Regierungsberater drängen auf mehr E-Health : Die Digital-Therapie

Ob Telemedizin, besser vernetzte Patientendaten oder Pflegeroboter: Mehr Hightech im Gesundheitswesen wäre ein Segen, sagen Experten. Und drängen die Regierung zum Handeln.

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Roboter als Chirurgen? Warum nicht, wenn sie exakter arbeiten, sagt fast jeder zweite Bundesbürger.
Roboter als Chirurgen? Warum nicht, wenn sie exakter arbeiten, sagt fast jeder zweite Bundesbürger.Foto: Fraunhofer/dp

Allmählich werden die Visionäre ungeduldig. Vielleicht, so sagt Siegfried Russwurm, müsse der Druck ja „von der Straße“ kommen. Patienten, die ihren Arzt fragen, warum ihre medizinischen Daten ständig neu erhoben werden müssen und nicht zugriffsbereit hinterlegt sind. Weshalb er keine Computer-Sprechstunde anbietet und sie für jede Laborwert-Besprechung eigens in die Praxis kommen müssen. Weshalb sie das Gerät fürs Langzeit-EKG schon nach einem Tag zurückgeben müssen und es kein Kardio-Monitoring von zu Hause aus gibt. Wieso sie mit Riesen-Wartezeiten zwischen Hausarzt und Fachärzten hin- und herpendeln müssen, statt dass sich die Beteiligten mal per Telekonsil kurzschalten.

Die technischen Möglichkeiten wären da. Es könnte so einfach sein.

Womöglich bräuchte es aber auch eine Initialzündung von oben. Russwurm könnte sich beispielsweise eine Kampagne vorstellen – vergleichbar mit der für Organspenden. Plakate und Videoclips etwa mit der Botschaft: „Deine Gesundheitsdaten können dir und anderen helfen, wenn du sie der Forschung anonym zur Verfügung stellst.“ Und wer den Chancen der Digitalisierung im Gesundheitswesen für sich selber höhere Priorität zugesteht als den Risiken, könnte seine Bereitschaft gegenüber Rettungskräften oder Ärzten mit einem Kärtchen im Geldbeutel dokumentieren.

20 Experten drängen die Regierung

Siegfried Russwurm ist Vorstandsmitglied der Siemens AG. Und er ist Sprecher des Fachforums Digitalisierung und Gesundheit – einer von acht Arbeitsgruppen mit 20 hochrangigen Experten aus Gesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft, die der Bundesregierung beim Thema Hightech Dampf machen sollen und dafür seit eineinhalb Jahren Hirnschmalz investieren. Geleitet wird dieses sogenannte Hightech-Forum von Reimund Neugebauer, dem Präsidenten der Fraunhofer-Gesellschaft, und Andreas Barner, Präsident des Stifterverbands.

Am 16. Mai werden die Mitglieder der Bundesregierung ihre Ergebnisse überreichen. Sie tun dies mit fünf zentralen Empfehlungen. Vorangebracht werden müssten digitale Entscheidungshilfesysteme für Ärzte, eine qualitätsgesicherte Gesundheitsplattform im Internet, elektronische Gesundheitsakten für jedermann mit einfachem Zugang. Zudem gelte es, digitale Anwendungen rechtssicher zu machen und die technologischen Innovationen auch sozial einzubetten.

Gesundheitskontrolle per Knopfdruck

Um die Sache zu veranschaulichen, haben die Experten ein Szenario des möglichen Alltags in zwölf Jahren entworfen. Hauptdarstellerin darin: eine 57-Jährige, die in einem kleinen Ort in Brandenburg lebt und sich nach einem Herzinfarkt vor drei Jahren mit einem Kardio-Kompetenzzentrum im 120 Kilometer entfernten Berlin vernetzt hat. Dadurch muss sie nur noch jedes halbe Jahr zum Arzt. Nach dem Aufstehen misst sie Gewicht, Blutdruck und Herzströme. Auf die Waage zu steigen, Manschette und EKG-Kästchen anzulegen, ist kein Problem. Via Smartphone antwortet sie auf Fragen zum Befinden und ob sie Beschwerden hat. Per Knopfdruck gehen die Daten in eine Software, die sie kontrolliert und speichert. Bei Abweichungen von vordefinierten Werten werden medizinisches Personal und „Patient Care Manager“ informiert.

Die 28-jährige Tochter nutzt die digitalen Möglichkeiten zur Prävention. Mit ihrer Gesundheitsuhr (neudeutsch: Wearable) beobachtet sie, wie ihr Körper auf Sport oder durchgearbeitete Nächte mit viel Koffein reagiert. Einmal pro Woche erhält sie per Social Messenger App einen auf sie zugeschnittenen Überblick über medizinische Neuerungen samt persönlichem Gesundheitstipp. In einem zertifizierten „Prevent Camp“ tauscht sie sich mit Nutzern aus, die ein ähnliches Gesundheitsprofil haben. Und weil ihr ein Gentest eine Disposition für Diabetes bescheinigt hat, protokolliert sie via App auch regelmäßig, wie sie sich ernährt und sportlich betätigt. Mit dem Feedback darauf reduziert die junge Frau das Risiko, ernsthaft zu erkranken.

