Sport : Zitternd vor Aufregung

Ein persönlicher Brief von Tagesspiegel-Autor Hartmut Scherzer

Hartmut Scherzer

Es war der letzte – schriftliche – Kontakt. Sehr geehrter Herr Scherzer!

Für die vielen Beweise freundschaftlicher Verbundenheit zu meinem 99. Geburtstag danke ich sehr herzlich. Ich habe mich sehr darüber gefreut. Mit freundlichen Grüßen,

Max Schmeling

Zusatz: Ich habe Ihre Berichte gelesen! Sehr gut!

Seit Jahrzehnten habe ich Max Schmeling zu seinem Geburtstag gratuliert. Zu seinem 90. war ich zum Plausch bei ihm eingeladen und habe ihm zum Dank meine Bewunderung in einem Brief zum Ausdruck gebracht. Diesen Brief widme ich ihm als persönlichen Nachruf:

* * *

Lieber Herr Schmeling,

ich weiß noch genau, wie ich Ihnen zum ersten Mal begegnete, zitternd vor Aufregung, und wie Sie mir so freundlich die Hand reichten. Der Manager Sommers hatte mich zu Ihnen mit in den „Frankfurter Hof" genommen. Sie waren abends in der Messehalle Ringrichter, und ich habe nachmittags ein Autogramm von Ihnen bekommen. Zum Kampf ließ mich mein Vater nicht. Ich war gerade zwölf.

Dennoch wurde meine Leidenschaft fürs Boxen an diesem Tag geweckt bis zum Entschluss, selbst in den Ring zu steigen. Es war der 11. November 1950, Peter Müller boxte gegen Stock, und Sie disqualifizierten den Amerikaner Charity wegen Nierenschlägen gegen Teichmann.

Jetzt bin ich 57, ein senior boxing writer, wie die Amerikaner sagen würden, der wie selbstverständlich zu Muhammad Ali um die Welt gereist ist. Nach London und New York, nach New Orleans, Nassau, Kinshasa und nach Manila. Aber wenn ich zu Ihnen nach Hollenstedt fahre, wie neulich zu Kaffee und Kuchen, habe ich immer noch Herzklopfen. Wie damals im November 1950 …

Dass ich Sie heute noch mit denselben großen Kinderaugen anschaue wie damals, ist einfach zu erklären: Den Mythos des wahren Weltmeisters im Schwergewicht, wie er sich in meiner Kindheit einprägte, verkörpern Sie immer noch.…

Beim Interview vor fünf Jahren haben Sie gesagt: „Ich möchte hundert Jahre alt werden“, und haben lächelnd hinzugefügt: „Das können Sie ruhig schreiben.“ Ich wünsche Ihnen, lieber Herr Schmeling, von ganzem Herzen, dass Sie bei bester Gesundheit dieses biblische Alter erreichen. Ihr

Hartmut Scherzer berichtet seit mehr als 40 Jahren vom Boxsport, unter anderem für den Tagesspiegel.

0 Kommentare

Neuester Kommentar