Helmut Kohl, Willy Brandt, Konrad Adenauer : Wer hütet den Nachlass der Politiker?

Die Nachlässe bedeutender Politiker wie Helmut Kohl, Willy Brandt und Konrad Adenauer sind weithin verstreut. Für "Agenda", unser Journal für Politik in der Bundeshauptstadt, fragt Bernhard Schulz: Wer hütet diesen Schatz der Bundesrepublik?

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Der "Schwarze Riese". Helmut Kohl hat mit Prozessen um unautorisierte Zitate die Sympathien vieler Anhänger eingebüßt.
Der "Schwarze Riese". Helmut Kohl hat mit Prozessen um unautorisierte Zitate die Sympathien vieler Anhänger eingebüßt.Foto: nasared Fotolia

Helmut Kohl zürnt, weil ein in Ungnade gefallener Interviewpartner, vom Ex-Kanzler zur Abfassung von dessen Memoiren ausersehen, aus den Gesprächsmitschnitten ein eigenes Buch kompiliert hat. Kohl hatte in den 630 Stunden seines Räsonierens manch’ persönliche Invektive fallen lassen, die er auf keinen Fall veröffentlicht sehen will. Erneut ein Fall für die Anwälte, die Kohl schon einmal das Eigentum an Tonbändern mit Gesprächsaufzeichnungen gesichert haben – wenn auch nicht den Text als solchen.

Man könnte den Streit um die Privatheit von gegenüber Dritten mit dem Ziel späterer Veröffentlichung gemachten Äußerungen als Ärger eines Alten abtun, der mit der Welt zerfallen ist. Doch steckt darin ein grundsätzliches Problem. Kohl war schließlich einer der prägenden Politiker der alten Bundesrepublik, die er zur Wiedervereinigung geführt und zum vereinten Deutschland geformt hat. Kann es da überhaupt Äußerungen zu seiner Vergangenheit geben, die nicht Teil der politischen Person wären? Wer hütet den Schatz der Erinnerungen, der mündlichen wie der schriftlichen?

Der „Alte“. Das Andenken an Konrad Adenauer setzte mit musealer Gedenkstätte und „Rhöndorfer Ausgabe“ Maßstäbe.
Der „Alte“. Das Andenken an Konrad Adenauer setzte mit musealer Gedenkstätte und „Rhöndorfer Ausgabe“ Maßstäbe.Foto: nasared Fotolia

Mit Kohl streitet seine zweite Ehefrau Maike Richter-Kohl, die den 32 Jahre älteren Altbundeskanzler vor gut sechs Jahren geheiratet hat. Sie ist nicht die erste, deutlich jüngere Ehefrau, die sich zur Gralshüterin berufen fühlt. Brigitte Seebacher, die 1983 als 37-Jährige den damals als Parteivorsitzender der SPD unangefochtenen Willy Brandt kurz vor dessen 70. Geburtstag geheiratet hatte, gibt das unrühmliche Vorbild.

Was geschieht mit dem Nachlass von Politikern?

Sie kapselte den Ex-Kanzler mehr und mehr von der Öffentlichkeit ab und beanspruchte nach Brandts Tod im Oktober 1992 in mehreren Veröffentlichungen zu Brandt die Deutungshoheit über dessen Politik. Insbesondere gab Brigitte Seebacher den alten Verdächtigungen gegenüber dem langjährigen SPD-Fraktionsvorsitzenden im Bundestag, Herbert Wehner, neue Nahrung, dieser habe Brandts Sturz als Kanzler 1974 betrieben und sei im Übrigen zeitlebens der Kommunist geblieben, der er im Moskauer Exil während der Nazizeit war.

"Was zusammengehört". Willy Brandt wurde mittlerweile ein zehnbändige Ausgabe seiner Reden und Schriften seit der Zeit seines Exils zuteil.
"Was zusammengehört". Willy Brandt wurde mittlerweile ein zehnbändige Ausgabe seiner Reden und Schriften seit der Zeit seines...Foto: nasared Fotolia

Bedeutender war der Streit um Brandts Nachlass, immerhin 400 Regalmeter Akten. Zwar war Brigitte Seebacher von Brandt als Universalerbin eingesetzt worden, doch lagerten die Akten überwiegend bei der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung. Erst 1994 kam es zur gütlichen Einigung: Die Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung mit Sitz im Schöneberger Rathaus wurde errichtet, deren Kuratorium zugleich als Beirat der Ebert-Stiftung fungiert und das letzte Wort darüber hat, wer Einsicht in die Akten erhält. Über Zweifel an ihrer Seriosität erhaben ist die „Berliner Ausgabe“ der Schriften Brandts, deren abschließender zehnter Band den Prozess der deutschen Wiedervereinigung beleuchtet.

Brigitte Seebacher hatte die SPD wegen mangelndem Eintreten für die Einheit heftig attackiert – verweigerte jedoch den Einblick in die entsprechenden Unterlagen aus Brandts Nachlass.

