Sport : Zu zweit im Einer

Ruder-Weltmeister Marcel Hacker und sein Trainer Andreas Maul gehen ihren eigenen Weg

Frank Bachner

Berlin. Marcel Hacker stand das Wasser bis zum Hals. Er schraubte, in Badehose und den Kopf knapp über der Wasseroberfläche, an einem dieser Katamarane, die das Fernsehen bei Ruder-Wettkämpfen einsetzt. Die Fernsehleute wuchten ihre Kameras auf die Boots-Plattform, dann schnurren die Kähne neben den schmalen Rennbooten und übertragen die Positionskämpfe. Aber irgendjemand muss die Katamarane ja ins Wasser bringen, und irgendjemand muss auch die letzten Griffe erledigen und sie an den Steg bugsieren. Auch jetzt, in Mailand, bevor dort am Sonntag die Ruder-Weltmeisterschaft beginnt. Für Fotografen gibt das immer wieder ein nettes Bild. Hacker, der Weltmeister im Einer, bei der Knochenarbeit fürs Fernsehen. Obwohl Hacker da ja eigentlich nur Andreas Maul hilft, seinem Trainer. Maul arbeitet im Hauptberuf für den Welt-Ruderverband Fisa, dem gehören die Katamarane, und für die Fisa betreut Maul die TV-Boote. Maul steht selbstverständlich auch bis zum Hals im Wasser. „Marcel gibt bei dieser Arbeit im Prinzip etwas zurück, was ich ihm als Trainer gebe“, sagt Maul.

Und Maul gibt Hacker sehr viel. Ohne Maul wäre Hacker nicht seit 39 Rennen ungeschlagen. Ohne Maul wäre Hacker nicht 2002 Weltmeister im Einer geworden. Und ohne Maul wäre Hacker jetzt nicht der Top-Favorit bei der WM in Mailand. Natürlich hat Hacker große, schwielige Hände, denen man ansieht, wie hart der Mann aus Magdeburg trainiert und welche Qualen er ertragen kann. Hacker hat phänomenale körperliche Werte. Aber die richtige Trainingsplanung, die optimale Renntaktik, die vermittelt ihm Maul, der Trainer im Nebenjob. Hacker hat einmal Mauls Anweisungen ignoriert, bei der WM 2001 in Luzern. Er legte gegen alle Absprachen im Halbfinale los wie ein Verrückter, brach nach 1500 Metern fast zusammen und kollabierte im Ziel. Er fiel aus dem Boot, und ein Rettungsschwimmer musste ihn bergen. Aber seither hat Hacker kein Rennen mehr verloren.

Und seither kleben sie noch mehr zusammen, Maul und der 1,96-m-Hüne vom Casseler Frauen-Ruderverein. Und das heißt, dass sie sich noch mehr vom Deutschen Ruderverband (DRV) absondern. Der Verband kann nicht mit Maul, weil der als Trainer ein Autodidakt ist und Trainingsmethoden des Verbandes ignoriert, Maul und Hacker können nicht mit dem Verband, weil sie sich getäuscht fühlen. Nach der Pleite von Luzern wurde Hacker in den B-Kader zurückgestuft. „Ohne Vorwarnung und trotz einer gegenteiligen Zusage des DRV-Sportdirektors“, sagt Hacker.

Das Duo Hacker/Maul wohnt in Mailand nicht mal im Hotel der deutschen Mannschaft, die beiden logieren im Hotel des Weltverbandes. Sie benutzen auch nicht das Material des DRV. Maul bezieht Boote und Ruder von einer Bootsfirma aus dem Schwäbischen, für die er früher gearbeitet hat. Dafür hat die Firma ihr Logo auf das Material gepinselt. Auf Hackers Brust prangt der Schriftzug der Deutschen Bahn. DRV-Trainingslager besucht Hacker nur, wenn es in seinen Trainingsplan passt. Ansonsten zieht er mit Coach Maul allein um die Welt. Für dreieinhalb Wochen zum Training nach Kalifornien zum Beispiel.

Diese Unabhängigkeit ist teuer, und deshalb ist es für das Team Hacker/Maul wichtig, dass der Ruderer jetzt ein populärer Mann ist. Jedenfalls gemessen an den Maßstäben im Rudern. Die Interviewanfragen häufen sich, Hacker war schon dreimal im „Aktuellen Sportstudio“. Seit dem Frühjahr hat er sogar jemanden, der seine Pressetermine koordiniert.

Und seit dem WM-Titel 2002 hat er auch einen zusätzlichen Sponsor. Eigentlich wollte die Firma ja Segeln unterstützen. Aber das war dann zu teuer. Rudern ist billiger. Für Hacker muss es reichen, er benötigt jeden Cent. Er muss Mauls Kosten und die Trainingslager bezahlen. Dafür reicht es finanziell nicht, dass er nach dem WM-Titel wieder in den A-Kader aufgerückt ist.

Also muss er Maul zur Hand gehen, wenn der sich um die Katamarane der Fisa kümmert. Da gibt es für Maul gar keine Diskussionen. Hat Hacker denn auch mitgeholfen, die Riesenboote nach Mailand zu transportieren? Maul sagt nur trocken: „Selbstverständlich, mit dem Geländewagen.“

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