Glückliches Geflügel : Nicht das Gelbe vom Ei

Die Geflügelwirtschaft will mit der "Geflügel-Charta" ihr ramponiertes Image aufbessern. Verbraucherschützer bleiben skeptisch.

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Aus dem Ei gepellt. Die Geflügelwirtschaft will ihr schlechtes Image loswerden.
Aus dem Ei gepellt. Die Geflügelwirtschaft will ihr schlechtes Image loswerden.Foto: Imago

Viel schlimmer geht es nicht. Bilder von verwahrlosten Puten, männlichen Eintagsküken, die im Schredder landen oder vergast werden, und von Legehennen hinter Gittern werfen kein gutes Licht auf die deutsche Geflügelbranche. Auf Videos der Tierschutzorganisation Peta sind Puten mit deformierten Beinen und tote Tiere zu sehen, die mitten unter den Lebenden liegen. Hinzu kommen Einzelmeldungen. Die Firma Bayern-Ei etwa wird mit einem europaweiten Salmonellenausbruch in Verbindung gebracht, der zwei Todesopfer zur Folge hatte. Bei einem Zulieferer von Wiesenhof ist auf einem verdeckt gedrehten Video zu sehen, wie dort Enten mit Mistgabeln erschlagen und aufgespießt werden. Keine Frage, das Image ist im Keller.

Viele Verbraucher achten auf die Herkunft von Geflügel

Tierquäler, Schmutzfinken, Geschäftemacher – an kaum einer anderen Branche arbeiten sich Tierschützer und Umweltaktivisten so sehr ab wie an den Geflügelhaltern. Und das mit Erfolg. Immer mehr Verbraucher achten inzwischen darauf, dass sie Fleisch von "glücklichen Hühnern" kaufen. Auch die Supermärkte reagieren. Der Discounter Lidl verkündete vor Kurzem, man wolle Zulieferer dazu anhalten, strengere Standards anzuwenden und etwa auf das Schnabelkürzen zu verzichten. Der Hühnerhalter, wenn er denn seine Tiere nicht auf einem Bio-Hof Körner picken lässt, genießt in der kritischen Öffentlichkeit ein Ansehen, das nur wenig über dem von Kriminellen liegt.

Die Branche will ihr schlechtes Image loswerden

Kein Wunder, dass die Branche das nicht auf sich sitzen lassen will – und gegensteuert. Mit einer neuen Charta, die sich die Unternehmen gegeben haben und die nun mit großformatigen Anzeigen und Plakaten den Imagewandel in jede deutsche Küche tragen will. "Wir sind die deutsche Geflügelwirtschaft" heißt es dort. Zu sehen sind acht Geflügelwirte vor einem lila Hintergrund. Normale Menschen, keine seelenlosen Schlächter. Sieben unterschiedliche Motive gibt es bei der großen Werbekampagne des Zentralverbands der deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG). Dessen Geschäftsführer Thomas Janning soll den Imagewandel schaffen. Und er streitet Missbräuche nicht ab. "Es gibt immer wieder vereinzelt schwarze Schafe, die wollen wir nicht mehr in unserer Gemeinschaft haben", erklärt Janning. Doch die Kampagne und die neu erschienene "Geflügel-Charta", ein Leitfaden zur verantwortungsvollen Geflügelzucht, sollen zeigen: Die Mehrheit der Geflügelbauern ist anders, die Branche hat verstanden.

Pro Jahr produziert Deutschland 1,5 Millionen Tonnen Geflügelfleisch. Jeder Deutsche isst pro Jahr 19 Kilogramm davon. "Unsere Landwirte haben sich gesagt, da wird über uns geredet, das schadet unserem Ruf, und am Ende kaufen die Verbraucher möglicherweise weniger Geflügelprodukte. Sie wollen daher zeigen, wie sie heute arbeiten, wofür sie stehen und dass sie gute Arbeit machen", erklärt Janning. Doch reichen eine neue Charta und viel Werbung, um vom Saulus zum Paulus zu werden? Weniger Antibiotika, Abschied vom Schnabelkürzen, Schluss mit der Tötung männlicher Küken, ist das genug, um die Kritiker vom guten Willen der Branche zu überzeugen?

Der Bund für Umwelt und Naturschutz kritisiert die Charta der Geflügelwirtschaft

Nein. Es gebe in der Charta keine messbaren Ziele, es würden keine Deadlines festgelegt, und man berufe sich ständig auf die Forschung, statt selbst Verantwortung zu übernehmen, heißt es beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). "Es gibt keine verbindlichen Pläne für eine Besserung, es ist nur eine Ankündigungsrhetorik", kritisiert Reinhild Benning, Agrarexpertin beim BUND. Dabei gebe es bereits heute Wege, das Abschneiden der Schnäbel zu lassen oder weniger Antibiotika einzusetzen. Allerdings bräuchten die Tiere dann mehr Platz, und die Zucht-Zeiten würden sich verlängern. BUND und Foodwatch fordern einen Systemwandel in der Geflügelwirtschaft, doch das ist mit Janning nicht zu machen. "Wir haben begrenzte Ressourcen an Wasser und Agrarflächen, und wir müssen immer mehr Menschen auf der Welt ernähren", sagt der ZDG-Geschäftsführer. Einen Systemwechsel will die Branche nicht, auch keine Revolution. Viele hätten die Charta einfach falsch verstanden, sagt Janning, "es sollen damit keine neuen Standards festgelegt werden, sondern es soll der generelle Arbeitsethos der Branche aufgeschrieben werden".

Agrarminister Schmidt setzt auf neue Technik, die das Geschlecht von Küken im Ei erkennt

Also doch mehr versprochen als gehalten? Einige konkrete Ziele enthält die Charta schon. "Zum 1. Januar 2017 soll keine Junghenne mit gekürztem Schnabel mehr eingestallt werden", verspricht Janning. Erst im Juli hat der ZDG mit der Bundesregierung eine entsprechende Vereinbarung zum "Verzicht auf das Schnabelkürzen" getroffen – und ist damit möglichen Gesetzen zuvorgekommen. Agrarminister Christian Schmidt (CSU) will zudem mithilfe der Forschung erreichen, dass bis 2017 eine Technik zum Standard wird, mit der man das Geschlecht des Kükens bereits im Ei bestimmen kann. Männliche Küken sollen dann gar nicht erst ausgebrütet werden. Damit könnte vermieden werden, dass die männlichen Küken kurz nach dem Schlüpfen getötet werden müssen.

Der Bundesrat diskutiert derzeit über eine Kennzeichnungspflicht für Fleisch

Doch auch das besänftigt die Kritiker nicht. Dem BUND geht es um das Grundsätzliche. "Die industrielle Massentierhaltung produziert Tiere zum Wegwerfen", kritisiert Benning. Durch die Früherkennung des Geschlechts werde dieses Problem nicht gelöst. Im Bundesrat wird derzeit über die Pflicht diskutiert, Fleisch genauso wie Eier nach Haltungsart zu kennzeichnen. "Wenn die Geflügelwirtschaft dieses Gesetz unterstützen würde, würden sie uns schon ein ganzes Stück entgegen kommen", sagt Benning. In der Charta ist davon allerdings noch nichts zu lesen.