Was geschieht überhaupt mit dem Nachlass von Politikern, wenigstens jener, die die Nachwelt als prägend empfindet? Das hängt vom Einzelnen ab. Schon mancher Nachlass ist auf der Müllkippe verschwunden. Jedenfalls wird nicht systematisch bewahrt und gesichtet. Helmut Kohl sitzt in seinem Bungalow in Oggersheim, der doch eines Tages selbst ein Geschichtszeugnis sein wird wie Ludwig Erhards Kanzlerbungalow in Bonn, der nur darum erhalten ist, weil es eben der Kanzlerwohnsitz war oder sein sollte, denn eigentlich hat ihn nur Erhard bewohnt. Aber Oggersheim?

„Onkel“ mit Pfeife. Herbert Wehners Schriften sind als Ganzes noch unveröffentlicht.
„Onkel“ mit Pfeife. Herbert Wehners Schriften sind als Ganzes noch unveröffentlicht.Foto: nasared Fotolia

Politikergedenkstiftungen des Bundes

Konrad Adenauer, unbestreitbar der bedeutendste aller Politiker der „alten“, westdeutschen Bundesrepublik, besaß ein Haus in Rhöndorf, in der Nähe von Bonn auf der anderen Rheinseite. Da hatte der „Alte“ Rosen gezüchtet und sich so über die Nazi-Zeit hinweggerettet, ehe ihn die britische Militärmacht zurückholte. Das Rhöndorfer Haus ist seit 1978 Gedenkstätte. Vor allem aber bewahrt die Konrad-Adenauer-Stiftung den Nachlass, aus dem heraus die „Rhöndorfer Ausgabe“ der Schriften und Reden Adenauers ediert wurde, in wissenschaftlich untadeliger Weise herausgegeben von den Historikern Rudolf Morsey und Hans-Peter Schwarz.

Fünf „Politikergedenkstiftungen des Bundes“ gibt es. Neben Adenauer und Brandt ist auch der erste Bundespräsident, Theodor Heuss, vertreten; von Hause aus Nationalökonom und Staatswissenschaftler – wie diese Disziplinen zur Kaiserzeit hießen –, war er der schöngeistige Kopf unter den dreien. Ausgerechnet seine zahlreichen Schriften liegen noch immer nicht gesammelt vor.

„Papa“ Heuss. Theodor Heuss war zeitlebens ein eifriger Redner, Schreiber und Publizist.
„Papa“ Heuss. Theodor Heuss war zeitlebens ein eifriger Redner, Schreiber und Publizist.Foto: nasared Fotolia

Und die anderen beiden Stiftungen? Sie gelten – Otto von Bismarck und Friedrich Ebert. Der eine Kanzler des Deutschen Kaiserreiches von 1871, das er selbst geschaffen hatte, der andere erster Präsident der tragischen Weimarer Republik. Und was haben beide mit der Bundesrepublik zu tun, außer der naturgegebenen Tatsache, dass ihre Tätigkeit historisch dieser vorangeht?

Zeigen, wie es eigentlich gewesen ist

Das eben ist das Dilemma. Es gibt zwar zwei historische Museen des Bundes, eines in Berlin, das andere in Bonn („Haus der Geschichte der Bundesrepublik“), es gibt auch das Bundesarchiv, jedoch keine zentrale Sammelstelle historisch bedeutender Politikernachlässe. Landesarchive wie das Bayerische Hauptstaatsarchiv sammeln, was ihnen fallweise vermacht wird.

Die fünf Politikerstiftungen werden vom Bund finanziert, aus dem Haushalt der Staatsministerin für Kultur und Medien. Ob es jemals eine Helmut-Kohl-Stiftung geben wird, muss derzeit offen bleiben. Helmut Schmidt, sein Vorgänger im Kanzleramt, ist Hanseat durch und durch und wird wohl seine Papiere im heimatlichen Hamburg belassen wollen.

Dann ist da noch die Causa Wehner. Herbert Wehner (1906–1990) hat, neben Brandt, die windungsreichste Biografie aufzuweisen. Mitglied der KPD und in deren engstem Führungszirkel, überlebte er Hitler und vor allen Dingen Stalin in einem Zimmer des Moskauer „Hotel Lux“, in dem etliche Genossen von der Geheimpolizei NKWD verhaftet wurden. 1941 konnte sich Wehner nach Schweden absetzen, 1946 fand er in Hamburg zur SPD. Seine Stieftochter und zugleich dritte Ehefrau, Greta Burmester, die ihm jahrelang als Privatsekretärin gedient hatte, ging nach Wehners Tod nach Dresden und gründete dort im Mai 2003 die Herbert-und-Greta-Wehner-Stiftung. Deren Zweck ist die „Wahrung des Andenkens von Herbert Wehner in seinem Heimatland Sachsen“. Von einer historisch-kritischen Ausgabe der Schriften ist jedoch nicht die Rede.

Das aber muss das Ziel sein: die Papiere eines Politikers der Forschung zugänglich zu machen und, in dem durch den Schutz von Persönlichkeitsrechten gebotenen zeitlichen Abstand, zu einem möglichst objektiven Urteil über das zu kommen, was nun zur Vergangenheit geworden ist. Um zu „zeigen, wie es eigentlich gewesen ist“, wie es Leopold von Ranke allen Historikern ins Stammbuch geschrieben hat.

Dieser Text erschien in der "Agenda" vom 28. Oktober 2014 - einer neuen Publikation des Tagesspiegels, die jeden Dienstag erscheint. Die aktuelle Ausgabe können Sie im E-Paper des Tagesspiegels lesen.

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