Sport : Zurück zu den Wurzeln

Vor 90 Jahren wurde Handball in Berlin erfunden – die WM soll der Stadt eine neue Euphorie bringen

Erik Eggers,Hartmut Moheit

Berlin - Wenn die Saison doch bloß bald vorbei wäre! Die Berliner Handballfans haben berechtigte Hoffnung, dass ihnen danach wieder Erstklassiges geboten wird. Jahrelang mussten sie sich in Geduld üben. Bis vor zwei Jahren glaubte kaum jemand daran, dass es überhaupt noch einmal damit klappen könnte. „Es hat das Miteinander gefehlt, um früher aus dieser Misere herauszukommen. Es gab wohl auch unseriöse Versuche, mit dem Namen Berlin das schnelle Geld zu machen“, sagt Bob Hanning. „Für mich war Handball in Berlin nicht existent.“

Hanning hat als Manager mit den Füchsen Berlin, die nun verlustpunktfrei die zweite Liga dominieren, den Umschwung eingeleitet. Bis zum 1. März wird er die Lizenzunterlagen für die Erste Bundesliga einreichen. Gerade recht kommt ihm in dieser Situation, in der der Glaube an den Umschwung zurückgekehrt ist, dass die WM der Männer am Freitag wenigstens mit dem Eröffnungsspiel zwischen Deutschland und Brasilien in der Stadt präsent ist. „Das hilft uns sehr“, sagt Hanning, „unsere 100 Sponsoren werden in der Max-Schmeling-Halle sein“.

Nach knapp 90 Jahren schließt sich damit zugleich auch der Kreis, der Handball kehrt mit dieser Weltmeisterschaft an den Ort seiner Entstehung zurück. In jene Stadt, die ihn in den ersten zwei Jahrzehnten nach seiner Erfindung prägte. In der Alexanderstraße 41 verwandte der Turnfunktionär Max Heiser am 29. Oktober 1917 erstmals den Begriff „Handball“ in einem offiziellen Regelwerk – fasste es freilich noch als reines Frauenspiel auf. Danach trat mit Handball das einzige „deutsche Spiel“ seinen Siegeszug an.

In der Geschäftsstelle des Handball-Verbandes der Stadt hängt eine Urkunde aus jener Zeit, die den Frauen des Berliner Turnvereins 1850 einen Erfolg im ersten Rundenspielbetrieb bescheinigt. „Erfolge gab es in der Stadt im Handball seitdem immer wieder mal, aber speziell seit Mitte der 80er-Jahre ging es eher abwärts“, beschreibt Henning Opitz, seit 1994 Präsident des Landesverbandes, die Entwicklung. Die Reinickendorfer Füchse waren fünf Jahre erstklassig und spielten im Europapokal-Halbfinale. Aber in dem Augenblick, als der Hauptsponsor aus der Immobilienbranche sein Geld zurückzog, „ging vieles den Bach runter“, wie es Opitz ausdrückt. Wenigstens der Deutsche Handball-Bund sorgte mit der Vergabe von Spielen der Männer-WM 1974, der Frauen-EM 1994 und -WM 1997 sowie von Länderspielen für Höhepunkte. Das letzte Männer-Länderspiel fand 2005 gegen Tschechien statt.

Selbst als die zweigeteilte Stadt wiedervereinigt wurde, brachte das für den Spitzenhandball in der Stadt keine Vorteile. Im Gegenteil: Die Spieler des Ost-Berliner HC Preußen, der aus dem SC Dynamo Berlin hervorging und letzter gesamtdeutscher Meister war, ließ man zu finanzstarken Erstligisten ziehen. Der Preußen-Nachfolger hieß Blau-Weiß Spandau und war das Werk des zwar sehr engagierten, letztlich aber hoffnungslos überforderten Jürgen Kessling. „Erst mit Beginn der neuen Füchse-Ära, mit Bob Hanning, der Geld mitbrachte und zu arbeiten anfing, kam wieder Hoffnung auf“, sagt Opitz. Was aus seiner Sicht nun fehlt, ist ein Ruck, der durch die 100 Handballvereine in der Stadt geht. „Es gab schon mehr.“ Auch in Bezug auf die 12 250 Handballer in 650 Teams gab es vor zehn Jahren schon höhere Zahlen zu vermelden.

Nach der WM und der wohl im Frühjahr stattfindenden Aufstiegsfeier der Füchse Berlin erhofft sich Opitz die Trendwende. Von den beim Berliner Senat für die WM in Berlin beantragten 350 000 Euro an Steuergeldern aus der Sportförderung wurden nur 175 000 ausgegeben, die nachhaltig wirken sollen. Eine solche Chance kommt so schnell nicht wieder. Dass die Euphorie dann nicht wieder abflaut, dafür müssten dann die Füchse Berlin sorgen.

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