Arztbrief : Katarakt-Operationen

Unser Experte Duy-Thoai Pham ist Chefarzt der Abteilung für Augenheilkunde im Vivantes Klinikum Neukölln. Die Klinik ist das von den niedergelassenen Augenärzten Berlins für die Durchführung einer Katarakt-Operation am häufigsten empfohlene Krankenhaus (Ärzteumfrage 2015 von Tagesspiegel und Gesundheitsstadt Berlin).

Leonard Hillmann

ERKLÄRUNG Die Linse im menschlichen Auge funktioniert wie die Linse in einem Fotoapparat. Trübt sie sich ein, wird das Bild auf der Netzhaut unscharf - man sieht dann wie durch einen Schleier hindurch.

Die Linse besteht im Wesentlichen aus zwei Teilen, die eintrüben können: dem Kern und der Rinde. Diese Trübung kommt zustande, da die mehrschichtige Augenlinse von einer Kapsel umgeben ist, durch die veraltete Zellen nicht mehr nach außen abtransportiert werden können. „Im Laufe der Zeit verdichtet sich deshalb der Kern der Linse zunehmend durch die abgestorbenen Zellen“, sagt Duy-Thoai Pham, Chefarzt der Augenheilkunde im Vivantes Klinikum Neukölln. Daher ist der Graue Star, medizinisch auch Katarakt genannt, im Alter ein relativ häufiges Leiden: „Diese Volkskrankheit tritt oft nach dem 60. Lebensjahr auf und jeder Zehnte über 70 ist davon betroffen.“ Aber die gute Nachricht dabei ist: Augenärzte können eine Katarakt heutzutage verhältnismäßig einfach operativ heilen.

Bei der Operation wird die getrübte Linse durch eine künstliche ersetzt. Dazu wird ein Schnitt (1) am Übergang von der Horn- zur Lederhaut gesetzt. In diese Öffnung wird ein spezielles Ultraschallgerät eingeführt, mit dem der Linseninhalt zerkleinert und abgesaugt wird (2). In den leeren Kapselsack wird die gefaltete Ersatzlinse geschoben, die sich dort entfaltet (3).
Bei der Operation wird die getrübte Linse durch eine künstliche ersetzt. Dazu wird ein Schnitt (1) am Übergang von der Horn- zur...Grafik: Fabian Bartel

SYMPTOME Die Sehfähigkeit nimmt langsam ab, Kontraste und Farben verblassen mit der Zeit immer mehr. Betroffene fühlen sich von hellem Licht permanent leicht geblendet und sehen schlechter im Dunkeln.

Es gibt verschiedene Formen des Grauen Stars: „Bei der sogenannten Kernsklerose verdichtet sich der Linsenkern in der Regel allmählich und lange unbemerkt über Jahrzehnte hinweg, bis dann im höheren Alter die Trübung merklich wird“, sagt Pham.

Handele es sich um eine Trübung der Linsenrinde, könnten trübe Bereiche, die in der Achse des einfallenden Lichtes entstehen, viel schneller spürbare Einschränkungen mit sich bringen.

URSACHE Grundsätzlich ist der Graue Star eine altersbedingte Erscheinung. Darüber hinaus können aber auch noch andere Faktoren eine Rolle spielen, etwa Augenverletzungen wie Augapfelprellungen oder auch bestimmte Vorerkrankungen. „Bei Diabetikern beispielsweise kann der Graue Star häufiger durch Verklumpung der Linsenproteine vorkommen“, sagt Augenexperte Pham. Auch eine hoch dosierte Kortisontherapie über längere Zeiträume begünstige die Entstehung einer Katarakt. Außerdem könne bereits ein Baby mit einer getrübten Augenlinse zur Welt kommen, wenn die Mutter während der Schwangerschaft an Röteln erkrankte.

DIAGNOSTIK Augenärzte können einen Grauen Star in der Regel schnell und einfach erkennen. Dafür nutzt der Mediziner im Normalfall die Spaltlampenuntersuchung, meist nachdem durch Augentropfen die Pupillen erweitert worden sind. Unter dem Licht der Lampe ist die Trübung schnell erkennbar. Bei einem stark ausgeprägten Grauen Star kann die Pupille außerdem sichtbar weiß erscheinen. „Bevor die Diagnose gestellt wird, müssen andere mögliche Krankheiten, die das Sehen verschlechtern, ausgeschlossen werden, zum Beispiel Netzhauterkrankungen, ein Grüner Star (Seite 32) oder eine Makuladegeneration“, sagt Pham. Wenn es sich um eine Katarakt handelt und der Patient dadurch im Alltag spürbar eingeschränkt ist, muss die Linse ausgetauscht werden.

