Ohr-Implantate : Auf Wiederhören!

Leonie Wagner kam so gut wie taub zur Welt. Dank Cochlea-Implantaten hört sie Geräusche in ihrer Umgebung und versteht Gespräche. Nur ihre Umwelt hat manchmal noch Probleme damit, das zu akzeptieren.

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Hörerlebnis: Leonie auf Entdeckungsreise im Technikmuseum.
Hörerlebnis: Leonie auf Entdeckungsreise im Technikmuseum.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

"Hmm ... Moment." Leonie Wagner* überlegt. Sie hält sich den glatten, rot lackierten Würfel noch einmal an ihr linkes Ohr, schüttelt ihn erneut, diesmal ein bisschen kräftiger. Es klackert in der hohlen Holzform. Oder klappert es? Scheppert oder klimpert es vielleicht? Schwer zu sagen. Und noch schwieriger zu hören. Vor allem, wenn man von Geburt an so gut wie taub war - so wie Leonie. Wenn man wie sie technische Hilfsmittel braucht, um überhaupt Geräusche wahrnehmen zu können. Und genau wie sie das Hören erst mühsam lernen musste.

»Geräusche-Memory« ist daher vielleicht nicht das richtige Spiel für Leonie. Könnte man denken. Geht es doch bei diesem Spiel darum, Paare zu finden - nur eben nicht auf der Basis von Bildern, wie normalerweise. Sondern mithilfe von Klängen. Trotzdem spielt die 14-Jährige mit den rotblonden Haaren und der eckigen, dunkelgrün gerahmten Brille genau dieses Spiel im Science Center Spectrum, dem Experimentarium des Deutschen Technikmuseums in Berlin-Kreuzberg, in dem man spielerisch naturwissenschaftliche Gesetze und Phänomene kennenlernen kann.

Leonie schaut auf den runden Holztisch vor sich. Elf weitere Holzwürfel liegen da. Die sind genauso glatt, genauso rot wie der in ihrer Hand. Sie ruft sich kurz ins Gedächtnis, welche davon sie schon geschüttelt hat. Dann lacht das Mädchen fröhlich auf. »Ha! Jetzt hab ich's!« Zielstrebig greift sich Leonie einen der Würfel vom Tisch. Ein kurzes Schütteln zur Kontrolle: passt. Paar gefunden. Auf zur nächsten Station.

Leonie trägt ein tailliertes kariertes Hemd, eine schwarze Hose und blaue Turnschuhe. Sie ist an diesem Nachmittag im dritten Stockwerk des Science Center Spectrum unterwegs, Abteilung Hören und Musik. Sie liebt Musik, ist mit Begeisterung bei den zum Teil recht technischen Klangexperimenten dabei. Vielleicht, weil bei ihrer Geburt nicht klar war, ob sie jemals Musik würde hören können. Vielleicht auch, weil sie es der modernen Technik verdankt, dass sie es heute kann.

Rückblende. Spätsommer 2011. Leonie - zehn Jahre alt damals, die Haare noch ein wenig blonder und mit lila Haargummis zu einem Pferdeschwanz zurückgebunden, die Brille eckig und blau gerahmt - sitzt in einem schallgeschützten Raum im Erdgeschoss des CIC in Berlin-Neukölln. CIC: Diese Abkürzung steht für Cochlear Implant Centrum Berlin-Brandenburg, ein ambulantes Reha-Zentrum für Kinder und Erwachsene, die elektronische Innenohrprothesen (Cochlea-Implantate) tragen.

Aus zwei kleinen Lautsprecherboxen, die auf metallenen Stelzen stehen, ertönt eine Computerstimme: »Zeige das Bild: Wale.« Leonie hört konzentriert zu. Dann zeigt sie mit ihrem Finger auf eines von vier gezeichneten Bildern auf dem Monitor, der ihr gegenüber auf einem Tisch steht: zwei Wale, die mit großen Fontänen Wasser in die Luft sprühen. »Zeige das Bild: Male.« Ohne Umschweife deutet das Mädchen auf das richtige Bild: eine Hand, die mit einem Pinsel eine blaue Linie zieht.

