Chinas Industrie : Vom Aufholen zum Überholen

Chinas Technologieambitonen sind ehrgeizig – bei Forschung und Innovation ist der Weg an die Weltspitze allerdings noch lang.

Margot Schüller,Yun Schüler-Zhou
Blick in die Fabrik für Hochgeschwindigkeitszüge der Staatlichen Eisenbahngesellschaft CNR in Tangshan. China führt mit 28 Nationen Gespräche über diese Züge, darunter USA, Russland und Brasilien.
Blick in die Fabrik für Hochgeschwindigkeitszüge der Staatlichen Eisenbahngesellschaft CNR in Tangshan. China führt mit 28...Foto: Kim Kyung-Hoon/Reuters

China will in nahezu allen strategisch wichtigen Industrien die technologische Führung übernehmen: Biotechnisch hergestellte Pharmazeutika, Elektrofahrzeuge, Informationstechnologien der neuesten Generation wie cloud computing und internet of things zählen ebenso dazu wie umweltfreundliche und energieeffiziente Technologien, neue Materialien oder die Herstellung hochwertiger Ausrüstungen für Luft- und Schifffahrt. China konnte zwar in der letzten Dekade beeindruckende technologische Aufholprozesse und Erfolge im Lowtechbereich realisieren.

Es ist jedoch nicht zu erwarten, dass chinesische Unternehmen in all diesen Industrien mittelfristig zur globalen Technologieführerschaft aufschließen können. Wie schnell China den Übergang von den Lowtech- in die Hightechindustrien schaffen wird, hängt nach Einschätzung der Autorinnen auch stark von der Umsetzung der wirtschaftlichen Reformagenda der Xi-Jinping-Regierung ab.

China ist heute ein wichtiger Standort für Wissenschaft und Technologie. Dazu haben die rasante Steigerung der Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F & E), der Zahl von Wissenschaftlern und Technikern, die Verbesserung der Forschungsinfrastruktur und die internationale Ausrichtung der Wissenschafts- und Technologieentwicklung beigetragen. Beeindruckend ist vor allem die Ausweitung der F-&-E-Intensität (F-&-E-Ausgaben in Relation zum Bruttoinlandsprodukt). Diese stieg von 1,1 Prozent auf 2,08 Prozent zwischen 2002 und 2013. China liegt damit über dem Durchschnitt der OECD-Mitgliedsstaaten (1,97 Prozent).

Noch rangiert das Land trotz einer jährlichen Steigerung der Ausgaben um 20 Prozent pro Jahr hinter den USA. Da die F-&-E-Zuwächse in den USA, in der EU und Japan rückläufig sind, hat China nach einer Prognose der OECD das Potenzial, zum Motor der globalen Innovation zu werden.

China will ausländische Wissenschaftler locken

Auch die absolute Zahl der Hochschulabsolventen und Wissenschaftler in China ist im internationalen Vergleich bemerkenswert hoch. Werden allerdings demografische Faktoren einbezogen, ergibt sich ein anderes Bild. Um den Engpass bei hoch qualifiziertem Humankapitel zu überwinden, bietet China nicht nur chinesischen Wissenschaftlern attraktive Konditionen für die Rückkehr aus dem Ausland an. Auch ausländische Wissenschaftler und Manager sollen verstärkt für die Forschungs- und Technologieentwicklung eingeworben werden.

Der verstärkte Einsatz von F-&-E-Ausgaben und Humankapital hat eine Explosion von Publikationen in wissenschaftlichen Zeitschriften und Anmeldungen von Patenten im In- und Ausland bewirkt. Hierfür spielten die Einführung eines monetären Anreizsystems für die Veröffentlichung von Forschungsergebnissen in renommierten Zeitschriften sowie die Neuausrichtung der Karriereanforderungen für Wissenschaftler eine zentrale Rolle.

Zwischen 2005 und 2012 nahm die Anzahl der wissenschaftlichen Publikationen um 44  Prozent auf rund 160 000 Artikel zu. Der prozentuale Anteil Chinas an allen Publikationen im Web of Science zwischen 2003 und 2013 verdoppelte sich auf fast 15 Prozent. Diese Entwicklung ging mit einem relativen Rückgang der Publikationsanteile der USA und der EU-28 einher, die allerdings noch mit 20 Prozent beziehungsweise 25 Prozent die internationale Publikationslandschaft dominieren.

Trotz der rasanten Entwicklung gibt es viele Probleme

Ähnlich rasant verlief der Anstieg der Patentanmeldungen. Im internationalen Vergleich lag China nach Statistiken der World Intellectual Property Organization mit einem Anteil von 32 Prozent von im Inland registrierten Patenten bereits vor den USA (22 Prozent). Dagegen wurden lediglich rund 30 000 chinesische Patente im Ausland angemeldet, während auf die USA und Japan jeweils mehr als 200 000 Patentanmeldungen entfielen.

Die enorme Verbesserung bei den oben genannten Input- und Outputindikatoren für Innovation spiegelt die Anstrengungen Chinas wider, im internationalen Wettbewerb aufzuholen. Im globalen Ranking der innovativsten Länder steht China zwar noch nicht oben, hat sich jedoch in den vergangenen Jahren deutlich höher positionieren können und besetzt innerhalb der Gruppe mit mittlerem Einkommen eine Spitzenposition.

Hinter dieser beeindruckenden Entwicklung verbergen sich allerdings zahlreiche Probleme im chinesischen Wissenschaftssystem. Qualitätsmängel bei Publikationen und damit geringe Zitation der Forschungsergebnisse im Ausland, ein florierender akademischer Schwarzmarkt sowie die Dominanz der Bürokratie bei der Auswahl von Forschungsprojekten sind nur einige davon.

Am Beispiel der Patente als wichtigem Indikator für die Innovationsaktivität eines Landes werden die Herausforderungen deutlich. So fallen selbst nach offizieller chinesischer Definition nur rund 20 Prozent der genehmigten Patente in die Kategorie invention patents. Die Flut von Gebrauchsmusteranmeldungen mit niedrigen Prüfstandards durch chinesische Unternehmen birgt die Gefahr, dass sich die Unternehmen in ihrer Innovationsentwicklung gegenseitig blockieren. Ausländische Unternehmen rechnen mit aufwendigen Rechtsstreitigkeiten als Folge der Patentflut.

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