Deutschland und Russland : Beteiligung am Schüleraustausch geht massiv zurück

Deutschland und Russland wollen den Jugendaustausch fördern. Doch die Zahl der Jugendlichen, die das jeweils andere Land besuchen, hat sich mehr als halbiert.

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Eine Touristin auf dem Roten Platz in Moskau. Aus Deutschland kamen 2015 deutlich weniger Jugendliche nach Russland als in den Vorjahren.
Eine Touristin auf dem Roten Platz in Moskau. Aus Deutschland kamen 2015 deutlich weniger Jugendliche nach Russland als in den...Foto: AFP

Das Verhältnis zwischen Deutschland und Russland gibt derzeit wenig Anlass zum Feiern. Doch am 9. Juni soll in Moskau das deutsch-russische Jahr des Jugendaustausches feierlich eröffnet werden. Die beiden Schirmherren, die Außenminister Frank-Walter Steinmeier und Sergej Lawrow, hatten sich darauf verständigt, „den direkten Dialog zwischen den jungen Menschen unserer beiden Länder zu fördern“. Der Austausch sei für die Zusammenarbeit Deutschlands und Russlands unverzichtbar. „Denn nur dort, wo Menschen einander kennen und verstehen, können Stereotype überwunden werden und Vertrauen und Partnerschaft wachsen“, erklärten die Außenminister. Die Realität im deutsch-russischen Jugendaustausch ist derzeit jedoch ernüchternd. Nach Informationen des Tagesspiegels hat sich im vergangenen Jahr die Zahl der Jugendlichen aus Deutschland und Russland, die an einem Schüleraustausch teilnahmen, mehr als halbiert.

Hatten im Jahr 2014 noch mehr als 10800 Schülerinnen und Schüler das jeweils andere Land besucht, waren es 2015 nur noch etwa 4600. „Im Jahr 2015 gab es einen massiven Einbruch der Zahlen im schulischen Austausch“, sagt Thomas Hoffmann, Geschäftsführer der Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch (DRJA). Dagegen war bei außerschulischen Jugendbegegnungen ein leichter Anstieg zu verzeichnen, allerdings wurde der Stand von 2013 nicht mehr erreicht. Die Stiftung, die vom Bundesfamilienministerium, der Stadt Hamburg, der Robert-Bosch-Stiftung und dem Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft getragen wird, koordiniert und finanziert auf deutscher Seite Schüler- und Jugendbegegnungen mit Russland.

Neue Visa-Regeln machen Reisen schwieriger

Die negative Entwicklung hat mehrere Gründe. Für die russischen Teilnehmer sind Reisen nach Deutschland durch den Verfall des Rubelkurses deutlich teurer geworden. Außerdem erschweren ihnen neue Visabestimmungen der Schengen- Staaten eine Reise nach Deutschland. Seit September 2015 gilt das neue Visa-Informationssystem auch in Russland. Wer ein Visum beantragen will, muss beim ersten Mal persönlich in der Visastelle erscheinen, um Fingerabdrücke nehmen zu lassen. Das nächste Konsulat oder Antragsannahmezentrum ist für viele russische Schüler aber mehrere hundert Kilometer entfernt. „Wegen der langen Anreise müssten Lehrer und Schüler nur für die Visaanträge zwei Tage vom Unterricht befreit werden“, sagt Hoffmann. Das nehmen nicht viele Schulen in Kauf.

Im Auswärtigen Amt wird betont, Kinder unter zwölf Jahren seien von der Pflicht zur Abgabe der Fingerabdrücke befreit. Allerdings ist die Hauptzielgruppe für den Schüleraustausch älter. „Eine Ausweitung der Ausnahmen auf alle Teilnehmer von Jugendaustauschprogrammen müsste von der Europäischen Kommission vorgeschlagen werden. Dafür setzt sich die Bundesregierung ein“, heißt es dazu im Auswärtigen Amt.