Bei Hörmessungen wie dieser - den sogenannte Audiometrien - spielen Audiologen oder Hörtherapeuten ihren Patienten Töne, einzelne Wörter oder ganze Sätze vor. Sie verändern deren Lautstärke oder fügen Störgeräusche hinzu, um festzustellen, wie gut oder schlecht ihre Klienten hören, wie viel Sprache sie verstehen. Die Ergebnisse dieser Tests fassen sie anschließend in einem Audiogramm zusammen. Das ist ein Diagramm, in dem eine Linie anzeigt, ab wie viel Dezibel Lautstärke der Patient die einzelnen Tonhöhen wahrnehmen kann, wie groß also sein Hörvermögen ist.

Als Leonie als Einjährige zum ersten Mal ins CIC kam, befand sich diese Linie ganz unten in ihrem Audiogramm: Sie nahm kaum Geräusche wahr. »Ein Flugzeug hätte neben ihr landen können, ohne dass sie es hört«, sagt Silvia Zichner, Audiologin und therapeutische Leiterin des CIC.

Warum Leonie fast taub zur Welt kam, ist nicht eindeutig geklärt. Die Ursache angeborener Innenohrschwerhörigkeiten können zum Beispiel vererbte Gendefekte, Infektionen mit Masern oder Röteln während der Schwangerschaft oder ein Sauerstoffmangel während der Geburt sein. Sie alle haben zur Folge, dass die Haarzellen im Innenohr absterben. Sie können dann die elektrischen Impulse, in die Schallwellen im Innenohr umgewandelt werden, nicht mehr empfangen und an den Hörnerv weiterleiten. Die akustischen Signale kommen nicht im Gehirn an. Cochlea-Implantate gleichen eine derartige Hörminderung aus, indem sie die Funktion der Haarzellen übernehmen und den Hörnerv mit elektrischen Impulsen stimulieren.

Dazu bestehen die Prothesen aus zwei Teilen: einem Sprachprozessor mit Sendespule, der wie ein Hörgerät hinter dem Ohr getragen wird, und einem Implantat mit einer Empfangsspule. Diese platzieren die Ärzte unter der Haut hinter dem Ohr. An dem Empfänger befindet sich ein rund sieben Zentimeter langes, leicht gerolltes Kabel mit kleinen Elektroden, das in die Hörschnecke - die Cochlea - eingeführt wird. Kommen nun von dem Sprachprozessor kodierte Signale als elektrische Impulse im Implantat an, leiten die Elektroden des Kabels diese an den Hörnerv weiter.

Früher waren es vor allem taub geborene Kinder, die ein Cochlea-Implantat bekommen haben. Heute sind es auch immer mehr Erwachsene, die an starker Schwerhörigkeit leiden und sich deshalb für diesen Eingriff entscheiden.

»Cochlea-Implantate sind bekannter geworden«, sagt Silvia Zichner vom CIC. »Außerdem ist es leichter, sie zu bekommen.« Die Krankenkassen hätten eingesehen, dass die Geräte zwar teuer seien - ein Prozessor kostet rund 10.000 Euro -, aber auch sehr sinnvoll. Dennoch sei noch immer viel Schreibkram vonnöten, um so eine Hörprothese zu beantragen.

Taub geborene Kinder können nach der Implantation von Innenohrprothesen nicht sofort hören. »Das müssen sie erst langsam lernen«, sagt Zichner - genau wie das Umwandeln der neuen Geräusche in eigene Laute, in eine eigene Sprache. Denn wenn der Sprachprozessor zum ersten Mal angeschaltet wird und die ersten Signale an die implantierte Empfangsspule sendet, kommen diese nicht gleich als »Hören« im Gehirn an. Das Gehirn müsse sich vielmehr erst einmal an die neuen Reize gewöhnen, sagt die Therapeutin. »Wenn kleine Kinder diese Eindrücke zum ersten Mal wahrnehmen, halten sie meist überrascht und interessiert inne«, sagt Zichner. »So, als würden sie sich fragen, wo die auf einmal herkommen.«

Neun Jahre später, im Spätsommer 2011, fragt sich Leonie das schon lange nicht mehr. Nach der Messung verläuft die Hörkurve der damaligen Fünftklässlerin wie ein Börsenkurs in wirtschaftlich guten Zeiten: am oberen Rand des Audiogramms.

