Sport : Zu viel herumgeturnt

Bei der EM verzichtet Nguyen auf den Mehrkampf – außersportliche Auftritte haben Kraft gekostet.

Lars Becker
Herr der Ringe – in London. Da gewann Marcel Nguyen zwei olympische Silbermedaillen. Bei der Turn-Europameisterschaft in Moskau will der deutsche Turner etwas kürzer treten. Foto: dpa
Herr der Ringe – in London. Da gewann Marcel Nguyen zwei olympische Silbermedaillen. Bei der Turn-Europameisterschaft in Moskau...Foto: picture alliance / dpa

Berlin - Er war Gast bei Oliver Pocher. Präsentierte sich in der RTL-Show „Promis an ihren Grenzen“ im Breakdance. Und ist erst vor ein paar Tagen als erster Gesamtweltcupsieger der Geschichte des Turnens aus Tokio zurückgekommen. Kein Wunder, dass dem neuen deutschen Turnstar Marcel Nguyen nach dem Stressprogramm langsam die Kraft ausgeht. Bei der am Mittwoch beginnenden Europameisterschaft in Moskau startet er deshalb nur an zwei Geräten.

Darauf angesprochen wirkt Nguyen fast ein wenig genervt. „Die vergangenen Monate waren sehr intensiv“, sagt er. „In Absprache mit meinen Trainern werde ich deshalb auf den Mehrkampf verzichten, nachdem ich so viel gemacht habe und zuletzt ein bisschen müde war.“ Als olympischer Silbermedaillengewinner von London hinter dem Japaner Kohei Uchimura wäre er bei der EM im Sechskampf eigentlich Goldkandidat gewesen. Doch der 25-Jährige will sich nur auf die Titelverteidigung am Barren und den Start an den Ringen konzentrieren.

Der Verbandsführung kann das nicht recht sein, doch Bundestrainer Andreas Hirsch äußert mit Blick auf die wichtigere Weltmeisterschaft im Herbst in Antwerpen zumindest offiziell Verständnis für den ersten deutschen Olympia-Mehrkampfmedaillengewinner seit 76 Jahren: „Wir wollen keinen Raubbau mit ihm betreiben.“ Die öffentlichen Auftritte zehren an Nguyens Kraftreserven, mit denen er allerdings eine ganz neue Zielgruppen für seine Sportart erschlossen hat.

Ob bei Pocher, Kai Pflaume oder Günther Jauch – Marcel Nguyen gab eine sympathische Figur ab. „Das habe ich gern gemacht“, sagt er. „Da waren Sachen dabei, die erlebt man nicht immer.“ Damit ist auch die Tour zum Jahreswechsel nach Hongkong gemeint, wo er wie ein Popstar empfangen worden war. Überall, wo Marcel Nguyen hinkam, wollten sich Menschen mit ihm fotografieren lassen. „Jetzt weiß ich, wie sich Brad Pitt fühlt“, sagt er schmunzelnd. Sein Management jedenfalls hat das Potenzial des asiatischen Marktes erkannt. Wohl deshalb turnte Nguyen bei der letzten Station der Weltcupserie in Tokio auch den Mehrkampf, obwohl er schon vorher den Gesamtsieg und 25 000 Euro Prämie sicher hatte.

Das zahlt sich in Sachen weltweiter Bekanntheit aus. Fast 247 000 Menschen sind bei Facebook inzwischen Fans von Marcel Nguyen, für einen Turner eine gigantische Zahl. Fabian Hambüchen zum Beispiel mögen im sozialen Netzwerk nicht einmal 28 000 Leute. Der frühere Weltmeister und Olympiazweite von London ist von Nguyen als erster Werbeträger für das deutsche Turnen abgelöst worden. Das Verhältnis ist nach Auskunft des gebürtigen Münchners aber „genauso wie immer: Er ist ein Mannschaftskollege und ich habe kein Problem mit ihm.“

Viel mehr Probleme macht Marcel Ngyuen stattdessen, dass es nach der EM mit Bundesliga und deutscher Meisterschaft weitergeht. Aber er wird auch das noch durchziehen, schließlich hat er sich nicht umsonst sein Lebensmotto „Pain is temporary, pride is forever“ („Die Qualen gehen vorüber, der Ruhm bleibt für immer“) über seine ganze muskulöse Brust tätowieren lassen. „Danach werde ich dann allerdings eine Woche Urlaub machen“, sagt Marcel Nguyen. Bis zur nächsten Fernsehtalkshow.Lars Becker

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