Prof. Dr. Kay Kohlmeyer : Virtuelle Archäologie

Die Forschergruppe Virtuelle Archäologie hat sich zum Ziel gesetzt, eine Toolbox zu entwickeln, um archäologische Daten unterschiedlichsten Ursprungs, verschiedener Auflösungen und variierender Skalen zusammenzuführen.

Prof. Dr. Kay Kohlmeyer
Prof. Dr. Kay KohlmeyerFoto: Oliver Elsner

Zur computergestützten Erforschung archäologischer Fragestellungen finden bisher kaum virtuelle Echtzeitumgebungen Anwendung, denn sie stellen große Anforderungen an das Management der erhobenen und prozessierten Daten und sie erfordern eine hohe Rechenleistung und Speicherkapazität. Ziel der Forschergruppe Virtuelle Archäologie ist u.a. die Erzeugung realistischer 3D-Visualisierungen mit höchster Detailgetreuigkeit in einer interaktiven virtuellen Umgebung, in Game-Engines.

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Prof. Kay Kohlmeyer
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Zwei Beispiele verdeutlichen die Aktualität der virtuellen Sicherung von Kulturgut: der vom syrischen Bürgerkrieg betroffene Tempel des Wettergottes von Aleppo und die vom ‚Islamischen Staat’ eroberte einstige Herrschermetropole Samarra (Iraq), die akut gefährdet ist durch mutwillige Zerstörungen und Raubgrabungen. Uns geht dabei nicht nur um eine digitale Sicherung von gefährdetem Kulturgut in Gestalt von 3D-Punktwolken, sondern seine – wenn auch nur virtuelle – Weiterexistenz, vielleicht reduziert dies auch die Intention zu dessen physischer Zerstörung.

Der Tempel in Aleppo stellt mit seinem Architekturdekor aus dem 2. und frühen 1. Jts. v. Chr. eines der bedeutendsten Bauwerke des Vorderen Orients dar. Er konnte noch vor Ausbruch des Krieges mit einem Nah- und einem Mittelbereichsscanner dokumentiert werden. Bei der Zusammenführung der unterschiedlich skalierten Daten - 3D-Laserscans, tachymetrische Messungen und Informationen aus GIS-Umgebungen -  mussten Probleme bei Schnittstellen und der Reduktion der Datenmengen bei gleichzeitiger Erhaltung der hohen Auflösung gelöst werden.

Aufgabe des EFRE-Projektes „Modulares mobiles System zur hochpräzisen 3D-Dokumentation von Kulturgut“  war, angewendet am Fundgut aus Samarra im Berliner Museum für Islamische Kunst, die schnelle, aber objektschonende 3D-Erfassung einer großen Anzahl von Objekten mit dem Ziel einer virtuellen Kontextualisierung und Zusammenführung der auf verschiedene Museen verstreuten Funde. Die Scans wurden mit freier Positionierung durchgeführt, wobei der hohe Aufwand an Nachbearbeitung durch eine automatisierte Verarbeitung der 3D-Daten hin zur Anwendung in einer Game Engine erheblich kompensiert wurde. Dadurch lassen sich nun die Objekte in einer interaktiven Visualisierung in den ursprünglichen Kontext stellen und somit in ihrer Bedeutung erfassen.

Zur Person

Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (HTW), Archäologie, Grabungstechnik

Kay Kohlmeyer,Vorderasiatischer Archäologe, lehrte seit 1994 Feldarchäologie an der HTW Berlin. Seine Feldforschungen führten ihn nach Syrien, wo er den Tempel des Wettergottes von Aleppo ausgrub, in die Türkei und nach Sri Lanka. Aktuell forscht er zu den Methoden Virtueller Archäologie.

Schlagworte

Virtuelle Archäologie
Sicherung gefährdeten Kulturgutes
interaktive Umgebung für archäologische Objekte
Aleppo
Samarra