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Zwanziger veröffentlicht Biografie : Theo und die Sturköpfe

10.11.2012 00:00 Uhrvon
Dass er nicht lache. Der langjährige DFB-Chef Zwanziger (l.) rang mit dem kurzjährigen Bundestrainer Klinsmann um Macht. Foto: dpaBild vergrößern
Dass er nicht lache. Der langjährige DFB-Chef Zwanziger (l.) rang mit dem kurzjährigen Bundestrainer Klinsmann um Macht. Foto: dpa - Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Der frühere Chef des Deutschen Fußball-Bundes, Theo Zwanziger, kehrt in die Öffentlichkeit als Autor zurück – und wirkt dabei wie ein Ehrenpräsident der Amateure.

Der große Fußball wird oft im Strafraum entschieden, die große Fußballpolitik zuweilen im Waschraum. Und so kam es, dass sich an einem heißen Sommertag 2004 auf der Toilette in der Zentrale des Deutschen Fußball- Bundes (DFB) in Frankfurt am Main drei ältere Männer in die Augen schauten. „Also gut, dann macht’s halt diese Doppelspitze“, sagte Franz Beckenbauer. Und Gerhard Mayer-Vorfelder, der nach einer Pleiten-Europameisterschaft und einer Pannen-Trainersuche durchs Amt wankende DFB-Präsident, verabredete mit Theo Zwanziger, einem akribischen Funktionär aus dem Westerwald, eine Teilung der Macht.

So begann der sichtbare Aufstieg einer bis dahin kaum sichtbaren Figur ins Sportpolitshowbusiness Fußball – ein Aufstieg, der allerdings ebenso abrupt endete.

Theo Zwanziger, der nach der Sommermärchen-WM 2006 den größten Sportverband der Welt alleine führte und dabei den Fußball mit Gesellschaftsthemen wieder gesellschaftsfähig machte, musste das Amt Anfang dieses Jahres vorzeitig aufgeben. Zu sehr hatte er sich in sich selbst verhakt. Seine neue Freizeit hat Zwanziger nun damit verbracht, eine Biografie unter dem etwas überambitionierten Titel „Die Zwanziger Jahre“ zu verfassen. Abseits mancher Anekdote aus der ruppigen, männerbündlerischen Sportpolitik sowie Reiseberichten von den großen Turnieren ist das Buch in einem angenehm sachlichen Ton verfasst. Auch wenn Zwanziger seinen Abgang als selbstbestimmter darstellt, als er am Ende war, räumt er doch erfrischend offen seine eigene Amtsmüdigkeit in den letzten beiden Jahren ein: „Wenn in einem Präsidium der Zusammenhalt verloren geht, dann ist es besser, man verabschiedet sich.“ Es war am Ende wohl auch besser für ihn selbst.

Nicht nur zwischen den Zeilen lässt Zwanziger Kritik an seinem Nachfolger Wolfgang Niersbach durchscheinen – etwa am von ihm betriebenen Umbau der DFB-Medienabteilung und an seinem Credo, der Profifußball sei das Kerngeschäft des DFB. Hier widerspricht Zwanziger deutlich, fast schon ungehalten: „Profis werden vergoldet, Ehrenamtler verlacht.“ In der Doppelspitze war der Jurist und Finanzfachmann noch als „Präsident der Amateure“ verspottet worden, nun kehrt er quasi als schreibender Ehrenpräsident der Amateure zurück. Vielleicht betrachtet der 67-Jährige das als persönlichen Zugewinn an Freiheit.

Die Freiheit, sich das offene Wort zu nehmen, nutzt Zwanziger ausgiebig. Mit Schärfe in der Schreibe zeichnet er die Konfliktlinien nach, die den DFB bis heute durchziehen und die auch großen Parteien und gesellschaftlichen Gruppen nicht fremd sind. Die Reformen von Jürgen Klinsmann (Zwanziger porträtiert ihn als einen „Sturkopf“, der in seinem Streben nach Erneuerung „nie an ein Ende kommen konnte“) konterte der Apparat mit der Installation von Matthias Sammer als Sportdirektor. Dieser war, so enthüllt es Zwanziger nun entgegen aller früheren Beteuerungen, tatsächlich als Ersatz-Bundestrainer installiert worden: „Wenn sich bei der WM ein sportliches Desaster abzeichnen sollte und Klinsmann nicht mehr zu halten wäre, so beschlossen wir, sollte kurzfristig Matthias Sammer das Ruder übernehmen.“ Ein Trainerwechsel mitten im Turnier – so hätte die WM 2006 schnell zum Sommernachtsalbtraum werden können.

Am Schluss aber strahlte der Glanz der Leichtigkeit auch auf den Kulissenarbeiter Zwanziger ab, zumal er sportpolitisch sichtbare Akzente setzen konnte: Er ließ die DFB-Vergangenheit im Nationalsozialismus aufarbeiten, engagierte sich gegen Rassismus und – mit fast nervender Hingabe – für Frauenfußball. Zum Schluss seiner Amtszeit verhedderte er sich jedoch, etwa in der Schmutz-Sex-und-Lügen-Affäre um Schiedsrichter-Obmann Manfred Amerell. Zwanzigers größter Moment war seine Rede nach dem Selbstmord von Nationaltorwart Robert Enke, die im Buch noch einmal nachzulesen ist. „Ein Stück mehr Menschlichkeit“ – nicht mehr, aber so viel hatte Theo Zwanziger für den Fußball eingefordert.

Theo Zwanziger: Die Zwanziger Jahre; Bloomsbury Verlag Berlin, 19,99 Euro.

Die Buchpremiere findet am kommenden Mittwoch beim Tagesspiegel in Berlin statt. Mit Zwanziger diskutieren Günter Netzer und Claudia Roth. Informationen und Tickets unter www.tagesspiegel.de/shop.

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