Sport : Zurück in den Achtzigern

Endlich trifft Eintracht Braunschweig wieder auf den FC Bayern München – und hofft auf die Sensation

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Übliche Pose. Eintracht Braunschweigs Spieler sind nach dem Aufstieg und dem guten Start in die Zweite Liga Jubel gewohnt. Foto: dpa
Übliche Pose. Eintracht Braunschweigs Spieler sind nach dem Aufstieg und dem guten Start in die Zweite Liga Jubel gewohnt. Foto:...Foto: dpa

Wer bis jetzt noch nicht mitbekommen hat, dass Braunschweig eine Fußballstadt ist, dem ist kaum zu helfen. Zwei Siege der Eintracht zum Start der Zweiten Bundesliga gegen namhafte Gegner wie 1860 München und Alemannia Aachen, Tabellenführung, über 13 000 abgesetzte Dauerkarten für diese Saison, davor der Durchmarsch in der Dritten Liga mit der besten Dritte-Liga-Punktzahl aller Zeiten (85), und nun am Montagabend vor einem Millionenpublikum (20.30 Uhr, live in der ARD) für die meisten Spieler von Eintracht Braunschweig das größte Spiel ihrer Karriere: Erste Runde im DFB-Pokal gegen Bayern München.

Man zwickt sich und staunt, wie gut es läuft. Diesen Satz hört man zurzeit von Braunschweiger Experten, die genau wissen, dass bei dem 1985 aus der Ersten Bundesliga abgestiegenen Traditionsklub auf Monate der Euphorie und der Siege oft ein sportlicher und wirtschaftlicher Absturz gefolgt ist. Im vergangenen Jahrzehnt versuchte sich der Deutsche Meister von 1967 zwei Mal in der Zweiten Liga zu etablieren: 2001/2002 stieg die Mannschaft gleich wieder ab; nach dem Aufstieg 2004/2005 hielten sich die Niedersachsen zwei Jahre.

Missglückte Personalpolitik bei Spielern und Trainern, überzogene Erwartungshaltungen der oft allzu gewaltbereiten Fans, fehlende Sponsoren – der Fußballfan in der Löwenstadt ist Kummer gewohnt. Zu allem Unglück zog in der vergangenen Saison auch noch Erzfeind Hannover 96 im oberen Drittel der Ersten Liga seine Kreise.

Und nun? „Ich träume davon, hier etwas Großes zu erreichen“, sagt Trainer Torsten Lieberknecht, der die sportlichen Belange des Vereins – als Nachfolger von Benno Möhlmann – zusammen mit Manager Marc Arnold seit drei Jahren bestimmt. Die beiden sind die Baumeister der jüngsten Erfolgsgeschichte, unterstützt vom Präsidenten (und Vodafone-Geschäftsführer) Sebastian Ebel sowie Oberbürgermeister Gert Hoffmann (CDU). Der OB brachte kürzlich nach einer Bürgerbefragung eine Renovierung des maroden Stadion an der Hamburger Straße aus städtischen Mitteln auf den Weg. Lieberknecht und Arnold setzen nun, in einem Prozess der wirtschaftlichen Konsolidierung, auf junge Talente, abgesehen vom Sturmpaar Domi Kumbela, 27, und Dennis Kruppke, 31, die mit 35 Treffern den besten Angriff der Dritten Liga bildeten.

Der Durchmarsch in der Dritten Liga, sagt eine Insider, hätte das Team so sehr zusammen geschweißt, dass der Abgang des prominentesten Spielers Karim Bellarabi zu Bayer Leverkusen locker verschmerzt werden konnte. Laut Arnold war das eine „Auszeichnung für die Eintracht“, dass der Deutsch–Marokkaner aus Braunschweig zu einem Top-Klub wechselte.

Die Eintracht ist nun weitestgehend schuldenfrei. Die einzige Sorge im fußballverrückten Braunschweig scheint noch zu sein, wann der notorische Einbruch kommt. Damit verbindet sich die Frage, wie die Mannschaft mit Niederlagen, mit einer Durststrecke umgeht. „Es soll eine Selbstverständlichkeit sein, dass wir die Klasse halten“, wünscht sich Lieberknecht, der am Montag 38 Jahre alt wird. Die „Bild“-Zeitung träumt schon vom Durchmasch in die Erste Liga, doch was passiert, wenn sich die ersten Leistungsträger wie Kruppke verletzen? 40 Punkte plus x sei das Saisonziel, hört man, aber vielleicht ist ja auch mehr drin wie bei Erzgebirge Aue, dieser Klub durfte in der vergangenen Saison lange Zeit am Aufstieg in die höchste Klasse schnuppern.

Doch erst einmal kommt Bayern München im DFB-Pokal. Auf diesen Tag hat Braunschweig 26 Jahre gewartet, seit dem Abstieg 1985 gab es kein Pflichtspiel mehr gegen den Rekordmeister. Rund zehn Millionen Fans werden wohl vor den TV-Bildschirmen sitzen. 23 500 Zuschauer werden das altehrwürdigen Stadion an der Hamburger Straße besuchen, gut 50 000 Karten hätte der Zweitliga-Aufsteiger absetzen können. Wegen der großen Nachfrage durfte im freien Verkauf pro Person nur eine Karte erworben werden. Die Fans erwarten, dass sich Geschichte wiederholen möge. Einmal nämlich konnte Braunschweig die Bayern aus dem Pokal werfen. Am 16. Oktober 1982 siegten die Niedersachsen im eigenen Stadion in der zweiten Runde mit 2:0.

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