Kampagne für die Bundestagswahl : Grüne Hoffnungen

Die Ökopartei geht mit einer neuen Agentur in den Wahlkampf. „Ziemlich Beste Antworten“ soll der Partei aus der Defensive helfen.

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Die Spitzenkandidaten der Grünen für die Bundestagswahl, Cem Özdemir und Katrin Göring-Eckardt
Die Spitzenkandidaten der Grünen für die Bundestagswahl, Cem Özdemir und Katrin Göring-EckardtFoto: dpa/Kay Nietfeld

Wer „Ziemlich Beste Antworten“ sucht, der muss erst einmal nach dem Weg fragen. „Ziemlich Beste Antworten“ (ZBA) ist die neue Wahlkampf-Agentur der Grünen, und der Weg führt durch einen Hinterhof in Wedding in die dritte Etage einer ehemaligen Mützenfabrik. Ein Büro gibt es bisher nicht, noch nicht einmal ein eigenes Klingelschild an der Tür. Wer ein Treffen mit ZBA verabredet, findet sich im Besprechungsraum der Agentur Wigwam wieder.

Matthias Riegel verhalf auch Winfried Kretschmann zur Wiederwahl

Das liegt auch daran, dass Matthias Riegel, Geschäftsführer von Wigwam, einer der führenden Köpfe bei ZBA ist. „Jeder geht davon aus, dass es ein Büro gibt. Aber braucht es das wirklich?“, fragt der 31-jährige Kampagnenprofi. Nein, findet er. Doch nicht für einen Bundestagswahlkampf, der vorübergehend viel Einsatz fordert, aber nach absehbarer Zeit wieder vorbei ist.

Mit Wigwam hat Riegel den Wahlkampf der Grünen in Baden-Württemberg konzipiert, der Winfried Kretschmann im vergangenen Frühjahr zur Wiederwahl als Ministerpräsident verhalf. Der jungen Alternativagentur aus Berlin-Wedding gelang es, eine eigene Tonalität für den beliebten Landesvater zu entwickeln, zugleich progressiv und wertkonservativ. Wigwam begleitet nun auch den Landtagswahlkampf der Grünen in Nordrhein-Westfalen.

ZBA hat sich für den Bundestagswahlkampf zusammen getan

Für die Bundestagswahl hat Riegel zusammen mit anderen Werbern mit Grünen-Erfahrung eine Agentur auf Zeit gegründet – ZBA. Beim Auswahlverfahren des Bundesvorstands setzten sich die Newcomer durch. „Die Agentur gibt es nur für uns. Das fand ich verlockend“, sagt Bundesgeschäftsführer Michael Kellner, der zusammen mit Wahlkampfmanager Robert Heinrich die Kampagne der Grünen verantwortet. Was der Vorteil sei? „Die Zusammenarbeit ist enger, schneller, intensiver“, sagt Kellner. Im Wahlkampf könne man so flexibler auf Unerwartetes reagieren, prognostiziert er. Im Zuge der Nominierung von Martin Schulz zum SPD-Kanzlerkandidaten erlebe man ja gerade, wie schnell sich die politische Stimmung verändern könne.

Der zweite Kopf hinter ZBA ist Nicolas Schwendemann. Der 32-Jährige hat mit der Agentur Ressourcenmangel dazu beigetragen, dass den Grünen vor einem Jahr bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt der Sprung über die Fünfprozenthürde gelang. Zum Team gehört außerdem Maike Gosch (44), die als „Storytelling-Expertin“ den Menschen in Baden-Württemberg die lange Erfolgsgeschichte der Grünen im Südwesten nahebrachte. Vierter im Bund ist der Designer Elvir Osmankovic (41), der das neue Corporate Design der Grünen entworfen hat.

Lange hatte die Agentur „Zum Goldenen Hirschen“ quasi ein Abo auf grüne Kampagnen. Doch nach der letzten Bundestagswahl beschloss der Bundesvorstand, dass es Zeit für etwas Neues sei. Im letzten Sommer fiel die Entscheidung für ZBA. Die ersten Projekte, um die Riegel und seine Mitstreiter sich gekümmert haben, waren die Urwahl des Spitzenduos mit dem Slogan „Basis ist Boss“ und der Parteitag in Münster im vergangenen November unter dem Motto „Wir bleiben unbequem“.

