Sport : Zum Glück krank

Janine Pietsch musste ihre Vorbereitung ändern – und schwimmt Weltrekord über 50 Meter Rücken

Frank Bachner

Berlin - Janine Pietsch schob ihre Schwimmbrille auf die Stirn, sie krallte sich an den Verbindungsleinen fest, sie lachte nicht, sie zeigte keine Faust, sie klatschte nicht begeistert aufs Wasser. Sie wirkte ziemlich teilnahmslos. Eine bemerkenswerte Geste. Janine Pietsch vom SC Delphin Ingolstadt, bei den Olympischen Spielen 2004 über 100 Meter Rücken 23., war gerade Weltrekord geschwommen, 28,19 Sekunden über 50 Meter Rücken bei den deutschen Meisterschaften. Das Problem war: Sie wusste es noch gar nicht. Die Anzeigetafel in der Halle an der Landsberger Allee blieb schwarz, mehrere Sekunden lang. Und Janine Pietsch schoss ein schrecklicher Gedanke durch den Kopf: „Vielleicht hat ja die Zeitmessung gar nicht funktioniert.“ Und das wäre heftig gewesen. Dass sie schnell war, wusste die 22-Jährige, auch wenn sie nicht optimal angeschlagen hatte. Dann leuchteten die Zahlen auf, und die Titelverteidigerin strahlte. „Damit hätte ich nie gerechnet“, sagte sie. „Die 50 Meter Rücken sind für mich eigentlich eine Nebenstrecke.“

Vielleicht wäre sie diesen Rekord auch nie geschwommen, wenn sie vor zwei Wochen gesund gewesen wäre. Dann hätte sie sich vorbereitet wie immer. Und diese Vorbereitung ist „schon sehr ungewöhnlich“, sagt Ralf Beckmann, der Chef-Bundestrainer. Janine Pietsch trainiert bis sehr kurz vor einem Wettkampf ziemlich hart. Sie nimmt nur wenig Härte aus dem Programm, so extrem wie sie macht das sonst keiner. „Es gibt noch immer die Angst davor, vor einem Wettkampf wenig zu schwimmen“, sagt Beckmann. Bei Pietsch war diese Zurückhaltung extrem. Ein Grund möglicherweise, warum sie international nie in Einzel-Rennen auftrumpfte. Ihr Vater ist zugleich ihr Trainer, „und der hat das immer so gemacht“. Auch Uwe Neumann, ihr früherer Coach in Riesa, hatte sie so trainiert. Aber vor 14 Tagen hatte Pietsch gesundheitliche Probleme, sie trainierte so wenig wie seit Jahren nicht mehr vor Rennen. „Es ging nicht anders“, sagt sie. Die 22-Jährige könnte daraus lernen und ihre Vorbereitung umstellen. Bei der WM schwimmt sie über 100 Meter Rücken, aber sie traut sich nicht, etwas zu ändern. „Vor der WM kann ich unmöglich so wenig machen wie jetzt“, sagt sie.

Fast wäre Mark Warnecke gestern auch Weltrekord geschwommen. Der 35-Jährige aus Essen schlug über 50 Meter Brust nach 27,44 Sekunden an, das war Deutscher Rekord. Und Warnecke hatte Pech: Seine Brille verschob sich, er hatte Wasser an den Augen. „Er schwamm blind“, sagt sein Trainer Horst Melzer. „Ohne dieses Manko hätte er den Weltrekord verbessert.“ Der steht bei 27,18 Sekunden. Auch Thomas Rupprath schwamm Deutschen Rekord. Mit 23,59 Sekunden über 50 Meter Schmetterling verbesserte der 28-Jährige seine Bestmarke um 16 Hundertstelsekunden. Es war sein erster Titel bei diesen Meisterschaften. „Endlich“, sagte der Weltmeister über 50 Meter Rücken.

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