Visa sind gebührenfrei - kosten aber trotzdem etwas

Das neue Prozedere beim Visumsantrag ist für die Familien auch mit Kosten verbunden. Zwar gibt es zwischen Berlin und Moskau ein Abkommen, wonach im Jugendaustausch Visa gebührenfrei sind. „Aber dass die Visa nichts mehr kosten, ist falsch“, betont Hoffmann. Russische Jugendliche müssen eine Servicegebühr von etwa 20 Euro zahlen, wenn sie das Visum in einem Annahmezentrum, also bei einem kommerziellen Anbieter, beantragen. Auch dieses Problem ist im Auswärtigen Amt bekannt: „Derzeit werden Optionen geprüft, ob und wie Teilnehmer an Jugendaustauschmaßnahmen auch von Servicegebühren externer Dienstleister befreit werden können.“

Denjenigen, die sich seit Jahren für den Jugendaustausch einsetzen, geht das nicht weit genug: „Wir bräuchten Visafreiheit in möglichst umfangreichem Maße“, sagt Stefan Melle, Geschäftsführer beim Deutsch-Russischen Austausch (DRA) in Berlin. Diese müsse mindestens für Personen bis zum Alter von 27 Jahren und für die Zusammenarbeit von Universitäten sowie Nichtregierungsorganisationen gelten. Das sei gerade in der jetzigen politischen Situation wichtig, betont Melle. „Wir müssen lernen, zwischen der russischen Gesellschaft und der russischen Regierung zu unterscheiden.“

Eltern in beiden Ländern sind skeptisch

Die politische Lage ist nicht ohne Einfluss auf den Jugendaustausch geblieben. In Deutschland fragten sich Eltern angesichts des Ukraine-Konflikts, ob Russland noch ein gutes Ziel für ihre Kinder sei, berichtet Hoffmann. „Und russische Eltern glauben, dass Deutschland nicht mehr sicher ist.“ Grund dafür seien die extrem negativen Berichte in russischen Medien über die Flüchtlingssituation in Deutschland, durch die der Eindruck entstehe, dass auf deutschen Straßen fast bürgerkriegsähnliche Zustände herrschten. Auch die Berichte in russischen Medien über die angebliche Vergewaltigung eines Mädchens in Berlin-Marzahn hätten noch zur Verunsicherung der Eltern beigetragen. Die Verunsicherung der Eltern ist einer der Hauptgründe, warum die Zahlen im vergangenen Jahr so massiv einbrachen. „Auf beiden Seiten fehlt vielen Eltern inzwischen das Grundvertrauen, dass ihre Kinder im anderen Land gut aufgenommen werden“, sagt Melle.

So fällt das Jahr des Jugendaustauschs in eine Zeit, in der sowohl die politische Lage als auch die Rahmenbedingungen denkbar ungünstig sind. Es solle „auch dazu dienen, den Schüler- und Jugendaustausch zwischen beiden Ländern der Öffentlichkeit bekannter zu machen und die Zahl der Teilnehmenden wieder zu stabilisieren und zu erhöhen“, sagt eine Sprecherin des Bundesfamilienministeriums. Das Ministerium unterstützt die Stiftung DRJA mit zwei Millionen Euro jährlich. Aus Anlass des besonderen Jahres gibt das Ministerium einmalig 50 000 Euro dazu. Das Geld fließt nicht in Begegnungen, sondern in eine Online-Plattform.

Festjahr nur ein "symbolischer Akt"?

Das Programm des Jugendjahres besteht weitgehend aus Veranstaltungen, die ohnehin stattgefunden hätten. Selbst die Eröffnungsfeier in Moskau wurde auf denselben Tag gelegt, an dem schon das zehnjährige Jubiläum der Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch und des russischen Koordinierungsbüros gefeiert werden. Die Vorbereitung war offenbar nicht gerade einfach. Zur Eröffnung kommt der russische Bildungsminister, aus Berlin reist nur der Staatssekretär aus dem Familienministerium an. „Die Deutschen könnten sich stärker engagieren“, sagt einer, der lange in diesem Bereich arbeitet.

Auch Melle kritisiert, dass die Bundesregierung „nicht einmal an dieser Stelle investiert“. Er spricht sich dafür aus, die Förderung des Jugendjahres deutlich zu erhöhen. „Die Pauschalen für Austauschmaßnahmen müssten dem Leben angepasst werden.“ Andernfalls bliebe das bilaterale Jahr nur ein „symbolischer Akt, der atmosphärisch nützlich sein kann“.

Dieser Text erschien in der "Agenda" vom 31. Mai 2016, einer Publikation des Tagesspiegels, die jeden Dienstag erscheint. Die aktuelle Ausgabe können Sie im E-Paper des Tagesspiegels lesen.

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