich hoffe auf das Verständnis der Leser, dass ich hier die Recherche abbreche. Und ein Fenster öffne.

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