Das bedeutet: Leonies Hörvermögen lag damals bereits bei über 90 Prozent und damit fast so hoch wie bei Gleichaltrigen. Sie konnte feine Lautunterschiede wie die zwischen »Wale« und »Male« erkennen und auch leise geführten Gesprächen folgen. Nur bei starken Störgeräuschen, wenn zum Beispiel viele Leute wild durcheinanderreden, hatte Leonie noch Schwierigkeiten. Dann musste sie sich sehr anstrengen, um alles richtig zu verstehen.

Daran erinnert, schüttelt Leonie im Januar 2015 energisch den Kopf. »Nein«, sagt die heute 14-Jährige. »Eigentlich habe ich gar keine Probleme mehr, etwas zu verstehen.« Das liegt wohl auch daran, dass sie im vergangenen Jahr neue Prozessoren bekommen hat. Um 30 Prozent hat sich ihr Gehör damit noch einmal verbessert. Ins CIC geht sie auch nur noch, wenn an ihren Geräten etwas kaputtgeht oder sie etwas neu einstellen will. Denn der Sprachprozessor muss immer wieder angepasst werden. Dafür wird das Cochlea-Implantat mit einem Computer verbunden. Über ein spezielles Programm können die Therapeuten im CIC dann jede einzelne Elektrode in dem implantierten Kabel ansteuern, um beispielsweise die Lautstärke so einzustellen, wie sie für den Rehabilitanden angenehm ist.

Also alles gut? Nicht ganz. Denn auch wenn Leonie heute keine Probleme mehr hat, Geräusche wahrzunehmen, zu hören, Gesprächen zu folgen: In ihrer Umwelt haben die Menschen zum Teil immer noch Probleme mit ihr. Mit den großen, blauen Geräten, die sie hinter beiden Ohren trägt. Mit den OP-Narben, die dort auch noch zu sehen sind. Mit ihren Implantaten.

Vor allem in der Schule war es schlimm: Klassenkameraden hänselten sie, ärgerten sie, indem sie extra leise sprachen. Lehrer waren überfordert, konnten nicht damit umgehen, dass für das Mädchen etwas so Selbstverständliches wie hören anstrengend sein konnte, dass es deshalb öfter eine Pause brauchte als andere Kinder. Zweimal hat Leonie deswegen schon die Schule gewechselt. Die achte Klasse, die sie mittlerweile besucht, ist auf einer Schule für Schwerhörige: der Margarethe-von-Witzleben-Schule in Berlin-Friedrichshain.

Hier ist sie nicht die einzige Schülerin, die Probleme mit den Ohren hat. Zwei Mitschüler tragen sogar ebenfalls Cochlea-Implantate. Hier muss sie sich nicht verstellen, hier hat sie Freunde gefunden. Denn hier verstehen sowohl die Lehrer als auch die Klassenkameraden, dass Hören eben nicht immer selbstverständlich ist. Dass es anstrengend sein kann. Und dass es trotzdem Spaß macht. Genauso wie Musik - oder eben »Geräusche-Memory«. *Name geändert

Das Magazin für Medizin und Gesundheit in Berlin: "Tagesspiegel Gesund - Berlins beste Ärzte für Hören und Sehen".

Weitere Themen der Ausgabe: Wahrheit oder Mythos. Was dem Augenlicht hilft und schadet; Sehen. Wie unser Auge die Welt des Lichts einfängt; Schielen. Wie der kleine Ben in der Sehschule das richtige Sehen lernt. Augenlaser. Wie Lichtblitze eine neue Linse ins Auge schleifen; Grauer Star. Mit der neuen Linse gegen die trübe Sicht. Beratung Sehhilfen. Gehärtete oder dünne Brillengläser? Ortho-K- oder Multifokallinse? Worauf man beim Kauf achten sollte; Technikneuheiten. Netzhautchip und Intraokularlinsen - Innovationen in der Augenmedizin; Hören. Wie das Ohr Luftschwingungen in Töne verwandelt; Ohrenpflege. Die endgültige Wahrheit über Wattestäbchen; Tinnitus. Wenn das Klingeln im Ohr nicht mehr verschwinden will; Beratung Hörgeräte; Außerdem: Kliniken und Arztpraxen im Vergleich. "Tagesspiegel Gesund" - Jetzt bei uns im Shop

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