Sport : Zu Höherem berufen

Stabhochspringer Björn Otto gewinnt Silber und springt dabei so hoch wie nie zuvor im Stadion.

Konstantin Jochens
Drüber. Björn Otto will auch bei den Olympischen Spielen eine Medaille. Foto: dapd
Drüber. Björn Otto will auch bei den Olympischen Spielen eine Medaille. Foto: dapdFoto: dapd

Helsinki - Stabhochspringer Björn Otto machte sich bei der Leichtathletik-EM in Helsinki am Sonntag beinahe der versuchten Körperverletzung schuldig. Der 34-Jährige hätte nach einem Fehlversuch mit seinem Stab fast eine 10 000-Meter-Läuferin aufgespießt, die gerade an der Matte vorbeilief. Zudem strapazierte er auch noch die Nerven der deutschen Leichtathletik-Fans bis aufs Äußerste.

Zweimal, bei 5,77 Metern und bei 5,82 Metern, benötigte Otto drei Versuche, um sich dann jeweils doch noch über die Latte zu schwingen. Doch das war noch lange nicht alles: Kurz darauf überquerte der Deutsche auch noch die 5,92 Meter, dieses Mal im zweiten Anlauf. Es war eine neue Freiluftbestleistung für den Mann vom LAV Bayer Dormagen/Uerdingen, nur in der Halle war er in diesem Winter schon einmal so hoch gesprungen. Bei allen vorherigen Europameisterschaften mit Ausnahme von 1994 hätte diese Leistung für Gold gereicht – diesmal nicht. Einer sprang noch höher als Björn Otto: der Franzose Renaud Lavillenie, dem mit 5,97 Metern eine neue Weltjahresbestleistung gelang. Mit Raphael Holzdeppe (LAZ Zweibrücken/5,77) holte ein weiterer deutscher Athlet die Bronzemedaille. Nur einmal, 2002, hatte es zuvor bei Europameisterschaften zwei deutsche Medaillen im Stabhochsprung gegeben: Damals holten Lars Börgeling und Tim Lobinger ebenfalls Silber und Bronze.

Die fulminante Höhenjagd im besten Wettbewerb dieser Titelkämpfe hatte sich bereits im Vorfeld der EM angedeutet. Schließlich waren in Helsinki mit Lavillenie, Holzdeppe und Otto sowie dem Wattenscheider Malte Mohr die ersten vier der Weltjahresbestenliste geschlossen am Start. Letzterer galt nach seinen Satz über 5,91 Meter wenige Tage vor den Titelkämpfen eigentlich als Anwärter auf Gold. Doch der Deutsche Meister kam mit den schwierigen Windbedingungen nicht zurecht und verpasste als Vierter (5,77) das Podium. „Das war tückisch“, sagte auch Björn Otto. „Du bist schön mit Rückenwind losgelaufen und innerhalb von zwei Sekunden hattest du plötzlich Gegenwind.“ Doch anders als der 25-jährige Mohr ließ sich der Routinier von den Umständen nicht irritieren. „Da habe ich jetzt einfach schon genug Wettkämpfe gemacht mit meinen 34 Jahren“, sagte er.

Björn Otto hat gelernt, die Dinge zu nehmen wie sie kommen. Er hat in seiner Karriere schon zu viel erlebt, um sich an Kleinigkeiten wie einer unangenehmen Windböe aufzuhalten. Immer wieder war der gebürtige Cottbuser in der Vergangenheit von Verletzungen zurückgeworfen worden. 2010 setzten ihm Achillessehnenprobleme sogar so sehr zu, „dass ich noch nicht einmal mehr ohne Schmerzen zum Klo gehen konnte“. Ein Jahr später, er hatte sich gerade wieder zurückgekämpft, folgte ein weiterer Rückschlag. Beim Meeting in Landau sprang er mit 5,80 Metern zwar über die Norm für die Weltmeisterschaften, doch der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) erkannte die Leistung nicht an, weil der Anlaufsteg nicht mit einem Lasergerät vermessen war. Die Wettkämpfe musste Otto vom Fernseher aus verfolgen.

Im Winter kehrte er zurück, stärker als je zuvor. Er wurde Deutscher Hallenmeister und gewann Silber bei der Hallen-WM in Istanbul. Auch für die Olympischen Spiele galt er als heißer Medaillenkandidat, zumal er gleich im ersten Wettkampf auf Anhieb die Olympia-Norm abhakte. Doch bei den deutschen Meisterschaften in Wattenscheid wurde Otto bloß Vierter. In jenem Wettkampf war die Matte defekt, so dass die Springer aus fast sechs Metern fast ungebremst auf den Boden knallten. „Das war kriminell, ich hatte einen blitzeblauen Rücken“, schimpfte Otto. Sogar seine Teilnahme an der EM und den Olympischen Spielen schien in Gefahr, denn normalerweise nominiert der Verband für die Spiele die drei Erstplatzierten der Meisterschaften. Aber dieses Mal hatte Björn Otto das Glück auf seiner Seite. Er bekam den Vorzug vor Karsten Dilla. Und nach seinem Auftritt in Helsinki dürften auch die letzten Zweifler verstummt sein, ob Bundestrainer Jörn Elberding damit die richtige Entscheidung getroffen hat.

Ob die EM sein bislang bester Wettkampf gewesen sei, wurde Otto nach seiner Silbermedaille gefragt. Er überlegte kurz. Da habe schon eine Menge gepasst. Aber der Wettkampf seines Lebens? Nein, den hat er sich für die Olympischen Spiele aufgehoben. Welche Platzierung er dort gerne erreichen würde, deutete er schon einmal an: „In der Halle Silber, jetzt Silber und in London vielleicht nochmal Silber.“ Konstantin Jochens

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