THERAPIE Mit Medikamenten kann man einen Grauen Star nicht behandeln, aber er ist operativ heilbar. Dabei wird die eingetrübte Linse durch eine künstliche Linse ersetzt. „Vor der Operation entscheidet der Patient, auf welche Sehdistanzen die Kunstlinse angepasst werden soll“, sagt Pham. Denn wenn der Patient nach dem Eingriff in der Ferne scharf sehen, müssten die Brechwerte der neuen Linse auf eine Normalsichtigkeit berechnet werden. Dann brauchen die Patienten für die Nähe eine Lesebrille. Wenn die Sicht hingegen in der Nähe scharf sein solle, müsse eine Kunstlinse gewählt werden, die nach dem Eingriff kurzsichtig mache. „Heute kommen außerdem auch sogenannte Bi- oder Multifokallinsen zum Einsatz, mit denen man sowohl in der Nähe als auch in der Ferne gut sehen kann, da die Kunstlinse aufgrund ihre physikalischen Eigenschaften über zwei Brennweiten verfügt“, sagt Pham. Nebenwirkung dieser Sonderlinsen sei allerdings, dass man damit stärker blendempfindlich sei.

Nachdem eine Kunstlinse für die individuellen Bedürfnisse ausgewählt worden ist, kann die OP durchgeführt werden: Normalerweise wird der Eingriff bei betäubtem Auge, aber bei vollem Bewusstsein des Patienten durchgeführt. „Das Prinzip jeder Kataraktoperation ist, die trübe Linse zu entfernen und durch eine Kunstlinse zu ersetzen“, sagt Pham. Zunächst öffnet der Chirurg die Linsenkapsel mit einem winzigen Schnitt und führt dann eine kleine Sonde ein, die Ultraschall ausstößt und so die trübe Linse zerkleinert. Sie wird anschließend abgesaugt und zurück bleibt der hauchdünne, leere Kapselsack. In diese Hülle wird die Kunstlinse eingeführt. Diese ist zunächst fest zusammengewickelt und wird erst im Kapselsack entfaltet und so verankert.

Da Kataraktoperationen ein Standardeingriff sind, werden viele Behandlungen ambulant durchgeführt - sowohl in Kliniken als auch in einigen Praxen niedergelassener Ärzte. Sie zählen mittlerweile zu den weltweit häufigsten Eingriffen überhaupt. Ihre Komplikationsrate - etwa Infektionen im Auge oder im schlimmsten Fall eine Netzhautablösung (Seite 34) - ist sehr gering und schon am Tag nach der Operation sehen die Patient besser. In Deutschland werden rund 700 000 Katarakt-OPs pro Jahr durchgeführt.

PRÄVENTION Der Graue Star tritt vor allem im höheren Alter auf und ein Elixier der ewigen Augenjugend existiert bisher nicht. Worauf man jedoch achten kann: Da Experten eine hohe UV-Belastung für die Augen - etwa in großen Höhen oder durch langjähriges exzessives Sonnenbaden - als Risikofaktor für die Ausbildung eines Grauen Stars ansehen, sollte man seine Augen mit Sonnenbrillen vor besonders hellem Sonnenlicht schützen. Und werdende Mütter sollten zur Vermeidung diverser Organerkrankungen ihrer Babys - darunter auch Augenerkrankungen - in der Schwangerschaft geimpft sein: Besonders wichtig sind dabei die Immunisierungen gegen Mumps, Masern, Röteln und Windpocken sowie eine Impfung gegen Keuchhusten.

Die Redaktion des Magazins "Tagesspiegel Kliniken Berlin 2016" hat die Berliner Kliniken, die diese Erkrankung behandeln, verglichen. Dazu wurden die Behandlungszahlen, die Krankenhausempfehlungen der ambulanten Ärzte und die Patientenzufriedenheit in übersichtlichen Tabellen zusammengestellt, um den Patienten die Klinikwahl zu erleichtern. Das Magazin kostet 12,80 Euro und ist erhältlich im Tagesspiegel Shop.

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