Sport : „Zu viel Harmonie bremst Leko“ Experte Helmut Pfleger über die Schach-WM

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Ist es nicht seltsam, Kramnik und Leko spielen hier bei der SchachWeltmeisterschaft entweder ganz lange oder ganz kurze Partien. Was gefällt Ihnen besser, zwei oder sieben Stunden live kommentieren?

Ganz sicher sieben Stunden. Die kurzen Remisen sind einfach enttäuschend, sowohl für die Kommentatoren, also für Artur Jussupow und mich, als auch für die Zuschauer. Kramnik und Leko sollten einfach kämpfen, schon allein wegen des Ansehens der Weltmeisterschaft. Nehmen wir zum Beispiel die siebte Partie, die Stellung, in der sie sich einigten, war natürlich remis, trotzdem hätten sie weiterspielen sollen. Wie in der vierten Partie. Da konnte man hinterher sagen: Ja, es war remis, aber sie haben gekämpft.

Sollte man das Remis auf Vereinbarung verbieten?

Das wäre sicher eine Möglichkeit. Oder man könnte festlegen, dass mindestens 40 Züge gespielt werden müssen, wie es zum Beispiel Jussupow propagiert. Früher war es auch nicht immer anders, da haben Kasparow und Karpow öfters mal 20 Züge Damengambit heruntergeorgelt und ein Remis nach dem anderen gegeigt. Zuerst haben sie im großen Moskauer Tschaikowski-Saal gespielt, dann nur noch im Hotel Sport. Und hätten sie so weitergemacht, wären sie irgendwann in der Kneipe gelandet. So ist es auch hier. Es geht auch um das Ansehen der Weltmeisterschaft.

Immerhin wurden vier der acht Partien ausgekämpft, die letzte besonders spektakulär.

Diese Partie war wirklich spannend, von Anfang an. Sie hat richtig Spaß gemacht und für vieles entschädigt.

Was meint der Psychoanalytiker: Kann es sein, dass die vier Kurzremisen nicht allein schach-technische Gründe hatten, sondern auch Angst dabei eine Rolle spielte?

Davon bin ich überzeugt. Grundsätzlich kann man Kramnik bislang eigentlich keine Vorwürfe machen, ihm dienten diese Kurzremisen, ihm würde ja ein 7:7 zur Titelverteidigung reichen. Der Vorwurf richtet sich in der ersten Spielhälfte eindeutig gegen Leko. Warum er zum Beispiel die sechste Partie nicht weitergespielt hat, in der er die bessere Stellung und mehr Bedenkzeit besaß, verstehe ich nicht. Offenbar hat er Angst vor der eigenen Courage gehabt. Was auch eine Rolle spielt, ist, dass Kramnik und Leko wirklich sehr gut miteinander auskommen. Beide verhalten sich sportlich vorbildlich, vielleicht zu vorbildlich. Denn das ist sicherlich auch hemmend. Ich glaube zwar nicht, dass Kramnik es bewusst einsetzt, aber irgendwie hat er seinen Gegner ein bisschen eingelullt, so dass für Leko die Hemmschwelle hoch zu sein schien, bestimmte Stellungen weiterzuspielen. Er wirkt eben noch recht jungenhaft. Manchmal wird Leko von seinem Harmoniebedürfnis gebremst, er will anderen nichts Böses tun.

Nun führt er trotzdem.

In Momenten, in denen er angegriffen wird, kann er kontern und diese Aggressivität mobilisieren, die natürlich auch in ihm ist. Er brennt ja voller Ehrgeiz. Vermutlich sogar mehr als Kramnik.

Wie ehrgeizig muss einer sein, der Schachweltmeister werden will?

Natürlich hat Ehrgeiz immer auch einen neurotischen Anteil. Andererseits kommt man ohne ihn niemals bis ganz nach oben. Das gilt natürlich für alle, für Karpow, Kasparow, Kramnik und auch für Leko.

Schlechte Aussichten für Kramnik?

Es wird sehr, sehr schwer für ihn. Zumal er in den letzten Partien eines Wettkampfs bekanntlich eher etwas nachlässt. Kramnik ist eben nicht der Robusteste. Auch nach der ersten Partie, die er gewonnen hatte, war er einfach fertig. Das ist Lekos Chance. Der ist wohl tatsächlich der körperlich Stärkere. Einfach nachsetzen und auf ihn drauf, und ihn ermüden, unentwegt – das sollte Lekos Maxime sein.

Das Interview führte Martin Breutigam

Helmut Pfleger (61) , Psychoanalytiker und Schachgroßmeister, lebt in München. Er kommentiert die WM-Partien zwischen Wladimir Kramnik und Peter Leko, fürs WDR-Fernsehen.

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