IVSS will Arbeitsschutz für alle : "Ein bisschen Mist aus einem riesigen Sumpf"

Joachim Breuer will als Chef der Internationalen Vereinigung für Soziale Sicherheit weltweit höhere Standards setzen. Erste Erfolge konnte er schon verzeichnen.

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Eine Teppichfabrik in Indien. Die IVSS setzt sich für höhere Standards beim Arbeitsschutz weltweit ein.
Eine Teppichfabrik in Indien. Die IVSS setzt sich für höhere Standards beim Arbeitsschutz weltweit ein.Foto: AFP/Alok pathania

Stickige Luft, drückende Hitze. In der riesigen Fabrikhalle in Myanmar surren Nähmaschinen, ihre Benutzer sitzen gekrümmt auf Plastikhockern. Die Produktionsstrecke, auf der junge Männer die genähten Stoffe mit Füllwatte stopfen und weiterschieben, besteht aus zusammengezimmerten Resopalplatten auf Bambusrohren. Rund 700 Arbeiter schuften hier für einen Tageslohn von umgerechnet zwei Euro.

"Ein kleines bisschen Mist aus einem riesigen Sumpf"

Joachim Breuer, der die Szene so beschreibt, stand vor Wochen mitten in dieser Halle. Und er sah, was zu tun war: „Überleg’ doch mal, drei oder vier verschiedene Höhen von Hockern zu nehmen. Schon sitzt der Kleinere nicht mehr mit baumelnden Beinen und der Große nicht mehr in gebückter Haltung da“, schlug er dem Fabrikbesitzer vor. Breuers Argument: Wer bequemer sitzt, kann effektiver arbeiten. „Mit so simplen Dingen kann man Arbeitsschutz umsetzen. Auch wenn man natürlich nur ein kleines bisschen Mist aus einem riesigen Sumpf holt.“ Mit westlichen Standards zu kommen, wäre ein Fehler. „Es ist verdammt schwierig, zu vermitteln, dass Arbeitssicherheit ein Produktivitätsfaktor ist. Viele denken: Das kostet, also wird mein Produkt teurer“, sagt Breuer. Er aber hat sich zur Aufgabe gemacht, sie zu überzeugen, dass es sich lohnt.

Der 61-Jährige ist seit dem vergangenen Jahr Präsident der Internationalen Vereinigung für Soziale Sicherheit (IVSS) mit Sitz in Genf. Die Non-Profit Organisation, 1927 unter Federführung der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) gegründet, will die soziale Sicherheit, vor allem Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz, weltweit verbessern. 334 Institutionen in mehr als 158 Ländern sind Mitglied der IVSS. Sie stellt Leitlinien für internationale Berufsstandards auf. Nun steht ihr zum ersten Mal seit den 30er Jahren wieder ein Deutscher vor.

Deutsche sähen internationale Tätigkeit oft kritisch

Der Schritt an die Spitze der internationalen Organisation habe sich für Breuer gut „angefügt“ an das, was er bisher gemacht hat: Nachdem er bis 1990 im Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten tätig war, kam der Jurist zum damaligen Hauptverband der gewerblichen Berufsgenossenschaften, heute ist das die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV), seit 2002 ist er der Hauptgeschäftsführer. „Die deutsche Wirtschaft ist der Finanzier der gesetzlichen Unfallversicherung in Deutschland. Wir leben aber vom Export, vom arbeitsteiligen Produzieren. Unsere Arbeitswelt ist international“, sagt Breuer. Und doch würden in Deutschland internationale Tätigkeiten immer noch kritisch gesehen. Die Frage, wie eine moderne Krankenversicherung aussehen muss, stelle man zwar auch national, aber das sei meist das Ende der Kette. „Die Richtungsentscheidung kommt vorher, von internationaler Ebene.“ Breuers Einflussgebiet ist mit Übernahme der Präsidentschaft größer geworden.

Menschen zu überzeugen, dass soziale Sicherheit kein Almosen ist, sondern eine Investition, ist gewissermaßen sein Lebensthema. „In Europa nimmt ein Großteil der Bevölkerung soziale Sicherheit für so selbstverständlich wie das Wetter – man klagt, wenn es nicht gut ist“, sagt Breuer. Aber die Tatsache, dass dies der „Klebstoff unserer Gesellschaft“ sei, nähmen viele überhaupt nicht wahr.

Die IVSS bastelt derzeit an ihrem Dreijahresplan

Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung ist eines der deutschen Mitglieder der IVSS, seit rund zwanzig Jahren arbeitet Breuer also schon mit der internationalen Organisation zusammen und sitzt bereits seit 15 Jahren in ihrem Vorstand. Als Präsident der IVSS aber kann er mehr erreichen. Er kann die deutschen Vorstellungen vom Arbeitsschutz in die internationalen Leitlinien einfließen lassen.

Derzeit bastelt die IVSS an ihrem Dreijahresplan – so lange dauert eine präsidiale Amtszeit. Um die Ressourcen zu vergrößern, will Breuer neue Mitglieder gewinnen. Als größte Herausforderung sieht er die Auswirkungen des digitalen Wandels auf die Arbeitswelt: „Wir erleben gerade eine Art von industrieller Revolution. Verhaltensweisen verändern sich, aber die dazugehörigen Arbeitsprozesse noch kaum. Wir müssen Lösungen finden, wie wir mit den neuen Arbeitsmodellen umgehen – wo sind Risiken, wo Schutzbedürfnisse?“

Breuer will zu einem Ergebnis zur Frage kommen, wie die neuen Arbeitsweisen sozial abgedeckt werden können. Auch eine neue Pflichtversicherung schließt er nicht aus. Man könne die Erwerbstätigkeit selbst versichern, nicht mehr den Arbeitnehmer. Hier erwartet er nicht nur Hurra-Rufe. Vor allem Selbstständige dürften protestieren. „Das wäre ein Weg. Wir diskutieren auch andere.“ Bei neuen Wegen ist Gegenwind programmiert, aber Breuer sieht dem gelassen entgegen.

Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles hatte Breuer unterstützt

Bereits mit seiner Kandidatur nannte er das Ziel, die IVSS an den Tisch des G-20-Treffens der Arbeits- und Beschäftigungsminister zu bringen. Und er hatte Erfolg. Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) hatte ihn unterstützt. Mitte Mai durften Vertreter der IVSS im rheinland-pfälzischen Bad Neuenahr-Ahrweiler mitsprechen, als es um internationale Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik ging. „Wie will man unter den großen Wirtschaftsnationen der Welt über Wirtschaft – und damit auch soziale Sicherheit – reden, ohne diejenigen einzuladen, die sich damit auskennen?“ Wenn die Weltbank, der Internationale Währungsfonds oder große Unternehmen wichtige Entscheidungen treffen, will Breuer nicht mehr vom „Spielfeldrand“ zusehen. Seine Zeit als Präsident soll der IVSS vor allem eines bringen: mehr Reichweite.

Der Text erschien in "Agenda" vom 20. Juni 2017, einer Publikation des Tagesspiegels, die jeden Dienstag erscheint. Die aktuelle Ausgabe können Sie im E-Paper des Tagesspiegels lesen.

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