Erforschung der Umwelt : Für die Hoffnung

Der syrische Umweltbiologe Shadi Khudr forscht mit einem Stipendium an der Freien Universität.

Christine Boldt
Aleppo nach einem Bombenangriff. Seit Beginn des blutigen Bürgerkriegs, den die Truppen von Präsident Baschar al-Assad gegen verschiedene Oppositionsgruppen führen, ist in Syrien das zivile Leben zum Erliegen gekommen.
Aleppo nach einem Bombenangriff. Seit Beginn des blutigen Bürgerkriegs, den die Truppen von Präsident Baschar al-Assad gegen...Foto: Picture Alliance / Stringer

Shadi Khudr war kaum in Berlin angekommen, als er sich an die Caritas wandte. Nicht, um selbst Hilfe in Anspruch zu nehmen, sondern um seine Unterstützung anzubieten. „Ich wollte in der Umgebung, in der ich lebe, etwas Gutes tun“, sagt der junge Syrer, der im Oktober vergangenen Jahres von der University of Manchester nach Dahlem gewechselt ist. Anderen beim Eingewöhnen in fremder Umgebung zu helfen, gibt dem durch den syrischen Bürgerkrieg in Berlin gestrandeten Wissenschaftler selbst Kraft. Bei der Caritas hat er sich deshalb dafür bedankt, dass er sich engagieren darf: Nur so könne er seine eigene Situation, fern von der Familie, aushalten.

Bis 2011 verlief das Leben des promovierten Umweltbiologen in geordneten Bahnen: Die Schule in Damaskus schloss er mit Bestnoten ab, das Biologiestudium an der dortigen Universität ebenfalls. Es folgten wissenschaftliche Mitarbeit im Labor und Aufgaben als Mentor und Tutor.

Als Shadi Khudr als Doktorand nach Großbritannien geht, um mit einem Stipendium in Manchester zu promovieren, ahnt er nicht, welch weitreichende Konsequenzen seine Entscheidung haben wird. Denn mit dem Ausbruch des Konflikts im Jahr 2011 ist die Rückkehr in die Heimat für den Syrer schwierig geworden. Als Gründe nennt er, dass er Gewalt grundsätzlich ablehne und sich als politisch neutral verstehe, dass er für den Dialog und die Meinungsfreiheit eintrete: „Ich bin Wissenschaftler und möchte mein Land friedlich aufbauen, indem ich lehre und forsche.“

Wie groß ist der Einfluss der Gene auf eine Pflanze?

Shadi Khudr bleibt in Manchester, wird dort 2012 promoviert und führt seine Experimente fort. Er erforscht die Wechselbeziehung zwischen Pflanzen und den von ihnen abhängigen Tier- und Pflanzenpopulationen sowie die Umwelteinflüsse auf diese Beziehungen.

Nach dem Ende der Postdoktorandenstelle bietet ihm die Universität in Manchester eine Position als Gastwissenschaftler an, gleichzeitig kommt die Zusage für das Stipendium der Organisation Scholars at Risk, die politisch verfolgte und gefährdete Wissenschaftler unterstützt. Shadi Khudr nimmt an und stellt damit eine weitere Weiche: Ein Jahr lang, bis Ende September 2015, wird er an der Freien Universität Berlin forschen.

Seit Oktober vergangenen Jahres gehört der Syrer zur Arbeitsgruppe um Biologieprofessorin Jana Petermann. Hier wirkt er an der Schnittstelle von Genetik und Umwelt- und Evolutionsbiologie zur Interaktion zwischen Lebewesen und ihrer Umgebung. Wie groß ist der Einfluss der Gene auf eine Pflanze? Wie groß der ihrer Umgebung – des Bodens, in dem sie wächst, oder ihrer Feinde, etwa der Blattlaus? Als ökologischer Modellorganismus dient Khudr der Kreuzblütler Arabidopsis, die gemeine Ackerschmalwand.

"Das hat mir das Herz gebrochen"

Seine Kollegen an der Freien Universität seien sehr freundlich, sagt Khudr auf die Frage, wie es ihm in Berlin gehe. Er sei gesund, könne seine Forschung fortführen und werde von der Freien Universität und Scholars at Risk exzellent beraten und unterstützt. Dafür bedankt er sich – und auch für die Frage nach seinem Befinden.

Shadi Khudr ist ein höflicher Mensch, sanft und zugewandt, dabei diszipliniert und entschieden. Ausgerüstet hat er sich mit einer „Überlebensstrategie“: „Ich versuche zu überleben, indem ich produktiv bin. Ich versuche, mich selbst glücklich zu machen. Ich lächle, weil es mir hilft.“

Dass sein Leben ohne seine Familie und in der Fremde – wenn auch an einem sicheren Ort wie Berlin – nur die zweitbeste aller Möglichkeiten ist, daraus macht er kein Geheimnis: „Ich vermisse meine Familie unendlich. Meine alte Großmutter hat mir erzählt, dass sie zu Gott betet, dass sie mich vor ihrem Tod wiedersieht“, erzählt Khudr. „Das hat mir das Herz gebrochen.“

Zu anderen Syrern in Berlin sucht er keinen Kontakt. Das sei, überlegt er, vielleicht auch eine Strategie, um nicht in Konflikt zu geraten und politisch Position beziehen zu müssen, für oder gegen eine Partei. Was derzeit in seiner Heimat passiere, sei „der syrischen Natur fremd“, sagt Khudr, der in einer Gesellschaft verschiedener Menschen und Religionen aufgewachsen ist: „Mit meiner Großmutter bin ich oft zu unseren Nachbarn gegangen, die aus unterschiedlichen Ethnien und Kulturen stammten. So ist das eigentliche Damaskus: vielfältig und undogmatisch und gegen Gewalt.“

Wie es nach seinem Stipendium weitergeht, weiß er noch nicht

Shadi Khudr hat viele Pläne: Besser Deutsch können möchte er; die Sprache gefällt ihm, weil sie in ihrer grammatischen Struktur Ähnlichkeit mit dem Arabischen habe. Bei seiner ehrenamtlichen Tätigkeit für die Caritas hat er eine Dokumentarfilmerin kennengelernt.

Seine Idee, einen Film über die Interaktion der verschiedenen Kulturen in Berlin zu machen, habe ihr gefallen. Ein Exposé hat er schon geschrieben. Außerdem betreibt er ein Blog, auf dem er Laien seine Forschung erläutert. Die Wiederverwendung von Materialien reizt ihn besonders: Aus recycelbaren Plastikflaschen hat er kleine Gewächshäuser gebaut, in denen er Pflanzen und Blattläuse kultiviert.

Shadi Khudr weiß noch nicht, wie es nach dem Aufenthalt an der Freien Universität weitergeht. Nur, dass er sich grundsätzlich entschieden hat: gegen Zukunftsangst und für die Hoffnung. Etwa die, dass die internationale Gemeinschaft Syrien hilft, die Probleme im Dialog zu lösen. Dass er in seine Heimat und zu seiner Familie zurückkehren kann. Er sei zwar Wissenschaftler, sagt Khudr, aber glaube auch an eine spirituelle Kraft: „Licht, Liebe, Frieden und Hoffnung“, das sei sein Motto. Er sagt es auf Deutsch. „Wenn ich daran nicht glauben würde, wäre ich längst zusammengebrochen.“

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