Sport : Zweimal Gold in vier Stunden

An seinem 30. Geburtstag wird MICHAEL JUNG erster deutscher Doppelolympiasieger der Spiele. Im Vielseitigkeitsreiten führt er erst die Mannschaft zu Gold und triumphiert dann auch noch im Einzel.

Andras Morbach[London]

Der abendliche Besuch in der „Greenwich Tavern“, zwei Minuten Fußweg vom olympischen Reitstadion entfernt, ist für Hans Melzer und sein Gefolge zu einer lieben Gewohnheit geworden. Wenn Feierabend ist in London, gehen der Bundestrainer der Vielseitigkeitsreiter und sein Team mitsamt Angehörigen regelmäßig in den gemütlichen Pub um die Ecke. Eine spezielle Art der Zusammengehörigkeitspflege. Am Dienstagmittag führte der gemeinsame Umtrunk zu doppelt goldenem Erfolg, den ersten Siegen für die deutsche Athleten bei den Spielen in London 2012.

Um 12.23 Uhr Ortszeit hatte Michael Jung mit seinem Pferd Sam im entscheidenden Springen das letzte Hindernis unbeschadet überwunden. Der Olympiasieg im Mannschaftswettbewerb war der deutschen Equipe nicht mehr zu nehmen, und deshalb schmiedete der Chef auch gleich Pläne für den Abend.

Dabei stand am Nachmittag noch das Einzel-Finale auf dem Programm – und das hatte es in sich: Jung gewann auch dort und wurde innerhalb weniger Stunden Doppelolympiasieger. Was für ein Triumph für die deutsche Olympia-Mannschaft, die bis zum Vortag noch medaillenlos geblieben war! Sandra Auffarth steuerte eine weitere Medaille hinzu, sie holte Bronze mit ihrem Pferd Opgun Louvo. Zweite wurde die Schwedin Sara Algotsson-Ostholt auf Wega.

Am liebsten aber hätte der Bundestrainer schon nach dem Team-Wettbewerb mit der Sause begonnen. Völlig aufgelöst, mit rotem Kopf und glänzenden Augen tigerte Hans Melzer am Fuße der Stadiontribüne hin und her und überlegte, ob der Ablauf des Abends diesmal etwas anders gestaltet werden könnte. Immerhin verhalfen die Vielseitigkeitsreiter dem deutschen Olympia-Team mit ihrem Sieg im Greenwich Park zum ersten Gold bei den London-Spielen. Die Idee zu einem Triumphzug durchs olympische Dorf kam auf. „Wenn wir heute noch dorthin zurückkehren, werden wir ganz stolz unsere Runden drehen“, überlegte Melzer schon mal, fügte aber hinzu: „Ich weiß aber nicht, ob wir das machen.“ Denn: „Im olympischen Dorf gibt’s ja nur Fanta und Wasser.“

Damit kann man das deutsche Team nicht locken. Ein Team, das nicht nur Feste feiern kann, sondern auch besten Sport bietet. Im Springen blieben nicht nur Geburtstagskind Jung, der am Dienstag 30 Jahre alt wurde, fehlerfrei. Sondern auch Sandra Auffarth mit ihrem Pferd Opgun Louvo und Dirk Schrade mit seinem Hengst King Artus. „Das ist supergut“, sagte Schrade. „Das ist schön mit ganz vielen ööös.“ Allein Peter Thomsen riss mit seinem Pferd Barny zwei Stangen. Ingrid Klimke trat nach Jungs Durchlauf mit ihrem Wallach Abraxxas nur noch zur Kür an. Auf den Einzelwettbwerb verzichtete sie danach aber.

Im Gegensatz zu Michael Jung. Anders als die Team-Kollegin hatte der Pferdewirtschaftsmeister aus dem schwäbischen Horb am Nachmittag schließlich noch Großes vor. Die dunkelblauen Handschuhe noch über die Finger gestreift, den Reiterhelm in der linken Hand, stand er da und erklärte ruhig: „Bei mir kommt immer eins nach dem anderen. Jetzt geht das Pferd in den Stall, wird gepflegt, bekommt ein bisschen was zu essen – und ich konzentriere mich noch mal auf das nächste Springen.“

So viel Beherrschung wollte sich Hans Melzer nicht mehr auferlegen. Der Mannschafts-Titel von den Olympischen Reiterspielen 2008 in Hongkong war erfolgreich verteidigt, der Bundestrainer redete wie ein Wasserfall und erwähnte dabei unter anderem seine Bekleidungsprobleme am Final-Vormittag. „Morgens war es kalt. Also habe ich Hemd, Pullover und Regenjacke – nicht atmungsaktiv – angezogen. Dann kam die Sonne raus und ich habe ordentlich geschwitzt“, berichtete Melzer. Dann spann er den Gedanken weiter und sprach über die Gold bringenden Ritte von Michael Jung.

„Bei Michael muss man eigentlich nicht schwitzen. Wenn man Reiter mit einer so tollen Grundausbildung hat, kann man so etwas schon genießen“, schwärmte der Bundestrainer über seinen Doppelolympiasieger. Die Entscheidung im Einzel fiel erst am letzten Hindernis. Die vor dem letzten Sprung-Durchgang führende Algotsson-Ostholt riss eine Stange und machte Jung zum Olympiasieger. Ihm gelang damit dasselbe Kunststück wie Hinrich Romeike auf Marius vor vier Jahren in Hongkong. Aber Jung ist der erste Vielseitigkeitsreiter, der zur selben Zeit Welt- und Europameister sowie Olympiasieger ist.

Vor den Augen von Prinz William und Gemahlin Kate hatten die britischen Olympia-Gastgeber im Mannschaftswettbewerb Silber vor Neuseeland geholt. Der königliche Besuch zeigte sich sehr angetan. Die Sieger stimmten derweil eine Hymne auf den deutschen Teamgeist an. „Wir sind einfach eine Super-Mannschaft“, schwärmte Ingrid Klimke, die schon vor vier Jahren im Team gewesen war. Ein Team, in dem seit vielen Jahren feste Rituale gepflegt werden.

So wird vor jedem großen Wettkampf eine CD zusammengemischt, auf die jeder Reiter zwei seiner Lieblingssongs gespielt bekommt. „I am what I am“ oder das unvermeidliche „We are the champions“ sind da zum Beispiel drauf. Titel für Erfolgsverwöhnte, bei denen sich Michael Jung gleich selbst zum Geburtstag beschenkte. Was dem gebürtigen Hessen aber zumindest vor dem Einzel-Finale herzlich egal war. „Der Dreißigste?“, sagte er vor dem Start, „ist gerade sehr weit hinten dran.“ Danach hatte er drei Gründe, zu feiern.

Das Team geht zusammen

in den Pub und hat eine CD

mit Lieblingsliedern

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