Und nun die Kampagne für die Bundestagswahl. Doch wie startet man aus der Defensive in einen Wahlkampf? Nachdem die Grünen längere Zeit in den Umfragen stabil bei zehn bis zwölf Prozent gelegen haben, gehen die Werte seit Jahresbeginn auf bis zu sieben Prozent zurück, auch verursacht durch das Umfragehoch der SPD. In der Partei führt das zu Verunsicherung, auch was den Kurs der „Eigenständigkeit“ angeht, der auf gleichen Abstand zur SPD und zur CDU setzt. Riegel versucht, die schwierige Lage positiv zu deuten. „Schlechte Umfragen führen zu einer Jetzt-erst- recht-Haltung“, sagt er. „Es ist Druck im Kessel. Das finde ich gut. Die Grünen wollen es wissen.“ Dem Wahlkampf tue es außerdem gut, wenn es mit Martin Schulz eine Alternative zu Angela Merkel gebe.

Grüne müssen für ihre Kernwerte stehen

Sein Kompagnon Schwendemann ist überzeugt, dass die Grünen „für ihre Kernwerte stehen und zeigen müssen, warum Umweltschutz wichtig ist“. Wenn man die Grünen als Marke betrachte, sehe man, dass sie durch die unterschiedlichen Konstellationen in den Ländern gedehnt worden sei. Das passiere aber jeder erfolgreichen Marke. „In Baden-Württemberg sind die Grünen anders als in Kreuzberg“, erklärt Schwendemann. Die kommunikative Herausforderung sei, den gemeinsamen Kern klarzumachen. „Es geht um die große Frage, die alle eint“, sagt er. Der alte Slogan „Wir haben die Erde nur von unseren Kindern geborgt“ sei immer noch der emotionalste Punkt bei den Grünen. „Das teilen alle, ob am Stuttgarter Regierungssitz in der Villa Reitzenstein oder in Kreuzberg.“

Beide Werber rechnen mit einem „harten und schmutzigen Wahlkampf“ gegen die Grünen. Auch deshalb, weil die Partei die „Hauptkraft für gesellschaftliche Veränderungen“ sei und damit von der AfD zum Hauptgegner erklärt wurde. Doch in einer scharfen Polarisierung sieht Bundesgeschäftsführer Kellner auch eine Chance zur Mobilisierung: „Wir werden diejenigen sein, die Weltoffenheit, Toleranz und das Libertäre in dieser Gesellschaft verteidigen.“

Mit Geld kann man keine Wahlen gewinnen

Im Vergleich zu den großen Parteien müssen die Grünen im Wahlkampf mit weniger Geld auskommen. 2013 verfügte die Partei über ein Budget von 5,5 Millionen Euro, bei der SPD waren es 23 Millionen. Doch Riegel ist ohnehin überzeugt, dass man mit Geld keine Wahl gewinnen könne. Bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg habe jedes Grünen-Mitglied rechnerisch 182 Wähler mobilisiert, während jedes CDU-Mitglied 21 Wähler gewinnen konnte. „Das schafft man nicht über Geld und eine Materialschlacht“, sagt Riegel. Die Grünen seien deshalb gut beraten, „möglichst kreativ und effizient“ in den Wahlkampf zu gehen.

Das Schwierige bei der Planung einer Kampagne ist, manche Festlegungen so herauszuzögern, dass die Botschaften im Wahlkampf nicht aus der Zeit gefallen wirken. Denn zugleich bestimmen die Produktionsbedingungen den Zeitplan. Hunderttausende Plakate müssen gedruckt und in 16 Bundesländer geliefert werden.

Ein eigenes ZBA-Büro wird es übrigens doch noch geben, im Vorderhaus der Agentur Wigwam. Für die heiße Wahlkampfphase sind außerdem in der Parteizentrale Schreibtische für einen Teil des ZBA-Teams eingeplant. Um Platz für die Kampagnenzentrale zu schaffen, musste sogar der Bundesvorstand seinen Sitzungsraum räumen.

Der Text erschien in "Agenda" vom 28. Februar 2017, einer Publikation des Tagesspiegels, die jeden Dienstag erscheint. Die aktuelle Ausgabe können Sie im E-Paper des Tagesspiegels lesen.

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