Datenschutz und Datenschatz

Faszinierend? Oder eher beunruhigend, weil die Patienten von morgen so viele Daten über sich selber preisgeben? Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen hat erst jüngst vor den Gefahren durch Wearables und Fitness-Apps gewarnt. Viele Geräte böten keine Möglichkeit, Daten selbstständig zu löschen. Zudem gingen die sensiblen Infos oft nicht nur an die Server, sondern auch an Drittanbieter wie Analyse- oder Werbedienste.

„Datenschutz und Datenschatz: Wir brauchen beides“, heißt es in dem Papier der Regierungsberater offensiv. Natürlich benötige man verlässliche Sicherheitsstandards. Gleichzeitig sei die Bereitschaft der Bürger, der Forschung ihre Daten zur Verfügung zu stellen, „essenziell“. Anonymisiert, versteht sich. Der Abgleich individueller Gesundheitsprofile mit großen Patientenkohorten ermögliche präzisere Diagnosen und bessere Therapien. Ergebnisse von Gentests könnten Hinweise auf Wirkung und Verträglichkeit von Arzneimitteln geben. „Wir dürfen uns nicht darauf beschränken, eine Diskussion nur aus der Perspektive der Gesunden zu führen“, mahnt Russwurm. Aus der Sicht des Patienten in der Notaufnahme nämlich sehe alles anders aus. Da sei es dann „plötzlich ganz wichtig, möglichst viele Informationen zur Verfügung zu haben“.

Forscher schwärmen von den Potenzialen

Auch die anderen Mitglieder des Forums betonen die Chancen. Digitalisierung könne „enorme Potenziale für die biomedizinische Forschung erschließen“, schwärmt Birgitta Wolff, die Präsidentin der Frankfurter Goethe-Universität. Und der Vorstand des Bundesverbands der Verbraucherzentralen, Klaus Müller, erhofft sich für die Patienten durch Telematik mehr Wahlfreiheit und kürzere Wege, besonders wenn sie auf dem Land leben.

Tatsächlich ist die neue Hightech-Welt im deutschen Gesundheitswesen noch nicht ansatzweise angekommen. Kopfschüttelnd haben Experten wie Russwurm das Trauerspiel um die elektronische Gesundheitskarte verfolgt, die nach jahrelanger Entwicklung und Milliardeninvestitionen immer noch nicht mehr können darf als Adressen einlesen und ein bisschen fälschungssicherer zu sein. Es sei nicht akzeptabel, drängelte Gesundheitsminister Hermann Gröhe jüngst auf der Berliner Gesundheitsmesse ConhIT, dass Patienten nach wie vor „Befunde in braunen Umschlägen von Arzt zu Arzt tragen“ und unnötige Doppeluntersuchungen über sich ergehen lassen müssten, weil jede Digitalisierung blockiert werde.

Wo bleibt der Mensch?

Das sehen auch die Bürger so. 80 Prozent erwarten sich von der Digitalisierung Vorteile, wie die Techniker Krankenkasse erfragte. 59 Prozent, dass Krankheiten dadurch früher erkannt werden. Zwei Drittel, dass Big Data und vernetzte Systeme bessere Behandlungen ermöglicht. Ebenso viele würden Forschern persönliche Gesundheits- und Fitnessdaten überlassen. Und 41 Prozent fänden es sogar okay, sich von Gesundheitsrobotern behandeln und operieren zu lassen. Bedingung nur: Die Roboter müssten präziser arbeiten.

Doch wo bleibt der Mensch, die persönliche Zuwendung, das Erfahrungswissen von Ärzten aus der direkten Begegnung mit Patienten heraus? Es gehe nicht darum, all das über Bord zu werfen, versichert Russwurm. Aber modernes Datenwissen müsse einfließen und könne medizinisches Personal unterstützen. Und die besser informierten Kranken rückten stärker auf Augenhöhe. Paternalismus ade. Die Rolle des Arztes und sein Berufsbild seien im Wandel.

Pflegeroboter und Atemdetektoren

Hochrechnungen zufolge ließen sich durch konsequente E-Health-Anwendung pro Jahr 39 Milliarden Euro sparen – zehn Prozent aller Gesundheitsausgaben. Vor allem aber ermögliche sie mehr Selbstbestimmung, argumentieren die Regierungsberater. Im Krankheitsfall wie im Alter. In ihrem Szenario beschreiben sie einen 79-Jährigen, der trotz Arthrose und Gedächtnisstörungen allein zu Hause lebt. Ein Pflegeroboter hilft ihm bei Körperpflege, Putzen und Kochen, spricht mit ihm, kann Kontakt zu Angehörigen herstellen. Eine „intelligente Pillendose“ gibt ihm zeitgenau seine Tabletten. Drucksensoren im Teppich schlagen Alarm, wenn er stürzt. Atemdetektoren in der Matratze überwachen den Schlaf.

Gespenstisch? Mag sein. Aber ohne die digitalen Helfer wäre der Mann längst im Pflegeheim. Wenn die Regierenden zu Potte kommen und entsprechende Versorgungsmodelle auf den Weg bringen würden, hätten alte Menschen dazu vielleicht bald auch eine Alternative.

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